<b>1700 Leser von STOL und „Dolomiten“ haben Sie zur „Person des Jahres“ gewählt. Wie schauen Sie auf 2024?</b><BR />Ulrich Seitz: Es war für mich ein sehr schwieriges Jahr. Die Reform des dritten Sektors ist im Vereinswesen sehr umstritten. Die Südtiroler sind sehr besorgt, dass sich vieles verschlechtern könnte. <BR /><BR /><b>Berechtigterweise?</b><BR />Seitz: Das Ehrenamt leidet unter immer neuen Auflagen. Das Ganze hat sich verschärft, seitdem wir diese Reform vorgesetzt bekommen haben. Die Angst vor der Bürokratie nimmt zu, die Angst vor der Digitalisierung ist groß. Wir waren im vergangenen Jahr damit beschäftigt, Ruhe ins System zu bringen. Diese Auszeichnung sehe ich deshalb als eine Auszeichnung für das Ehrenamt, das es geschafft hat, Klippen zu umschiffen, und gut arbeitet.<BR /><BR /><b>Wie sehen Sie die Chancen auf eine Lösung auf Landesebene?</b><BR />Seitz: Steuerrechtlich hat der Staat das Sagen. Dennoch könnte es sein, dass wir bei der einen oder anderen bürokratischen Auflage etwas erreichen, was unser aller Hoffnung ist. <BR /><BR /><b>SPID, digitale Unterschrift, Pec-Mail-Adresse: Ohne digitale Ausstattung geht es nicht mehr. Für viele Vereine bedeutet das zusätzlichen Stress.</b><BR />Seitz: Wir werden nicht umhinkommen – und das sage ich jetzt als Vereinsmensch – in den Vorständen Leute zu haben, die bürokratische oder administrative Tätigkeiten gerne oder wenigstens kompetent übernehmen. Man muss sich vor Augen halten: In Südtirol arbeiten entweder direkt oder indirekt rund 12.000 Menschen für die Vereinswelt: Öffentlich Bedienstete, aber auch viele Freiberufler. Grafiker, Übersetzer, Medienleute, Kulturinteressierte. Der dritte Sektor produziert fast 10 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das würde dazu berechtigen, an jedem größeren Verhandlungstisch Platz zu nehmen – auch, wenn es um die Zuteilung von Geldern geht. Das Ehrenamt muss die Stimme erheben, die eigenen Interessen durchsetzen.<BR /><BR /><b>Sie sehen Aufholbedarf?</b><BR />Seitz: Die Landesregierung, aber auch die Wirtschaftstreibenden haben in den verschiedenen Bereichen viel Geld für das Ehrenamt zur Verfügung gestellt. Es gibt im Alpen-Adria-Vergleich keine Region, in der die lokale Wirtschaft so unterstützend ist wie hier. Denken wir nur an die vielen Spendenaktionen für soziale Härtefälle oder an kulturelle Initiativen. Was ich aber bedauere: Immer, wenn viel Geld im Spiel ist, gibt es auch den Faktor Neid. Ich will nicht das harte Wort „Gier“ verwenden, aber man muss genau hinschauen.<BR /><BR /><b>Was meinen Sie damit?</b><BR />Seitz: Im Ehrenamt ist es eine Selbstverständlichkeit, dass alle arbeiten, mit anpacken. Gleichzeitig muss auch Geld hereinkommen. Dafür braucht es eine gewisse Professionalität. Viele Ehrenamtliche singen, spielen, tanzen, der künstlerische Direktor, Chorleiter oder Kapellmeister muss aber entschädigt werden – schließlich gibt er sein Wissen weiter. Das lockt wiederum junge Menschen an, die etwas lernen wollen, deren Alltag bereichert wird. Ohne Geld geht es nicht. Die Entwicklung geht weiter und wir können und dürfen sie nicht stoppen.<BR /><BR /><b>Es gibt aber auch Bereiche im Ehrenamt, die Probleme haben, Nachwuchs zu finden.</b><BR />Seitz: Im sozialen Bereich sehen wir einen Einbruch. Es ist nicht mehr so sexy, einen älteren Menschen über die Stiege hinaufzubringen oder ihm im Alltag zu helfen. <BR /><BR /><b>Woran liegt das?</b><BR />Seitz: Wer sich sozial engagiert, braucht eine gewisse Fitness, körperlich und mental. Oft geht es um Leben und Tod. Nicht jeder schafft das. Man ist eingespannt in sein Arbeitsleben, hat Familie, vielleicht selbst einen Pflegefall zu Hause. Zeitlich begrenzt sind viele bereit, ihren Beitrag zu leisten. Selbstverständlich ist es aber nicht mehr. Dabei brauchen wir gerade im Sozialen Vereine, die dort einspringen, wo die öffentliche Hand nicht hinkommt.<BR /><BR /><b>Woran denken Sie konkret?