Mittwoch, 10. Juni 2020

Verzweiflung, Krisen, Suizidgedanken: Hier erhalten Sie Hilfe

Südtirol leidet seit Jahrzehnten unter einer hohen Suizidrate, jetzt in „Phase 2“ der Corona-Krise besonders. „Es sind die unsichere Gesundheit, wirtschaftliche Einbußen und vor allem die nicht mehr mögliche menschliche Nähe, das früher beruhigende Berühren vieler Personen, die jetzt zu Buche schlagen“, erklärt der Psychiater und Brixner Primar Dr. Roger Pycha das Warum. Außerdem finden Sie hier alle wichtigen Nummern, wenn Sie Hilfe brauchen und reden möchten.

„Die erste große Hilfe ist Kontakt. Sprechen Sie mit Ihrer Familie, rufen Sie Freunde und Nachbarn an, machen Sie sich in Ihrem Zustand bitte bemerkbar, verheimlichen Sie nichts. Geteiltes Leid ist halbes Leid.
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„Die erste große Hilfe ist Kontakt. Sprechen Sie mit Ihrer Familie, rufen Sie Freunde und Nachbarn an, machen Sie sich in Ihrem Zustand bitte bemerkbar, verheimlichen Sie nichts. Geteiltes Leid ist halbes Leid. - Foto: © shutterstock
Die persönlichen Krisen, die schon vorher bestanden haben, wachsen in solcher Atmosphäre, weiß Dr. Pycha: „Aus Krisen können unmerklich Krankheiten werden, am häufigsten Depressionen. Ihr Nährboden sind Einsamkeit und Erschöpfung. Ihr Gefahrenmoment ist die Verzweiflung.“ Die Corona-Krise biete also alle „Zutaten“, und ein Anstieg der Selbstmorde sei die logische Konsequenz.

Doch was kann man tun?


In der Corona-„Phase 2“ sind Selbsthilfegruppen gegen Einsamkeit gefragt, virtuelle und reale, die in großen Räumen zusammen kommen, sagt Pycha. „Wichtig sind gemeinsame Aktivitäten wie gemeinsam planen, wandern, besichtigen, gemeinsam essen und trinken, musizieren, jetzt immer unter Einhaltung der Sicherheitsvorkehrungen“, betont der Psychiater. Das heißt, alles in sehr kleinen Gruppen und mit sehr großen Abständen.

Für ältere Menschen setzt er auf „einige gut geplante Besuche einzelner Verwandter oder Freunde: längerer Verbleib, Vermittlung menschlicher Wärme durch Worte, statt durch Umarmungen. Das müssen wir erst üben, aber es geht“, ermuntert Dr. Pycha. Und ganz wichtig: „Den Ernstfall ernst nehmen“.

Wenn die Verzweiflung wächst und der Lebenswille schwindet: Holen Sie sich Hilfe!

Notfalldienste
Notrufnummer 112
Notfallpsychologie rund um die Uhr erreichbar unter 366 6209403

Bei psychischen Krankheiten oder schwersten Krisen:
Psychiater vom Dienst, telefonisch über die Telefonzentralen der Krankenhäuser von Bozen 0471 908111, Meran 0473 263333, Brixen 0472 812111 und Bruneck 0474 581111 verlangen.

Niederschwellige Beratungsdienste:
Telefonseelsorge 0471 052052 tgl. 10.00-22.00 Uhr, onlineberatung www.telefonseelsorge-online.bz.it, deutschsprachig

Italienischsprachige Hotline:
Telefono amico 02 23272327 tutti i giorni 10.00-24.00 Uhr , WhatsApp 345 0361628 dalle 18 alle 21, www.telefonoamico.it,

Für Jugendliche:
Young and direct 0471/1551551, E-Mail [email protected]; Whatsapp 3450817056


Erste Hilfe ist Kontakt

„Die erste große Hilfe ist Kontakt. Sprechen Sie Ihre Familie an, rufen Sie Freunde und Nachbarn an, machen Sie sich in Ihrem Zustand bitte bemerkbar, verheimlichen Sie nichts. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Erkanntes Leid verspricht Hilfe, und die kommt vor allem von anderen Menschen“, appelliert der Psychiater. Anonyme Hilfe über Gespräche kommt von Telefonberatungsdiensten. Konkrete fachliche Hilfe kommt von der Notfallpsychologie, 24 Stunden auf 24 gesprächsbereit (Telefonnummern siehe obenstehend).

„Die Gespräche helfen, Pläne zu schmieden und umzusetzen, die zunächst Überlebenspläne sind, und später Pläne für ein besseres Leben“, erläutert der Fachmann – und mahnt eindringlich: „Wenn all das nicht reicht, wenn Panik aufkommt und Handlungsdruck: Rufen Sie bitte 112 an, die Mitarbeiter der Notrufzentrale gehen jedem noch so kleinen Zeichen nach, das sie bemerken. Sie fühlen sich in Suizidgefahr? Suchen Sie bitte Ihren Hausarzt oder die Erste Hilfe Station des nächstgelegenen Krankenhauses auf.“


An den Krankenhäusern von Bozen, Meran, Brixen und Bruneck stehen Psychiater, also Fachärzte für Seelenheilkunde, in Rufbereitschaft. Innerhalb von 20 Minuten können sie an Ort und Stelle sein. „Es ist keine Schande, Hilfe zu suchen, sondern ein Zeichen von Klugheit“, sagt Dr. Pycha. Und richtet sich dabei besonders an Männer: „Es kann Ihnen unmännlich vorkommen, Schwäche zu zeigen, aber der männlichste Auftrag ist das Überleben.“ Dasselbe gelte natürlich auch für Frauen.

„Wir kämpfen im Land um jedes gefährdete Menschenleben – seit 5. März auch mit der Psychohilfe Covid-19, die auf der Internetseite dubistnichtallein.it eine Flut an möglichen Hilfen bietet, 15 öffentliche Gesundheitsdienste und 20 private Organisationen sind dabei. Aber jede Hilfe ist nur so gut wie der Ruf, der sie erreicht“, unterstreicht der Primar der Psychiatrie.

stol