<b>Pünktlich zum Weltcup-Auftakt in Sölden oder den Openings am Gletscher hagelt es Kritik von Umweltschützern. Zu Recht?</b><BR />Andrea Fischer: Das Vorhandensein von Gletschern ist keine notwendige Bedingung für Skirennen im Hochgebirge. Über 3000 Meter ist die Wahrscheinlichkeit für eine natürliche Schneedecke zwischen Ende Oktober und Mai eine hohe. Wir beobachten, dass durch den Klimawandel die Schneedecke später zustande kommt und es, anders als früher, im Sommer auch nicht mehr schneit. Man kann natürlich darüber diskutieren, ob es Sinn macht, so ein Event wie den Weltcup-Auftakt zu veranstalten.<BR /><BR /><b>Sie meinen, weil es in Zeiten des Klimawandels das falsche Signal ist?</b><BR />Fischer: Wenn man mit dem Klimaschutz argumentiert, muss man sagen, dass wahrscheinlich die An- und Abreise der vielen Zuseher und Athleten die größte negative CO2-Bilanz verursacht. Das ist bei einem großen Pop-Konzert genau dasselbe. Es ist nicht so, dass das Event an und für sich schädlich ist für den Gletscher. Gerade der Rettenbachferner ist im Bereich der Weltcup-Piste bereits weitgehend abgeschmolzen. Es findet eine Transformation hin zu eisfreien Ostalpen statt. Das verursacht nicht der Gletscherskilauf oder ein Einzelereignis, sondern der menschengemachte Klimawandel.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="944674_image" /></div> <BR /><BR /><b>Lässt sich das Ende der Gletscher in den Ostalpen noch aufhalten?</b><BR />Fischer: Wir waren uns in der Wissenschaft einig, dass die Gletscher zurückgehen. Es gab verschiedene Szenarien, wann es so weit sein wird. Wir dachten, im Jahr 2100. Das mussten wir revidieren auf 2050. Unser jetziges Verhalten beeinflusst das Klima in den nächsten 30 Jahren. Aufhalten lässt sich das Ende der Gletscher in den Ostalpen nicht mehr.<BR /><BR /><b>Was heißt das für den Gletscherschutz?</b><BR />Fischer: Man kann nur Dinge schützen, die noch da sind. In der Glaziologie besteht ein Gletscher aus einem Eiskörper, einem Firngebiet und Abflusssystemen. In zehn bis zwanzig Jahren bleibt von unseren Gletschern nur noch die vom Gletscher überformte Landschaft übrig. Diese Landschaft geht aber, wenn man es aus geologischer Sicht betrachtet, bis zum Chiemsee. Gletscherschutz so zu definieren, wäre schwierig, weil in dieser Region dann keine Bauten mehr möglich wären. Die Frage ist, ob ein Gletscher ohne Eiskörper das ist, was wir schützen wollen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="944677_image" /></div> <BR /><BR /><b>Nicht nur Sölden, sondern auch andere Gletscherskigebiete kommen in die Kritik, weil sie Mitte Oktober die Saison eröffnen. Ist Skilauf für Klimaschützer einfach nicht mehr zeitgemäß?</b><BR />Fischer: Ich denke, dass Skifahren schon möglich ist, wenn man dafür den Alltag nachhaltig gestaltet. Die Skigebiete gehen in Richtung Energieautarkie, sie setzen nicht zuletzt wegen der hohen Energiepreise auf Solar- und Windenergie. Wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, kann man mit gutem Gewissen Ski fahren. Es ist nach wie vor so, dass die An- und Abreise die größte CO2-Belastung sind. Da ist es ziemlich egal, ob ich Ski fahren gehe oder in die energieintensive Therme fahre.<BR /><BR /><b>Sie mussten sich unlängst sagen lassen, dass Sie sich zu sehr auf die Seite der Skiliftbetreiber stellen. Ärgert Sie das?</b><BR />Fischer: Ich versuche die Fakten zu beleuchten, ohne mich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Man darf nicht vergessen, dass die Skigebiete für eine gute Besucherlenkung sorgen. Das ist für das Ökosystem verträglicher, als wenn eine Million Gäste, die zum Teil in den großen Gletscherskigebieten unterwegs sind, alle auf die Idee kämen, plötzlich eine Skitour gehen zu wollen. Im freien Skiraum gibt es weder Toiletten noch Parkplätze.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="944680_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Zum Skifahren braucht es immer öfter Kunstschnee.</b><BR />Fischer: In den Gletscherregionen ist der Untergrund kühl, der Schnee bleibt daher relativ rasch liegen. Das wird auch in Zukunft so sein, weil es am ehesten über 3000 Meter noch möglich sein wird, Skisport zu betreiben. Gefährdet sind niedrigere Skigebiete, wo es künftig erst Schnee nach Weihnachten geben wird und es wirtschaftlich immer schwieriger wird, für eine Piste zu sorgen.<BR /><BR /><b>Wie gehen Sie mit Anfeindungen von Klimaschützern um?</b><BR />Fischer: Die Vorstellung, man könnte Gletscher erhalten, wenn man die Nutzung verbietet, ist leider falsch und wird durch häufige Behauptung und persönliche Scharmützel nicht richtiger.<h3> Zur Person</h3>Andrea Fischer ist stellvertretende Leiterin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die Tirolerin hat ihr Doktoratsstudium in Innsbruck absolviert.<BR />