<b>Von heute auf morgen ist ein geliebter Mensch verschwunden. Was macht das mit den Hinterbliebenen?</b><BR />Dr. Andreas Conca: Durch den plötzlichen Verlust wird ein Riesenloch aufgerissen, Betroffene fühlen einen Strudel von Emotionen, die von Wut über Ohnmacht und Trauer bis Verzweiflung und sogar Schuldgefühlen reichen können. <BR /><BR /><b>Und wie reagieren die Betroffenen darauf?</b><BR />Dr. Conca: Je nach Persönlichkeitstyp unterschiedlich: die einen mit Aktivismus – sie stellen Suchtrupps zusammen, verteilen Flugzettel, belagern die Behörden –, andere wiederum sitzen wie gelähmt zu Hause und gehen immer wieder allen möglichen Befürchtungen durch, was passiert sein könnte. Am schlimmsten ist dabei die Ungewissheit. Viele Betroffene leiden an chronischem Stress. Noch nach Jahren sind sie gespannt wie eine Feder: Jedes Klingeln an der Tür, jedes Läuten des Telefons lässt sie zusammenzucken und hoffen, dass die geliebte Person sich meldet oder dass es zumindest Informationen über ihr Schicksal gibt. <BR /><BR /><BR /><b>Wie kann sich dieser Ausnahmezustand gesundheitlich auswirken?</b><BR />Dr. Conca: Depressionen können auftreten, posttraumatische Belastungsstörungen, Schlaf- und Appetitlosigkeit, Rückzug aus der Gesellschaft, aber auch körperliche Beschwerden wie Bluthochdruck, Herz- oder Nierenkrankheiten. Das gilt zwar besonders bei Abgängigkeiten mit offenem Ausgang, aber nicht selten auch, wenn die vermisste Person nach längerer Zeit gefunden wird. <BR /><BR /><BR /><b>Was kann helfen?</b><BR />Dr. Conca: Es hat sich gezeigt, dass Hinterbliebene leichter abschließen und im wahrsten Sinne des Wortes begreifen können, dass es diesen Menschen nicht mehr gibt, wenn ein Gegenstand von ihm gefunden wird, und sei es auch nur eine Kreditkarte. Das sieht man oft auch nach Flugzeugunglücken. Der Gegenstand kann beim Abschiednehmen helfen. <BR /><BR /><BR /><b>Wenn hingegen nur dieses Loch bleibt – keine Erklärung, keine Spuren, keine Möglichkeit, abzuschließen, was dann?</b><BR />Dr. Conca: Die Betroffenen brauchen aktive Betreuung, sie brauchen Menschen, die ihnen helfen, das Unfassbare etwas fassbarer zu machen. Dieser Prozess wird z.B. von den Notfallpsychologen gefördert. Der Dienst ist rund um die Uhr erreichbar, oft reichen schon zwei oder drei Gespräche. Sehr hilfreich kann es auch sein, sich an den Verein Penelope in Südtirol zu wenden, der von den Eltern des spurlos verschwundenen Andrea Liponi aus Bozen gegründet wurde. Die Mitglieder des Vereins haben selbst erlebt, was Hinterbliebene durchmachen, und aus ihrer Erfahrung heraus können sie inneren und äußeren Halt geben. Auch wenn die Ungewissheit oft bleibt, können Betroffene lernen, mit diesem offenen Verlust zu leben und Schritt für Schritt wieder Stabilität und Lebensqualität zu gewinnen.<BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/ploetzlich-weg-seit-2025-in-suedtirol-168-personen-als-vermisst-gemeldet" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier mehr zum Thema.</a>