Die Galeeren der Republik Venedig galten über Jahrhunderte als Schlüsselwaffe in Seeschlachten und als unverzichtbares Instrument zur Kontrolle von Handelswegen und Küsten. Für die auf maritime Vorherrschaft ausgerichtete Seemacht bildeten sie das Rückgrat venezianischer Expansion und Herrschaftssicherung. Historiker gehen davon aus, dass die Venezianer ihre wendigen Kriegsschiffe nicht nur auf hoher See einsetzten. Auch auf Seen und Flüssen kamen Galeeren bei militärischen Operationen auf dem italienischen Festland zum Einsatz.<h3> Ein Bündnis gegen die Serenissima</h3>Im Mai 1509 befand sich die Republik Venedig in einer dramatischen Lage: Die Liga von Cambrai, ein Bündnis europäischer Mächte gegen die Serenissima, erhöhte den militärischen Druck massiv. Geschmiedet worden war die Allianz ein Jahr zuvor unter Führung von Papst Julius II. Für ihn war Venedig zu mächtig und zu unabhängig von Rom. Den Dogen bezeichnete er sogar als den „Teufel persönlich“.<BR /><BR />Im selben Monat erlitten die venezianischen Truppen eine vernichtende Niederlage. Der Weg in die „Domini di Terraferma“ stand den französischen Truppen offen. Stadt um Stadt fiel – Salò, Lonato, Riva, Torbole. Der einst dominante Einfluss der Serenissima am Gardasee zerbröckelte zusehends.<BR /><BR />In Lazise blieb nur noch eine schwache Präsenz zurück: ein kleines Zollhaus, ein Arsenal und drei Schiffe zur Kontrolle des Gardasees – eine Galeere und zwei Fustas, kleinere und schnelle Ruderboote. Doch die Lage war aussichtslos, der Feind bereits zu nah.<h3> Der Befehl aus Venedig</h3> „Zerstört die Flotte! Keines der glorreichen Schiffe von San Marco darf in feindliche Hände fallen“, lautete der Befehl des venezianischen Senats. Kommandant Zaccaria Loredan gehorchte. Schweren Herzens ließ er die Galeere und eine der Fustas bis wenige Hundert Meter vor den Hafen von Lazise bringen. Dort wurden die Schiffe angezündet und anschließend versenkt. <BR /><BR />Historisch lässt sich der Untergang der Galeere auf den 31. Mai 1509 datieren. Der Kapitän selbst floh über Garda, schlug sich zu Pferd bis Verona durch und erreichte schließlich Venedig. Die Schiffe blieben auf dem Grund des Gardasees zurück.<BR /><BR />Das Wrack der Galeere liegt heute in 24 bis 27 Metern Tiefe, rund 500 Meter vor dem Hafen von Lazise. Um den Zustand des Wracks präzise zu dokumentieren und langfristige Schutzmaßnahmen vorzubereiten, wurde im vergangenen September ein archäologisches Forschungsprogramm gestartet.<BR /><h3> Wrack wird von Muscheln befreit</h3>Die zuständige Denkmalbehörde der Provinzen Verona, Rovigo und Vicenza beauftragte dafür ein spezialisiertes Unternehmen aus Venedig. Im Zentrum der ersten Phase, die noch andauert, stehen die genaue Analyse des Zustands und die Untersuchung der Sedimentbedeckung.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1312023_image" /></div> <BR /><BR /><BR />„Wir haben im September begonnen, die Reste des Wracks von Sedimenten und Muschelablagerungen zu befreien. Ziel ist es, den Konservierungszustand zu bewerten und mögliche Schutzmaßnahmen vorzubereiten“, erklärt Unterwasserarchäologe Massimo Capulli, Dozent an der Universität Udine, den „Dolomiten“.<BR /><BR />Das Wrack ist von der invasiven Muschelart „Dreissena polymorpha“ besiedelt, die ursprünglich aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer stammt. Geplant sind die vollständige Reinigung des Wracks, eine fotografische und videografische Dokumentation, die Säuberung des umliegenden Bereichs sowie die anschließende Abdeckung der Überreste. Der Abschluss der Arbeiten ist bis Jahresende vorgesehen. Langfristig wird sogar über eine teilweise Freilegung nachgedacht – weniger über eine vollständige Bergung als über Maßnahmen zur dauerhaften Bewahrung des Relikts für Wissenschaft und Öffentlichkeit.<BR /><BR />Trotz der jahrhundertelangen Lagerung unter Wasser sind wesentliche Teile der hölzernen Struktur erstaunlich gut erhalten geblieben. Die besonderen Bedingungen am Seegrund – niedrige Temperaturen, Dunkelheit und Sauerstoffarmut – haben den biologischen Zerfall stark verlangsamt. Das Wrack liegt an einer der tiefsten Stellen des Gardasees, weit entfernt von Uferzonen und Badebereichen. Selbst mögliche Tauchgänge dürften daher weder Tourismus noch Schifffahrt beeinträchtigen.<h3> Galeere lüftet viele Geheimnisse</h3>Die versunkene Galeere gilt als einer der seltenen Fälle eines außergewöhnlich gut erhaltenen Kriegsschiffs aus der Renaissancezeit in Süßwasser. Sie eröffnet einzigartige Einblicke in den Schiffsbau des 16. Jahrhunderts, in die Kriegführung auf dem Gardasee und in die maritime Strategie Venedigs, die selbst Binnengewässer einbezog. Zugleich zeigt das Wrack, wie politische Entscheidungen – etwa die bewusste Selbstversenkung einer Flotte – Spuren hinterlassen, die Jahrhunderte überdauern. <BR /><BR />Auch wenn die Versenkung historisch kein kriegsentscheidendes Ereignis war, besitzt das Wrack heute enorme wissenschaftliche Bedeutung. Es dokumentiert die Schiffbautechnik der Renaissance, die Militärstrategie der Republik Venedig und die Rolle des Gardasees als Konflikt- und Handelsraum. Gerade die Verbindung aus historischer Forschung und moderner Unterwasserarchäologie macht das Projekt einzigartig.<BR /><BR /><BR />Entdeckt wurde das Wrack übrigens bereits 1962, wie Capulli berichtet. Damals dokumentierte ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des Naturkundemuseums von Verona die Überreste erstmals wissenschaftlich. Hinweise auf die Existenz der Galeere gab es jedoch schon einige Jahre zuvor: Ende der 1950er-Jahre soll ein Taucher bei der Suche nach einem Vermissten zufällig auf das Wrack gestoßen sein. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Galeere mehrfach archäologisch untersucht, unter anderem 1990 und 1996. Dabei gewannen Forscher wichtige Erkenntnisse über Bauweise und Erhaltungszustand des historischen Schiffs.