Im Interview erzählt er, wie sich Einsamkeit anfühlt und warum er mit dem Dachverband für Gesundheit und Soziales die erste Selbsthilfegruppe in Südtirol gründet.<BR /><BR />„Urlaub ist für mich Horror. Ich habe einen Camper, könnte hinfahren, wo ich will, aber ich möchte das nicht allein erleben. Planlos zu sein, ist etwas Schlimmes. Was tu’ ich jetzt? Und dann immer diese Hoffnung, dass sich etwas ändert. Aber der Energieverbrauch zu hoffen, dass etwas eintritt, ist sehr hoch. Das ist seelischer Schmerz, der sich in Bauchweh, Magenschmerzen und nächtlicher Unruhe äußern kann. Man steht auf und möchte flüchten“, erzählt er. <BR /><BR /><b>Herr Andreas, seit wann fühlen Sie sich einsam? Gab es einen Auslöser?</b><BR />Andreas F.: Seit 10 Jahren. Ja, es hat einen Auslöser gegeben, ich habe die Familie verlassen. Es war ein Ausbrechen ohne Absicherung. Ich wusste nicht wohin, ich erinnere mich nicht mehr, wo ich die erste Nacht verbracht habe. Dann hatte ich das große Glück, dass mir eine Freundin eine sehr große, tolle Wohnung für ein Jahr kostenlos zur Verfügung gestellt hat.<BR /><BR /><b>Klingt fürs Erste nicht so schlecht?</b><BR />Andreas F: Ja, aber ich war allein. Das ist der große Unterschied. <BR /><BR /><b>Hatten Sie seitdem keine Beziehungen mehr?</b><BR />Andreas F.: Doch schon, aber es hat leider nicht funktioniert. Dabei bin ich kein Casanova.<BR /><BR /><b>An Ihrem Arbeitsplatz zirkulieren rund 1000 Leute. Wie kann man da einsam sein?</b><BR />Andreas F.: Ja, man sagt zu mir „Du bist ja immer unter Leuten“. Smalltalk ist kein Problem für mich, aber ich bin nicht der Mensch, der übers Wetter redet. Aber wenn ich versuche, meine Situation zu erklären, werde ich nicht verstanden. Ich denke mir manchmal, ich lebe in der falschen Zeit. <BR /><BR /><b>Warum?</b><BR />Andreas F.: Ich glaube, ich sehe mehr, empfinde mehr, ich bin ein Mensch mit vielen Sensoren, der aus Mimik, Gestik, aus dem Ton, mit dem Jemand etwas sagt, viel herauslesen und -hören kann. Ein banales Beispiel: Wenn jemand schnell geht, hat er ein Ziel. Geht jemand langsam, „gedaucht, buggelet“, ist er geschlagen, trägt Schmerz und Sehnsucht in sich.<BR /><BR /><b>Wie verbringen Sie Wochenenden?</b><BR />Andreas F.: Manche denken schon am Montag sehnsüchtig an Freitag und ich sag mir: Oh Gott, oh Gott, oh Gott. Da vagabundiert man, versucht es „durchzudrücken“, zu überleben. Dabei ist es wertvolle Lebenszeit, die ich verpasse und verprasse, weil ich zu nichts aufgelegt bin, weil mir Zeit alleine keine Freude macht. Wir sind nicht dafür bestimmt, alleine auf der Welt zu sein. Mir fehlt da jeglicher Antrieb. Ich wandere gerne, fahre Ski, laufe Eis, aber alleine habe ich keinen Bock darauf. Erst in einer Beziehung kriegt die Welt Farben. Beziehung ist Thema Nummer 1. <BR /><BR /><b>Und Urlaub?</b><BR />Andreas F.: Urlaub ist für mich Horror. Ich habe einen Camper, könnte hinfahren, wo ich will, aber ich möchte das nicht allein erleben. Planlos zu sein, ist etwas Schlimmes. Was tu’ ich jetzt? Und dann immer diese Hoffnung, dass sich etwas ändert. Aber der Energieverbrauch zu hoffen, dass etwas eintritt, ist sehr hoch.<BR /><BR /><b>Wie fühlt sich Einsamsein an? </b><BR />Andreas F.: Das ist seelischer Schmerz, der auch zu körperlichem Schmerz wird – Bauchweh, Magenschmerzen. Unruhe lässt dich in der Nacht aufwachen, dich anziehen, aber man kann nicht flüchten. Der Kopf ist das kleinste Gefängnis oder die größte Freiheit – gerade wie man ihn benutzt. Und noch etwas: Einsamkeit hat kein Alter.<BR /><BR /><b>Warum eine Selbsthilfegruppe? </b><BR />Andreas F.: Um verstanden zu werden, Halt zu finden, Zuversicht zu bekommen, Geborgenheit zu spüren, Freude haben hinzugehen. Ein Lichtblick – sich nicht mehr vor den Wochenenden zu fürchten. „Eine versteckte Singlebörse“, sagte jemand zu mir. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass eine Gruppe Lebensmut geben kann, dass ein Netzwerk entsteht und wenn beim Einen oder der Anderen mehr daraus wird, warum nicht. Das Leben ist zu kostbar, um in Schmerzen herumzukramen. Ich hoffe, dass sich viele melden. Ich bin da nicht der Rädelsführer, sondern nur einer von vielen. Ich habe kein Wissen, nur Empfinden.