In Wohngebieten entlang von Südtirols Straßen ist es laut – und die Zahlen bestätigen es: Wie eine Erhebung der italienischen Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“ zeigt, landet Südtirol auf dem letzten Platz, was die Bewertung der Lärmbelastung für ältere Menschen betrifft. Doch nicht nur Senioren, sondern alle, die entlang von Hauptstraßen, Verkehrsknotenpunkten oder Bahnhöfen leben, werden mit dem nächtlichen Krach bekannt sein. <h3> Lärmkarte erfasst Geräuschpegel</h3>Alle fünf Jahre veröffentlicht das Land eine interaktive Lärmkarte, auf der Anwohner den Geräuschpegel ihres Wohnortes einsehen können. Wie Georg Pichler, Abteilungsdirektor beim Amt für Luft und Lärm, erklärt, erfolgt die Berechnung der Dezibelwerte mithilfe eines EU-weit standardisierten Rechenprogramms. Erfasst wird die Geräuschbelastung entlang der Landesstraßen und der Autobahn A22 innerhalb eines 250-Meter-Radius, auf denen jährlich mehr als drei Millionen Fahrzeuge unterwegs sind. Zusätzlich werden einzelne Messungen durchgeführt.<BR /><BR />Auf Basis dieser Werte wird eine Prioritätenliste erstellt, die sowohl die Höhe der Lärmbelastung als auch die Anzahl der betroffenen Häuser berücksichtigt. Nach dieser Liste werden schließlich Sanierungsmaßnahmen umgesetzt. Dazu zählen unter anderem Lärmschutzwände, die jedoch nicht immer sinnvoll sind. „Innerhalb von Gemeinden kann man nicht einfach eine Wand durchs Dorf bauen“, erklärt Pichler. Auch der Straßenbelag spielt eine Rolle: So wird in der Regel alle zehn Jahre neu asphaltiert – je älter der Belag, desto lauter die Straße. Bei besonders hohen Dezibelwerten kann der Asphalt auch früher erneuert werden. Zusätzlich kann Flüsterasphalt den Verkehrslärm reduzieren.<h3> Verkehrsregulierung in Städten</h3>In Städten kommen zusätzlich Verkehrsregulierungen zum Einsatz, während auf Landesstraßen eher Umfahrungen geplant werden – auch wenn diese nicht ausschließlich wegen des Lärms gebaut werden. „Nicht zuletzt spielt die Geschwindigkeitsbegrenzung eine wichtige Rolle, um den Verkehrslärm nachhaltig einzudämmen“, so Pichler.<h3> Drei Fragen an Umweltlandesrat Peter Brunner</h3><b>Hat der Verkehrslärm zugenommen?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Peter Brunner: Zwar nimmt der Straßenverkehr stetig zu, der Lärm geht durch den vermehrten Einsatz von E-Mobilität und Flüsterasphalt jedoch eher zurück. Auch beim Eisenbahnlärm konnte die Belastung reduziert werden. Dazu wird modernes Rollmaterial eingesetzt, das über eine EU-Förderschiene bezuschusst wird.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1294146_image" /></div> <b><BR />Welche Maßnahmen wurden vom Land ergriffen?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Brunner: Es fließt viel Geld in den Lärmschutz entlang bewohnter Ortschaften. Dazu zählen Lärmkarte samt Sanierungsplan, Lärmschutzwände oder erneuerte Straßenbeläge. Auch entlang der Bahnstrecken werden Lärmschutzwände errichtet, wobei der Schienenbetreiber RFI 80 Prozent der Kosten übernimmt und das Land die restlichen 20 Prozent trägt. Außerdem gibt es Gemeindeakustikpläne, die bauliche Maßnahmen regeln. <BR /><BR /><b>Was ist in Zukunft geplant?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Brunner: Mit 1.000 geförderten Ladestationen wollen wir ein flächendeckendes Netz für die E-Mobilität schaffen. Zudem wollen wir die Förderprogramme des Landes weiter ausbauen, aber auch auf Gemeindeebene gibt es einiges zu tun. Was oft vergessen wird: Im Hintergrund passiert bereits sehr viel. <BR /><h3> „Spürbare Belastung für Gesundheit“</h3>Ständiger Verkehrslärm ist mehr als nur lästig, sondern kann auf Dauer auch Herz, Schlaf und Psyche belasten. Dr. Christian Wiedermann vom Institut für Allgemeinmedizin und Public Health erklärt, wie der ständige Krach im Ohr wirkt, welche Risiken bestehen und wie Anwohner sich schützen können.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1294149_image" /></div> <b>Welche gesundheitlichen Risiken bestehen für Anrainer an stark befahrenen Straßen?</b><BR />Dr. Christian Wiedermann: Menschen, die über viele Jahre an stark befahrenen Straßen wohnen, haben ein nachweisbar erhöhtes Risiko für gesundheitliche Probleme. Belegt sind Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, auf den Schlaf und auf die psychische Gesundheit. Dazu zählen Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Schlafstörungen, innere Unruhe, Reizbarkeit und depressive Symptome. <BR /><BR /><b>Was löst der ständige Lärm im Ohr aus?</b><BR />Dr. Wiedermann: Es handelt sich um einen schleichenden Effekt, der mit der Lärmhöhe zunimmt. Vereinfacht gesagt: Je lauter und je länger die Belastung, desto höher die Wahrscheinlichkeit für gesundheitliche Probleme. Besonders relevant ist nächtlicher Lärm, da er die Erholung stört, auch wenn man meint, gut zu schlafen. Verkehrslärm wirkt dabei nicht nur störend, sondern wie ein ständiger Stressreiz, der den Körper auf Dauer belastet, auch wenn man ihn bewusst kaum noch wahrnimmt.<BR /><BR /><b>Besteht Grund zur Sorge?</b><BR />Dr. Wiedermann: Der Effekt ist für den Einzelnen meist moderat, aber auf Bevölkerungsebene relevant. Der Lärm ist selten die alleinige Ursache einer Krankheit, erhöht aber das Risiko messbar. Vergleichbar ist das mit anderen Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung oder Bewegungsmangel. Da sehr viele Menschen betroffen sind, entsteht eine spürbare Belastung für die öffentliche Gesundheit.<BR /><BR /><b>Kann man sich vor dem Lärm schützen?</b><BR />Dr. Wiedermann: Ein vollständiger Schutz ist im Alltag oft nicht möglich, aber die Belastung lässt sich reduzieren. Wichtig sind gut schließende Fenster, Schallschutz oder Schlafräume auf der vom Verkehr abgewandten Seite. Auch verkehrsberuhigte Zonen, Tempolimits und Lärmschutzwände sind wirksame Maßnahmen auf Gemeindeebene. Zusätzlich helfen einfache Dinge wie nachts Fenster auf der ruhigeren Seite zu öffnen, bei Bedarf Ohrstöpsel zu verwenden oder regelmäßig bewusst Zeit in ruhiger Umgebung zu verbringen. Langfristig ist Lärmschutz vor allem Aufgabe der Verkehrs- und Stadtplanung und damit eine klassische Aufgabe der öffentlichen Gesundheit.