Mittwoch, 17. März 2021

Viel mehr Tote durch Aussetzung der Impfung als durch Impfung selbst

Die 3. Welle rollt und ein Impfstoff wird ausgesetzt. Der deutsche Professor für Medizin und Epidemiologie Karl Lauterbach bedauert diese Aussetzung der Astrazeneca-Impfungen zutiefst und erklärt am Dienstagabend im ZDF-Interview mit Journalist Claus Kleber, warum der Schaden durch das Nicht-Impfen um ein vielfaches größer ist als der Schaden, der entstehen würde, wenn die seltene Komplikation nach einer Impfung mit Astrazeneca auftritt.

Karl Lauterbach bedauert den Astrazeneca-Impf-Stopp sehr.
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Karl Lauterbach bedauert den Astrazeneca-Impf-Stopp sehr. - Foto: © SID / CHRISTOF STACHE
Hier das ganze Interview, das am Dienstagabend im ZDF-Heute-Journal ausgestrahlt wurde, im Wortlaut.

Claus Kleber: Nachdem das deutsche Paul-Ehrlich-Institut die Empfehlung abgegeben hatte, den Astrazeneca-Impfstoff auszusetzen, sagten viele, Gesundheitsminister Jens Spahn hatte gar keine andere Möglichkeit, diese Empfehlung nicht anzunehmen. Hatte er aber schon, denn es war nur eine Empfehlung. Sie hätten anders entschieden!?

Lauterbach: Ja, ich hätte in der Tat anders entschieden. Aber das soll jetzt keine Kritik an Jens Spahn sein, hier kann man unterschiedlicher Meinungen sein. In der Gesamtabwägung – wir sind am Beginn einer 3. schweren Welle, die insbesondere über 50-Jährige treffen wird – dass die Komplikationen nach einer Impfung zwar schwerwiegend, aber sehr rar sind, betroffen ist einer von 200.000 bis 300.000 Geimpften und durch den schweren Imageschaden durch die Aussetzung der Impfung hätte ich hier den Rat der Wissenschaft offen kommuniziert, aber mich für die eine Woche der Prüfung über einen Impf-Stopp hinweggesetzt. Es wäre besser gewesen, wenn man die Prüfung durch die europäische Arzneimittelbehörde hätte laufen lassen und parallel weiter verimpft hätte.

Kleber: Wäre es für das Vertrauen in den Impfstoff wirklich besser gewesen, wenn in dieser Zeitspanne der Prüfung, unter der großen Aufmerksamkeit, 2 oder 3 Menschen gestorben wären?

Lauterbach: Das wäre in dieser kurzen Zeitspanne wohl nicht passiert. Wenn man sich das statistisch anschaut, sind es zwar bisher 7 Fälle von 1,6 Millionen Geimpften (in Deutschland Anm. d. Red.), aber es sind nur 3 gestorben. Und selbst wenn in dieser Zeit noch ein Fall dazugekommen wäre, wir hätten etliche viel schwerere Fälle von Covid-19-Erkrankungen verhindert. Und das muss man der Öffentlichkeit erklären.

Der Schaden, der durch die Nicht-Impfung entsteht, auch in dieser kurzen Zeit, der ist größer, als der Schaden, der entstehen würde, wenn die seltene Komplikation vorkommt. Natürlich ist das schwierig: Der Schaden, der durch die Impfung entsteht, ist konkret, den Nutzen, dass man durch die Impfung Leben rettet, der ist anonym. Diese Menschen werden nie bekannt sein.





Kleber: Aber wenn das jetzt alles erklärt wird, in den verschiedenen Medien, wie das alles zusammenhängt. Besteht dann wirklich auch langfristig Gefahr für das Vertrauen durch diese Aussetzung von ein paar Tagen?

Lauterbach: Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass der Schaden repariert werden kann. Ich hoffe, wir haben hier ein gutes Ausgehen, dass der Impfstoff nach der Prüfung durch die EMA weiter verimpft werden kann. Ich gehe auch aufgrund der Seltenheit des Auftretens der Komplikationen davon aus. Die Komplikationen sind schwer, deshalb muss er geprüft werden. Nachher werden wir für den Impfstoff werben müssen, und wir sollten den Impfstoff insbesondere für ältere Menschen einsetzen, denn da hat er mit Abstand den größten Nutzen. Schutz vor Tod durch Covid-19 ist bei einem 80-Jährigen 600 Mal so hoch wie bei einem 30-Jährigen.

Kleber: Müssen wir, wenn die Astrazeneca-Impfungen wieder los gehen, diese Schäden einfach akzeptieren mit dem Argument „Es passiert recht selten“ oder lässt sich da vorsorgen oder irgendetwas machen?

Lauterbach: Eine Vorbeugung ist nicht möglich. Die Komplikation ist sehr selten und man weiß noch nicht einmal genau, ob sie durch den Impfstoff ausgelöst wird. Wahrscheinlich schon, die Statistik spricht dafür, aber sicher ist es nicht. Man sollte den Impfstoff da einsetzen, wo der Nutzen in der 3. Welle am größten ist und zwar bei den Älteren. Da überwiegt der Nutzen auf jeden Fall mit großem Abstand die Gefahr.

Kleber: Wie kommt es, dass in Großbritannien, wo sehr viel mehr mit Astrazeneca geimpft wird, also bisher etwa 10 Millionen, keine solchen Fälle von schweren Komplikationen bekannt geworden sind? Gucken die nicht so genau hin?

Lauterbach: Diese spezifische Thrombose im Gehirn ist ohnehin etwas häufiger bei Frauen zwischen 30 und 50. Diese Gruppe wurde in England zunächst nicht geimpft, man hat sich auf die Älteren fokussiert. Hierzulande gab es die Empfehlung, die Menschen unter 65 mit Astrazeneca zu impfen, viele davon waren Pflegekräfte und Erzieherinnen.

Kleber: Dann wär das genau verkehrt herum gewesen?

Lauterbach: Ja wahrscheinlich war das so. Das ist ja auch kritisiert worden. Es ist ja so, dass jeder Impfstoff, der noch Unsicherheiten hat, zunächst dort eingesetzt werden sollte, wo er den größten Nutzen hat, und das wäre bei den Älteren. Ich kenne überhaupt keine Krankheit, wo das Risiko einer schweren Komplikation so vom Alter abhängt wie bei Covid-19.


Wie berichtet, wurden auch in Italien und Südtirol die Impfungen mit Astrazeneca vorübergehend ausgesetzt. Es handle sich dabei um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Am Mittwoch versicherte der italienische Gesundheitsminister Roberto Speranza, dass sich Menschen, die den Impfstoff bereits erhalten hatten, nicht sorgen müssten. Wissenschaftler hätten keine grundlegenden Bedenken. „Die Impfstoffe funktionieren“.

vs

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