Je älter man wird, desto gelassener – so heißt es zumindest. Und tatsächlich: Vieles regt mich heute längst nicht mehr so auf wie früher. Man lernt, manches hinzunehmen und sich nicht über jede Kleinigkeit zu ärgern. Aber eben nicht alles. Es gibt noch immer Situationen, in denen ich merke: Die Gelassenheit hat Grenzen.<BR /><BR />Eigentlich bin ich durchaus ein Menschenfreund. Ich gehe grundsätzlich mit einer positiven Haltung auf andere zu. Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich mich ärgere: über unfreundliche Menschen ohne Manieren, über beleidigende oder respektlose Kommentare in den sozialen Medien oder über Ärgernisse bei der Arbeit.<BR /><BR /><embed id="dtext86-76379064_quote" /><BR /><BR />Dann frage ich mich: Müsste ich mit den Jahren nicht eigentlich noch gelassener reagieren? Oder gibt es tatsächlich Dinge, über die man sich weiterhin ärgern darf? Liegt das Problem also an mir – oder hat sich unser Miteinander verändert?<BR /><BR />Ich glaube schon. Ich habe zunehmend das Gefühl, dass sich in den vergangenen Jahren etwas verschoben hat. Das Ich steht heute mehr denn je im Mittelpunkt. Sich zeigen, sich inszenieren, sich optimieren, sich möglichst gut verkaufen. Vor allem in den sozialen Medien scheint das für viele zum Alltag geworden zu sein. Jeder wird zur eigenen Marke, zum Mittelpunkt seiner persönlichen Bühne.<BR /><BR />Und damit nicht genug. Manchmal entsteht der Eindruck, als wäre Vergnügen zur obersten Pflicht geworden: möglichst viel erleben, möglichst viel zeigen, möglichst wenig verpassen. Als wäre ein Moment nur dann wertvoll, wenn er sich auf Instagram oder Facebook teilen lässt.<BR /><BR />Besonders auffällig ist ein Widerspruch, der immer häufiger zu beobachten ist. Nicht nur bei der „Jeunesse dorée“ scheinen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinanderzuliegen – auch bei vielen anderen Jugendlichen. Da wird lautstark gegen Umweltverschmutzung protestiert, Bescheidenheit und Verzicht werden eingefordert. Gleichzeitig wird um die Welt gejettet, Luxus zelebriert und ein Lebensstil gepflegt, der mit den eigenen Forderungen kaum vereinbar ist. Das ist keine Glaubwürdigkeit. Das ist Doppelmoral.<BR /><BR />Ich will dabei auf keinen Fall pauschal über eine ganze Generation urteilen. Es gibt unzählige – auch junge – Menschen, die Verantwortung übernehmen, Rücksicht nehmen und sich für andere einsetzen. Zum Glück. Trotzdem beschleicht mich immer öfter das Gefühl, dass der Blick für das Gemeinsame verloren geht.<BR /><BR /><embed id="dtext86-76379065_quote" /><BR /><BR />Das erlebt man nicht nur online, sondern auch im Alltag. Rücksicht wird schnell zur Nebensache, die eigenen Interessen kommen zuerst. Solche Situationen gab es zwar immer schon. Der Unterschied ist: Heute wird jede Kleinigkeit öffentlich gemacht. Fünf Minuten zu lange gewartet? Ab auf Facebook damit – samt polterndem Kommentar. Der Kaffee war nicht heiß genug? Schnell ein Foto auf Instagram und den Barbesitzer niedermachen. Als müsste jeder wissen, worüber man sich gerade ärgert.<BR /><BR />Früher sprach man von Ellbogenmentalität. Heute haben die sozialen Medien diesem Verhalten eine riesige Bühne gegeben. Aufmerksamkeit bekommt, wer möglichst laut ist – oder sich möglichst perfekt präsentiert. Ob das am Ende glücklicher macht? Ich bezweifle es.<BR /><BR />Früher war nicht alles besser. Egoismus, Konkurrenzdenken und Selbstdarstellung gab es immer. Vielleicht gehört es auch zum Älterwerden, nicht auf jede Provokation zu reagieren und manches einfach stehen zu lassen. Aber Gelassenheit bedeutet nicht, alles hinzunehmen.<BR /><BR />Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, wenn aus dem Wir immer öfter ein „Ich zuerst“ wird? Wer ständig Aufmerksamkeit verlangt, neue Ansprüche stellt, aber die Verantwortung möglichst anderen überlässt, darf sich nicht wundern, wenn genau das verloren geht, was eine funktionierende Gesellschaft ausmacht: Rücksicht, Gemeinsinn und die Bereitschaft, auch einmal nicht selbst im Mittelpunkt zu stehen.<BR /><BR />Und vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung – zumindest für mich: gelassener zu werden, ohne gleichgültig zu werden. Denn über manche Dinge darf man sich auch weiterhin ärgern – vor allem dann, wenn es um den Umgang miteinander geht.<BR /><BR /> <a href="mailto:arnold.sorg@athesia.it" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">arnold.sorg@athesia.it</a>