</b><BR />Seitz: Viele öffentliche Ämter und Stellen schließen am Freitagmittag. Für zweieinhalb Tage sind wir von der Alzheimervereinigung zum Beispiel Ansprechpartner für viele Menschen, wenn ein Rollator oder ein anderes Hilfsmittel kaputtgeht. Wenn die ausländische Hilfskraft von einem Moment auf den anderen das Haus verlässt. Wenn eine pflegende Ehefrau plötzlich erkrankt und ihren kranken Mann nicht mehr betreuen kann. Es ist Not am Mann und an der Frau. Wir brauchen Menschen, die sich einsetzen. <BR /><BR /><b>Woher sollen diese Menschen kommen?</b><BR />Seitz: Wir hoffen auf die fitten Pensionisten: Wer gerade aus dem Berufsleben ausgeschieden ist, hat viel Know-how, kennt den Arbeitsalltag, hat vielleicht gute Kontakte zu den Institutionen. Diese Menschen brauchen wir.<BR /><BR /><b>Das Ehrenamt ist nicht nur Ihr Beruf, Sie sind auch in vielen Vereinen und Vorständen ehrenamtlich tätig, setzen sich für Kinder mit Herzfehlern ein, für Senioren, Alzheimerbetroffene, Menschen mit Behinderung, Nierenkranke. Woher nehmen Sie Ihren Enthusiasmus?</b><BR />Seitz: Solange ich selbst gesund bin und die Freude habe, Probleme frühzeitig zu erkennen, will ich mich einsetzen. Oft kommen Menschen erst zu uns, wenn sie schon in einer Situation sind, in der man nicht mehr helfen kann. Das schmerzt mich. Ein Problem zu haben bedeutet in Südtirol oft auch, dieses Problem sehr lange zu verstecken. <BR /><BR /><b>Die Menschen schämen sich, Hilfe zu suchen?</b><BR />Seitz: Sie haben ihr ganzes Leben gearbeitet und plötzlich stellen sie fest, dass sie sich die Zahnoperation nicht leisten können. Ich sehe immer mehr Menschen, die einen Job haben, aber durch Unfall oder Krankheit aus der Bahn geworfen werden. Sie geraten nicht nur finanziell in eine schwierige Situation, sondern verlieren automatisch auch soziale Kontakte. Das ist etwas, an dem ich gerade sehr zu knabbern habe. Es stellt sich die Frage: Was ist ein sozialer Härtefall?<BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Seitz: Ich verstehe es nicht, ich verstehe es echt nicht, warum Menschen immer wieder berichten, dass sie gesellschaftlich nicht mehr in Betracht gezogen werden, nachdem bekannt wird, dass sie selbst oder ein naher Angehöriger krank ist. Gerade die pflegende Frau hätte nicht nur Geld nötig, sondern ihre Nachbarin, ihre Bekannte oder Freundin, die sich bereit erklärt, vielleicht mal 2 Stunden auf den kranken Mann, das kranke Kind zu schauen, damit sie zum Beispiel einmal in Ruhe zum Friseur gehen kann. Nachbarschaftshilfe ist wirklich schwierig geworden, auch in den Dörfern.<BR /><BR /><b>Stichwort: unbezahlte Carearbeit.</b><BR />Seitz: Ja, man muss sagen, es ist in Südtirol noch immer fast automatisch so, dass die Frau, die Mutter zum Handkuss kommt. Bleibt sie im Beruf, muss sie den parallel bewältigen. Ich kämpfe persönlich dafür, dass sich hier etwas bewegt, trete aber auf der Stelle. Die nächste Generation wird uns wohl eine andere Entwicklung zeigen. Wir werden nicht umhinkommen, den pflegenden Angehörigen zu bezahlen. Denn seit Corona fehlen Tausende ausländische Hilfskräfte. Wenn eine Lehrerin sich nun also dafür entscheidet, ihre Mutter oder Schwiegermutter zu pflegen, muss sie gleich viel Geld bekommen, als ob sie weiter in ihrem Beruf arbeiten würde. <BR /><BR /><b>Ist das realistisch?</b><BR />Seitz: Alle suchen nach Lösungen. Es gibt verschiedene Modelle, auch international. Ich habe auch Unternehmen in Deutschland besichtigt, die sich darum kümmern, dass die pflegebedürftige Mutter des Mitarbeiters während der Arbeitszeit gut versorgt ist. Das bringt allen einen Vorteil – auch dem Unternehmen. Wenn der Mitarbeiter weniger belastet ist, kann er auch bessere Arbeitsleistung erbringen. Südtirol tut sich mit solchen Lösungen noch schwer. Aber wir brauchen die Menschen im Arbeitsleben. Die Wirtschaft muss mithelfen. Sie wird es auch tun.<BR /><BR /><b>Vor wenigen Tagen wurde in Brixen eine tote Frau am Straßenrand gefunden – sie ist wohl erfroren. Was sagt das über unsere Gesellschaft?</b><BR />Seitz: Es widerspiegelt unser großes Problem. Nicht alle Hilfe, die es gäbe, wird auch wahrgenommen. Die Frage ist, haben wir das als Gesellschaft gesehen? Es bleibt viel zu tun.