„Ich hätte es fast lieber gesehen, wenn die Sache anders ausgegangen wäre“, so Nicola Turetta. Was bedeuten diese Worte eines tief geschockten Vaters? Dass Filippo auch sterben hätte sollen, dass er Suizid begehen hätte sollen, nachdem er Giulia getötet hatte? „Nein“ – so Turetta – „ich habe von ganzem Herzen gehofft, dass sie beide noch leben, dass sie gesund nach Hause kommen.“ <BR /><BR />Dieser Wunsch hat sich leider weder für die Turettas noch für die Cecchettins erfüllt. Im Gegenteil. Beide Familien finden sich in einem Alptraum wieder. <BR /><BR />„Im Moment stehen wir Giulias Familie sehr nahe, und wir können nicht verstehen, wie Filippo so etwas tun konnte. Unser Sohn, dem wir alles zu geben versuchten...“. Während Nicola Turetta spricht, ist er den Tränen nah. Seine Frau ist mit dem anderen 17-jährigen Sohn im Haus eingesperrt. Gemeinsam haben sie gehofft, dass sich alles zum Guten wenden würde – leider war das nicht der Fall. <h3> Hier lesen Sie, was Nicola Turetta im Interview mit „La Repubblica“ sagte.</h3><b>Kannten Sie sie gut? War Giulia oft bei Ihnen zu Hause?</b><BR />Nicola Turetta: Ja. Giulia kam oft, und manchmal blieb sie sogar stehen, um mit uns zu essen. Dann haben sie und Filippo oft zusammen gelernt, sie gingen auf den Dachboden und lernten, wir hörten sie reden und scherzen. Sie schienen ein perfektes Paar zu sein, aber letzten Sommer haben sie sich getrennt. Ich erinnere mich, dass Filippo damals immer wieder sagte: Jetzt bringe ich mich um, ich bringe mich um, ich kann nicht ohne Giulia sein. Und ich habe ihm immer gesagt: Du wirst eine andere finden, das passiert jedem, verlassen zu werden, du musst dir keine Sorgen machen, eine andere Freundin wird kommen. Ich glaube, das würden alle Eltern tun. Und sie trennten sich, aber dann kamen sie wieder zusammen, irgendwann dachten wir, die Geschichte hätte wieder angefangen. Und ich bin mir sicher, dass Giulia wusste, dass er ihr nie ein Haar krümmen würde“.<BR /><BR /><b>Und doch ist es jetzt passiert, er hat sie getötet...</b><BR />Nicola Turetta: Aber sie gingen weiterhin zusammen aus, sie sahen sich oft. Sogar Ende August gingen sie gemeinsam zu einem Konzert in Wien, obwohl dort noch andere Freunde waren. Offensichtlich vertraute sie ihm. Sonst hätte sie sich nicht weiter mit ihm getroffen. Und in all den Jahren merkt man, ob ein Mann gewalttätig ist.<BR /><BR /><b>Was könnte Ihrer Meinung nach passiert sein?</b><BR />Nicola Turetta: Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber es ist passiert. Und ich bin sein Vater, ich lebe mit ihm zusammen, und ich bin ein Vater, der im Haus anwesend ist. Irgendetwas ist in ihn gefahren... Ich weiß nicht, was es war, das ihn so böse gemacht hat.<BR /><BR /><b>Aber haben Sie nicht gemerkt, dass er sich verändert hat? Der gute Kerl wurde zum Mörder.</b><BR />Nicola Turetta: Ich habe nichts gemerkt. Es war ein echter Donnerschlag für uns, und wir stehen immer noch unter Schock. Es gab keine Vorwarnung, glauben Sie mir, ich habe es nicht kommen sehen. Abgesehen von der Tatsache, dass Filippo immer traurig war, tieftraurig. Meine Frau hat ihm dann einen Vorschlag gemacht: Warum gehst du nicht zu einem Psychologen? Rede mit ihm, erkläre ihm, wie es dir geht.... An der Universität gibt es einen Psychologen für Studenten, und wir wissen, dass er den Termin gemacht hat. Ob er ihn schlussendlich auch wahrgenommen hat, weiß ich nicht. Ich glaube nicht, aber ich weiß es nicht genau.<BR /><BR /><b>Nach dem Mord und der großen Flucht befindet sich Filippo derzeit in Deutschland im Gefängnis. Dann wird er nach Italien überführt. Beabsichtigen Sie, ihn zu besuchen? Würden Sie ihn gerne treffen?</b><BR />Nicola Turetta: Ja, ich hoffe, ich werde ihn sehen. Er ist immer noch mein Sohn. Ich rechtfertige ihn in keiner Weise für das, was er getan hat. Und dafür muss er verurteilt werden, er muss die Verantwortung übernehmen. Und ich denke an den Vater von Giulia, dem wir uns sehr verbunden fühlen. Auch wir sind voller Trauer.