Sechseinhalb Monate lag der 16-jährige Mailänder Leonardo Bove im Niguarda-Krankenhaus, wo er wegen schwerster Brandverletzungen behandelt wurde. Nun ist der Jugendliche entlassen worden. Er gehört zu den Überlebenden jener verhängnisvollen Silvesternacht in Crans-Montana, die 41 Menschen das Leben kostete.<BR /><BR />Nach der langen Zeit auf der Intensivstation blickt der 16-Jährige vor allem nach vorne. „Über die Morettis denke ich nicht mehr nach, sie interessieren mich nicht. Mich interessiert nur noch mein Leben“, sagte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur ANSA. „Ich habe gesehen, wie es mir in jener Nacht zu entgleiten drohte – ich will es nie wieder verlieren.“<BR /><BR />Gleichzeitig fordert der Jugendliche Konsequenzen für die Verantwortlichen der Tragödie: „Sie sind erwachsene Menschen und haben die Verantwortung übernommen, ein Lokal zu eröffnen. Also müssen sie auch die Verantwortung für das übernehmen, was passiert ist.“ Nach Crans-Montana werde er nie wieder zurückkehren: „Ich will diesen Ort komplett aus meinem Leben löschen.“<h3>Bittere Wut der Mutter</h3>Während der Sohn versucht, nach vorne zu schauen, sitzt der Schmerz bei den Eltern tief. Monatelang schwieg die Familie und konzentrierte sich ausschließlich auf die Genesung von Leonardo. Nun bricht die Mutter, Loretta Arapi, ihr Schweigen – auch angesichts der jüngsten Festnahme von Club-Besitzer Jacques Moretti, <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/jacques-moretti-wegen-gewaltvorwuerfen-gegen-ehefrau-festgenommen" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">der derzeit wegen häuslicher Gewalt gegen seine Ehefrau festgenommen wurde.</a><BR /><BR />„Wir sind wütend und fassungslos. Er sitzt erst jetzt im Gefängnis – und das nicht wegen der Katastrophe“, so Arapi. „Es ist ein unfassbarer Schmerz zu sehen, wie wenig Gewicht die Morettis den vielen verstorbenen Jugendlichen und all jenen beigemessen haben, die noch immer um ihr Leben kämpfen.“<BR /><BR />Scharfe Kritik übt die Mutter auch am Bürgermeister von Crans-Montana, Nicolas Féraud, gegen den ebenfalls ermittelt wird. „Er ist einer der unnahbarsten Menschen, die wir je getroffen haben. Wir Eltern saßen dort in völliger Verzweiflung, zwischen Tränen und Stille – und dieser Mann stand einfach völlig regungslos daneben. Wir haben uns gefragt: Mit wem haben wir es hier eigentlich zu tun? Schon damals haben wir geahnt, wie dieser Prozess verlaufen wird.“<h3>„Ich habe den anderen Vater um Entschuldigung gebeten“</h3>Wie hoch die emotionale Belastung in den Tagen nach der Katastrophe war, zeigt eine Schilderung von Vater Gabriele Bove. Drei Tage lang herrschte Ungewissheit darüber, ob Leonardo die Brandnacht überlebt hatte. Erst am Abend des 3. Januar um 22.30 Uhr brachten italienische Diplomaten die Nachricht: Ein DNA-Test bestätigte, dass der 16-Jährige schwer verletzt in einer Klinik lag und lebte.<BR /><BR /> In der Klinik wartete gleichzeitig noch eine andere Familie auf Nachricht über ihr Kind. „Als man uns sagte, dass Leo lebt, haben wir natürlich gejubelt. Aber im Nebenzimmer saß die andere Familie. Wenn mein Sohn lebt, bedeutete das im Umkehrschluss, dass ihr Kind tot war“, erinnert sich der Vater.<BR /><BR />„Ich bin zu dem anderen Vater gegangen und habe ihn um Entschuldigung gebeten, dass ich gejubelt habe. Die Freude explodierte in diesem Moment einfach aus mir heraus – aber gleichzeitig habe ich mich sofort in seine Lage versetzt“, so Bove.<BR /><BR />Ob das Verfahren in der Schweiz zu einer gerechten Bestrafung der Verantwortlichen führt, bezweifelt Gabriele Bove stark: „Ich hoffe auf Gerechtigkeit, aber ich habe schwere Zweifel. Es scheint fast so, als wäre Gerechtigkeit in diesem Kanton ein Wort, über das man am Ende nur müde lächelt.“