Freitag, 10. Januar 2020

Boeing-Absturz im Iran: Ermittlung hat begonnen

Die Ermittlung der Ursache des Absturzes einer ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran hat begonnen. Iranische und ukrainische Experten hätten ihre Arbeit in einem Labor am Flughafen Mehrabad in der Hauptstadt Teheran aufgenommen, gab der Leiter der iranischen Luftfahrtbehörde, Ali Abedsadeh, am Freitag im iranischen Fernsehen bekannt.

Iran weist Spekulationen über Flugzeug-Abschuss zurück. - Foto: © APA (AFP) / AKBAR TAVAKOLI

Ihr Ziel sei die Auswertung der beiden schwer beschädigten Flugschreiber - des Flugdatenschreibers und des Aufzeichners der Geräusche in der Pilotenkanzel. Dabei geht es auch um die letzten Worte des Kapitäns. Wie die staatliche Nachrichtenagentur IRNA berichtete, sollen die Flugschreiber noch am Freitag geöffnet werden. Abedsadeh hatte zuvor Hoffnungen auf eine rasche Klärung gedämpft. Die Ermittlungen könnten bis zu 2 Jahre dauern, sagte er. Im Internet kursierende Videos, die zeigen sollen, dass das Flugzeug von einer Rakete getroffen werde, bezeichnete der iranische Vize-Verkehrsminister als nicht verifizierbar.

Laut Abedsadeh hat der Iran die technischen Möglichkeiten, die Informationen aus den Flugschreibern auszuwerten. Doch sei mit der ukrainischen Seite vereinbart worden, bei Bedarf weitere Software und Geräte aus dem Ausland zu besorgen. Auch sollte die Option nicht ausgeschlossen werden, die Flugschreiber im Ausland auszuwerten. US-Präsident Donald Trump hatte die Erwartung geäußert, dass die Flugschreiber früher oder später entweder an den Hersteller Boeing oder an „Frankreich oder ein anderes Land“ übergeben werden.

Am Donnerstag waren 50 ukrainische Experten in Teheran eingetroffen. Auch Vertreter der USA, Kanadas und Frankreichs werden sich an den Ermittlungen zum Absturz beteiligen, meldete die IRNA. Die Experten würden nach Teheran reisen und an den Beratungen teilnehmen.

Ermittlung muss so rasch und genau wie möglich erfolgen


Regierungssprecher Ali Rabiei erklärte am Freitag, dass der Iran die Unterstützung aller relevanten Länder bei der Aufklärung des Absturzes begrüßen würde. Der Iran habe auch Boeing eingeladen, an den Untersuchungen teilzunehmen, sagte er laut IRNA. Die US-Regierung solle bei der technischen Aufklärung der Absturzursache mithelfen, statt Lügen zu verbreiten und „Psychospielchen“ zu betreiben.

Sowohl Rabiei als auch Abedsadeh bezeichneten die These, dass die Maschine von einer iranischen Abwehrrakete abgeschossen worden sei, als technisch und wissenschaftlich absurd. Die Untersuchungen würden bald erweisen, dass die Amerikaner mit solche Gerüchten nur versuchten, das international angekratzte Image von Boeing nicht noch weiter zu beschädigen, sagte Abedsadeh in Anspielung auf die Abstürze von Passagiermaschinen des Typs 737 MAX im Oktober 2018 und März 2019. Die in Teheran abgestürzte Maschine gehört ebenfalls zur 737-Familie.

Es sei wichtig, dass so rasch und so genau wie möglich die Ursache ermittelt werde, sagte der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian dem Hörfunksender RTL. Vor einer Stellungnahme zur möglichen Ursache des Absturzes müsse „absolute Klarheit“ über die Fakten bestehen, betonte er. Frankreich ist insofern involviert, als eine französische Firma die Triebwerke der Boeing gebaut hat. Auch Schweden meldete den Wunsch nach einer Beteiligung an den Ermittlungen an. Ministerpräsident Stefan Löfven verwies diesbezüglich auf die Tatsache, dass 10 Schweden bei dem Crash ums Leben gekommen waren.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas wertete die Reaktion Washingtons und Teherans auf den Absturz als Zeichen, dass beide Seiten an einer Deeskalation des Konflikts interessiert seien. „Alle Seiten haben erkannt, dass Schluss ist mit der militärischen Eskalation“, sagte Maas am Freitag dem Sender RTL/ntv mit Blick darauf, dass US-Präsident Donald Trump von einem versehentlichen Abschuss gesprochen habe. Zugleich lobte er die iranische Gesprächseinladung an den Iran. Es sei nun die Tür aufgestoßen, um die Probleme „am grünen Tisch“ zu lösen, sagte Maas.

Trump heizte Mutmaßungen an


Die Regierungen in Kanada und Großbritannien hatten zuvor davon gesprochen, über Informationen zu verfügen, die auf den Abschuss durch eine iranische Rakete hinweisen. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau sagte, seine Regierung habe Informationen „von mehreren Quellen, von unseren Alliierten und eigene Informationen“. Die Beweise seien „sehr klar“. Der britische Regierungschef Boris Johnson sprach einer Mitteilung zufolge von einem „Korpus an Informationen“, der auf einen Abschuss durch eine iranische Rakete hinweise.

Auch US-Präsident Donald Trump heizte Mutmaßungen über die Absturzursache der Maschine an. „Ich habe meinen Verdacht“, meinte Trump am Donnerstag im Weißen Haus. Auf die Frage, ob die Maschine aus Versehen abgeschossen worden sein könnte, sagte er allerdings: „Das weiß ich wirklich nicht.“

Die iranische Luftfahrtbehörde forderte daher die USA und Kanada auf, ihre Informationen über einen möglichen Abschuss der ukrainischen Maschine an die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO zu übergeben. Bevor Schlussfolgerungen gezogen würden, müssten erst die Fakten geklärt werden, sagt der Chef der Behörde, Ali Abedsadeh. Jeder müsse vorsichtig sein, wenn solche Angaben von Politikern verbreitet würden.

apa