Freitag, 1. April 2022

Überlebende berichten: „Jeder wusste, dass Kinder im Theater waren“

Die Zerstörung des Theaters von Mariupol am 16. März durch die russische Armee schockierte die Welt. Die Überlebenden Viktoria Dubowyzkij und Maria Kutnjakowa erinnern sich voll Schrecken an die Bombardierung des historischen Gebäudes. Wie Zehntausende andere Menschen aus ihrer südukrainischen Heimatstadt leben die beiden Frauen inzwischen als Binnenflüchtlinge im westukrainischen Lwiw.

Das Wort „Deti“ (Kinder) in großen weißen Buchstaben auf beiden Seiten des Theaters: Es hat die russischen Streitkräfte nicht von einem Bombardement abhalten können. - Foto: © APA/afp / -

Viktoria Dubowyzkij hatte sich am 5. März gemeinsam mit ihren kleinen Kindern vor den russischen Bombardierungen in Mariupol in das Theatergebäude geflüchtet. Der 16. März sei ein zunächst ruhiger Tag gewesen, erzählt sie der Nachrichtenagentur AFP – bis zur Bombardierung des Theaters.

Sie selbst sei unter der Druckwelle gegen eine Wand geschleudert und im Gesicht verletzt worden, berichtet Dubowyzkij. Die Schreie ihres sechsjährigen Sohnes Artjom habe sie sofort gehört, nicht aber jene ihrer zweijährigen Tochter Anastasia. „Es war der fürchterlichste Moment zu denken, dass sie nicht mehr da ist“, sagt die 24-Jährige. „Du hoffst, dass sie ihre Arme oder Beine verloren hat, aber zumindest am Leben ist.“

Foto: © APA/afp / HANDOUT



Auf Satellitenbildern war zu sehen, dass das Wort „Deti“ (Kinder) in großen weißen Buchstaben auf beiden Seiten des Theaters stand, als es von der russischen Armee angegriffen wurde. Nach Angaben der ukrainischen Behörden befanden sich zu diesem Zeitpunkt 1000 Menschen in dem Gebäude, darunter vor allem Frauen und Kinder. Wie viele Menschen bei dem Angriff getötet wurden, ist unklar. Die Stadtverwaltung von Mariupol geht von etwa 300 Todesopfern aus.

„Jeder wusste, dass Kinder im Theater waren“, sagt Dubowyzkij. Wie sie hofften auch die meisten anderen Schutzsuchenden in dem Theater, sich von dort einem Flüchtlingskonvoi anschließen zu können. Dass das Theater ein Ausgangspunkt sowohl für offizielle Evakuierungsversuche als auch für privat organisierte Konvois war, berichtet auch Maria Kutnjakowa.

Die Kommunikationsmanagerin eines Mariupoler Start-ups war mit ihrer Mutter und Schwester ins Schauspielhaus gekommen, um sich dort einem der Konvois anzuschließen. Der Familie waren nach einem Beschuss ihres Wohnhauses, bei dem auch einer ihrer Nachbarn getötet wurde, Wasser und Lebensmittel ausgegangen.

Nach den Luftschlägen auf Mariupol - Foto: © APA/afp / -



Am 16. März, dem Tag des russischen Angriffs, waren der Keller des Theaters und das Erdgeschoß so voll mit Schutzsuchenden, dass Kutnjakowa, ihre Mutter und Schwester in den dritten Stock des Gebäudes umzogen. Wie Kutnjakowa berichtet, verließ sie das Gebäude an diesem Tag, um bei ihrem Onkel Wasser zu holen. Sie habe das russische Kampfflugzeug gehört und dann den Bombenabwurf gesehen.

„Als ich näher kam, sah ich, dass das Theater kein Dach mehr hatte, ich sah die Trümmer und die Verletzten“, sagt die 30-Jährige. In den Trümmern des Theaters sei es chaotisch gewesen, die Menschen hätten verzweifelt die Vornamen ihrer Angehörigen gerufen, erinnert sich Kutnjakowa. Sie habe deshalb auf der Suche nach ihrer Schwester und Mutter ihren Familiennamen gerufen – und die beiden schließlich lebend entdeckt. Von einem „Wunder“ spricht die 30-Jährige, die nach 13 langen Tagen auf der Flucht in Lwiw ankam, heute.

Russland behauptet, in dem Theatergebäude hätten sich Kämpfer des berüchtigten nationalistischen Asow-Regiments verschanzt. Kutnjakowa und Dubowyzkij widersprechen dem. Zum Zeitpunkt des Angriffs sei kein einziger Soldat im Gebäude gewesen.

„Die Soldaten kamen einmal täglich, um zu sagen, ob es einen humanitären Korridor geben werde und sind anschließend sofort wieder gegangen“, sagt Dubowyzkij. Nur einmal hätten 4 ukrainische Soldaten in dem Gebäude übernachtet, als es in der Nähe ein Bombardement gegeben habe.

Heute ist Mariupol weitgehend zerstört. Zehntausende Zivilisten sind in der von der russischen Armee belagerten Stadt noch eingeschlossen, abgeschnitten von jeglicher Versorgung.

Das Ausmaß der Zerstörung ihrer Stadt sei ihr erst auf der Flucht bewusst geworden, sagt Dubowyzkij. Überall habe sie Trümmer und Leichen gesehen. Mancherorts seien kleine Holzkreuze in die Erde gesteckt worden. „Wenn die Menschen ihre Liebsten finden, begraben sie sie einfach dort, wo sie können.“ Manchmal seien es Orte, „wo früher die Rosen blühten“, sagt Dubowyzkij. „Jetzt ist die Stadt ein gemeinsames Grab für alle.“

Alle Berichte zum Krieg in der Ukraine lesen Sie hier.

apa/afp

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