Sonntag, 27. März 2022

Ukraine – Experte: Hafenstädte immer stärker im Brennpunkt der Kämpfe

Die ukrainischen Hafenstädte Mariupol, Berdjansk, Cherson, Mykolajiw und Odessa rücken zunehmend in den Brennpunkt der Kämpfe. Mariupol befindet sich im Belagerungszustand, um Mykolajiw und Cherson toben heftige Kämpfe und Odessa wird derzeit von der russischen Marine blockiert. Experten erwarten hier, analog zu Mariupol, eine amphibische Landung.

Odessa am Schwarzen Meer. - Foto: © ANSA / ANP

In Berdjansk gelang es hingegen ukrainischen Spezialkräften, ein russisches Landungsschiff bei der Frachtentladung zu versenken.
Die Kampfhandlungen und die daraus resultierenden Verluste dieser wichtigen Städte und ihrer Hafenanlagen können in den nächsten Wochen und Monaten für die Ukraine und in weiterer Folge auch für globale Versorgungslage katastrophale Auswirkungen haben.

„Die Häfen von Mariupol und Berjansk sind beschädigt, Cherson, Mykolajiw und Odessa sind blockiert. Im Schwarzen Meer wurden nun erstmals freischwimmende, offensichtlich losgerissene Seeminen entdeckt. Diese stellen eine wesentliche Bedrohung dar und bringen im Moment die zivile Schifffahrt zum Erliegen“, sagt Oberst Markus Reisner, Leiter der Entwicklungsabteilung der Theresianischen Militärakademie, im Gespräch mit der APA.

Er rechnet damit, dass nun die Versicherungsprämien für die zivile Schifffahrt in die Höhe getrieben und sich nur wenige Schifffahrtsunternehmen finden werden, die das Getreide in der Ukraine in den nächsten Monaten abholen werden. Zudem ist völlig unklar, ob in den umkämpften Städten und deren Häfen überhaupt mit den Frachtschiffen angelegt werden könne. Die derzeitige Sicherheitslage lässt dies nicht zu und zudem beherrscht die russische Marine das Schwarze sowie das Asowsche Meer. Die Ukraine könnte so auf Millionen Tonnen Weizen, Soja und Mais sitzen bleiben.

20 Millionen Tonnen Getreide warten auf Export

Der drohende Verlust von Getreideeinnahmen wird in der Ukraine mit 6 Milliarden US-Dollar beziffert. Das Land hat nach ukrainischen Angaben noch rund 20 Millionen Tonnen Weizen und Mais aus der Saison 2021/22, die bis Juni zum Verkauf bestimmt waren, auf Lager liegen. Die Länder, die auf Importe von ukrainischem Weizen angewiesen sind – darunter Ägypten, die Türkei und der Jemen – stehen vor einem massiven Problem. Die Ukraine, ein bedeutender Produzent von Getreide und Ölsaaten, exportiert 98 Prozent ihres Getreides über ihre Häfen und nur einen Bruchteil per Bahn, weil hier die Transportkosten wesentlich höher und der verfügbare Transportraum gering sind.

Seit Kriegsbeginn am 24. Februar sind die ukrainischen Getreideexporte so gut wie zum Erliegen gekommen. Und es gibt noch weiteres Problem: Laut ukrainischen Angaben sollen rund 100 Schiffe unter ausländischer Flagge in den Häfen des Landes gestrandet sein und nicht mehr wegkommen.

Die Ukraine erwägt nun die Einrichtung einer Getreideexportroute per Zug durch die Westgrenze. Die Transportkapazitäten sind jedoch beschränkt und nicht mit den Möglichkeiten von Seetransporten zu vergleichen. Die ukrainische Eisenbahn gibt an, dass sie rund 20.000 Tonnen Getreide pro Tag nach Rumänien, Polen, Ungarn und in die Slowakei liefern könnte. Demnach bräuchte es 1000 Tage, also knapp 3 Jahre, um die 20 Millionen Tonnen, die derzeit auf den Export warten, aus dem Land zu bringen. Zudem bestehe die Gefahr, dass die russischen Luftangriffe die Eisenbahnlinien gezielt unterbrechen könnten, sagt Reisner. Erst vor einigen Tagen sei eine wichtige Eisenbahnlinie von Dnipro in Richtung Osten gezielt mit Luftschlägen zerstört worden. „Hier war es die russische Absicht die Versorgung der ukrainischen Truppen ostwärts des Dnepr zu unterbinden.“

apa

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