Mittwoch, 08. Juli 2020

unibz: Lebensmittel-Rückstände sinnvoll nutzen

Das Food Technology Lab am NOI Techpark in Bozen hat eine nachhaltige Technologie zur Gewinnung von Öl aus Apfelkernen für die Lebensmittel- und Kosmetikindustrie entwickelt.

Ein Forscherteam des Food Technology Lab  hat ein Verfahren gefunden, Äpfel „mit Putz und Stängel“ zu nutzen.
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Ein Forscherteam des Food Technology Lab hat ein Verfahren gefunden, Äpfel „mit Putz und Stängel“ zu nutzen. - Foto: © unibz
Rund 20 Prozent eines Apfels bleibt bei der Verarbeitung in der Lebensmittelindustrie als Rückstand zurück. Nun hat ein Forschungsteam des Food Technology Lab am NOI Techpark in Bozen eine neue Methode entwickelt, um diesen Anteil zu verringern. Dank einer Extraktion mit überkritischem Kohlendioxid, also ohne Verwendung von chemischen Lösungsmitteln, kann so aus Apfelkernen ein aromatisches Öl gewonnen werden, das sich sowohl für den Einsatz in der Lebensmittelindustrie wie auch für Kosmetikprodukte eignet.

Ein nachhaltiger Umgang mit Nahrungsmitteln erfordert auch in der Lebensmittelverarbeitung, so wenig wie möglich wegzuwerfen. Das gilt erst recht für den Apfel, das wichtigste Anbauprodukt der Provinzen Südtirol und Trentino, die gemeinsam 75 Prozent der italienischen Produktion stemmen, wobei Italien sechstgrößter Apfelproduzent weltweit ist.

Apfelnutzung mit „Putz und Stengel“

Neue Möglichkeiten, den Apfel mit „Putz und Stengel“ zu nutzen, eröffnet das Forschungsteam des Food Technology Lab der Freien Universität Bozen im NOI Techpark. In den Labors unter Leitung von Prof. Matteo Scampicchio wird an Methoden geforscht, über natürliche Extraktionsprozesse Verbindungen mit hohem Nährwert aus Rückständen der Lebensmittelindustrie zu gewinnen.

Im Mittelpunkt stehen dabei innovative Technologien wie die Extraktion mit überkritischem Kohlendioxid. Ein Aggregatszustand, in dem CO2 Eigenschaften hat, die zwischen jenen von Gas und Flüssigkeit liegen, und so für nachhaltige Extraktionsprozesse genutzt werden kann. Somit kann auf organische und potenziell giftige Lösungsmittel verzichtet werden.

Expertin für diese Methode ist die Forscherin Giovanna Ferrentino, die erst kürzlich die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zur Extraktion von Öl aus Apfelkernen mittels überkritischem Kohlendioxid veröffentlicht hat. Das Paper ist unter dem Titel „Supercritical fluid extraction of oils from apple seeds: Process optimization, chemical characterization and comparison with a conventional solvent extraction“ in der Fachzeitschrift „Innovative Food Science and Emerging Technologies “ erschienen.

„Aus Apfelkernen gewonnenes Öl ist bereits auf dem Markt erhältlich und wird für Kosmetikprodukte genutzt“, erklärt Giovanna Ferrentino. Wie die Forscherin und Dozentin der Fakultät für Naturwissenschaften und Technik der unibz unterstreicht, beruhen die traditionellen Extraktionsprozesse jedoch auf dem Einsatz von organischen Lösungsmitteln. „Unsere Methode ermöglicht die Extraktion dagegen auf Basis einer innovativen Technologie.“

Die Verwendung von überkritischem Kohlendioxid führe darüber hinaus zu einer besseren Qualität des gewonnenen Öls. Vor allem, weil darin kein Amygdalin enthalten ist, eine giftige Verbindung auf Zyanidbasis, die in geringen Mengen beim Extrahieren mit Lösungsmitteln im Apfelkernöl zurückbleibt. Nach der Extraktion mit überkritischem CO2 kann das Apfelkernöl hingegen direkt verwendet werden. Aufgrund seines Mandelaromas eignet es sich einerseits als Zusatzstoff in der Lebensmittelproduktion. Darüber hinaus hat das Öl aber auch nutrazeutische Eigenschaften, da es viele ungesättigte Fettsäuren und Antioxidantien wie Tocopherole (Vitmanin E) und Phenole enthält.

Und wie wird das Öl konkret extrahiert?

Die Apfelkerne werden zunächst bis zu 12 Stunden bei 40 Grad getrocknet und im Anschluss gemahlen. Das Pulver kommt dann in den Zylinder des Öl-Extraktors, aus dem nach rund 30 Minuten Öl fließt. Die Ausbeute liegt bei rund 21 Prozent: Aus 400 Gramm Apfelkernen gewinnt man rund 80 Gramm Öl.

Das Rohmaterial für die Laborversuche ist einer Kooperation mit der Fructus Meran AG zu verdanken: Der Obstvermarktungs- und Verarbeitungsbetrieb aus Vilpian stellte die Apfelkerne zu Verfügung. Am Forschungsprojekt mitgearbeitet hat darüber hinaus der Doktorand Sebastiano Giampiccolo von der Universität Padua.

stol

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