<b>Was bewegt Jugendliche dazu, von Zuhause wegzulaufen?</b><BR />Michael Reiner: Die Gründe sind vielfältig. Oft spielen Faktoren wie Leistungsdruck, Versagensängste oder auch Depressionen eine Rolle. Dazu kommen externe Belastungen, etwa ein von Gewalt geprägtes Umfeld, das Gefühl, nicht verstanden zu werden, oder einschneidende Veränderungen im Leben der Jugendlichen. Die Entscheidung, von Zuhause wegzulaufen, ist meist nicht lange geplant, sondern entsteht häufig impulsiv, ausgelöst durch den sprichwörtlichen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. <BR /><BR /><b>Auf welche Warnsignale kann man achten?</b><BR />Reiner: Plötzliche Wesensveränderungen oder sozialer Rückzug sind Warnsignale, die hellhörig machen sollten. Ob solche Umstände jedoch tatsächlich darin münden, dass jemand die Flucht ergreift, lässt sich schwer vorhersagen. Dass Buben häufiger von zu Hause weglaufen, wird zudem oft mit rebellischem Verhalten erklärt. Mit solchen Klischees sollte man jedoch vorsichtig umgehen, sie greifen meist zu kurz und liefern keine allgemeingültige Erklärung.<BR /><BR /><b>Wie kann man Jugendliche in schwierigen Phasen unterstützen?</b><BR />Reiner: Hinter dem Weglaufen steckt oft der Versuch, belastenden Situationen oder Gefühlen zu entkommen. Deshalb ist es wichtig, Jugendlichen zu vermitteln, dass es in Ordnung ist, über Probleme zu sprechen – egal, wie klein sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Darüber hinaus gibt es verschiedene Beratungs- und Begleitangebote, etwa die Caritas, Young+Direct oder in Notsituationen auch das Krisentelefon.<h3> Hintergrund</h3>Jeden zweiten Tag wurde im Vorjahr in Südtirol ein Minderjähriger als vermisst gemeldet. Insgesamt waren 176 Kinder und Jugendliche abgängig. Diese Zahlen hat das Regierungskommissariat in Bozen anlässlich des Welttags der vermissten Kinder veröffentlicht. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/jeden-zweiten-tag-wird-in-suedtirol-ein-kind-vermisst" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(Hier lesen Sie mehr dazu)</a>