Im Interview spricht Historikerin Eva Pfanzelter über die Option von 1939 und ihre Auswirkungen: „Viele kehrten zurück, aber waren nicht immer willkommen.“<BR /><BR /><b>Wie viele Südtiroler haben im Rahmen der Option ihre Heimat schlussendlich verlassen?</b><BR />Prof. Eva Pfanzelter: Wir können bis heute nicht genau sagen, wie viele Menschen letztendlich Südtirol im Zuge der Option verlassen haben – trotz der neueren Projekte, wie das Projekt „Option digital“ etwa, das unter anderem die Digitalisierung der sogenannten „Optantenkartei“ aus dem Tiroler Landesarchiv in Innsbruck enthielt. Die digitalisierte Kartei gibt uns einen relativ guten Überblick über die Gruppe der Menschen, die in Südtirol um die deutsche Staatsbürgerschaft angesucht haben und deren Akten dann in Innsbruck gelandet sind. Wir haben in Innsbruck eine Kartei, die auf rund 134.000 Anträge verweist. Wir wissen seit Abschluss des Projektes aber auch, dass nicht alle Akten der optionsberechtigten Gebiete tatsächlich nach Innsbruck kamen. Ebenso ist es uns nicht gelungen, die zentrale Kartei in den Südtiroler Archiven ausfindig zu machen. Hier sind Teilbestände zu finden und Teile der Kartei, aber keine so vollständige Sammlung wie in Innsbruck. Diese schwierige Überlieferungssituation macht es uns daher auch unmöglich, genaue Zahlenangaben zu machen. Aber, ich denke, wir können davon ausgehen, dass die Schätzungen der Historikerinnen und Historiker aus den 1980er- und 1990er-Jahren (also die bekannten 86 Prozent Deutschlandoptanten) in vielen Fällen stimmen, in manchen Dörfern und Ortschaften war die Zahl aber sicher auch höher.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1317777_image" /></div> <BR /><b>Kam es nach dem Krieg automatisch zu einer Rückoption?</b>Prof. Pfanzelter: Nein, es gab nach dem Krieg keine automatische Rückkehr. Im Gegenteil: Den Schnellentschlossenen gelang es vielleicht noch, in den ersten Nachkriegstagen illegal über die Tiroler Pässe zurück nach Südtirol zu gelangen. Manche schafften es auch später noch, sich in die Züge italienischer Heimkehrer zu schmuggeln oder über die grüne Grenze nach Südtirol zu kommen – das waren alles illegale Grenzübertritte, denn die Grenze war ab Mitte Mai 1945 geschlossen und wurde streng kontrolliert. Italien hatte auch wenig Interesse daran, die Menschen nach Südtirol zurückkommen zu lassen – ganz anders als die SVP, die spätestens ab Herbst 1945 heftig für eine Rückkehr warb und dafür auch bei den österreichischen Stellen intervenierte. Der Partei ging es ganz klar darum, die Zahl der Deutschsprachigen – zu denen auch die Ladinerinnen und Ladiner gerechnet wurden – zu erhöhen, weil das bei anstehenden Wahlen wichtig gewesen wäre, um die Zahl der Wahlbeteiligung anzuheben. <BR /><b><BR />Wie ging es dann weiter?</b><BR />Prof. Pfanzelter: Es wurde sehr schnell ein zentraler Streitpunkt zwischen Italien und Österreich /SVP, wie mit den Optionsabkommen von 1939 umzugehen sei. Italien wollte phasenweise die Auswanderung sogar weiterführen – das haben die Alliierten und hier besonders die USA als Besatzungsmacht aktiv unterbunden und auch von den Briten wurde das deutlich missbilligend aufgenommen. Im Gruber-De-Gasperi-Abkommen sehen wir die Bedeutung der Option auch in dieser kritischen Nachkriegsphase: Italien verspricht darin eine Revision der Optionsabkommen im „Geiste der Gerechtigkeit und Großzügigkeit“. Von einer solchen Großzügigkeit war danach wenig zu sehen oder zu spüren. Es gelang erst im Zuge der Verhandlungen zum Ersten Autonomiestatut, auch die Frage der Rückoption zu lösen: Mit dem sogenannten Optantendekret vom Februar 1948 liegt endlich ein Gesetzestext vor, der es den Optantinnen und Optanten für das Deutsche Reich ermöglicht, legal die italienische Staatsbürgerschaft wieder zu erlangen. Aber auch das Optantendekret enthielt noch gewisse Einschränkungen: z.B. durften jenen, die sich in der NS-Verwaltung als besonders fanatisch gezeigt hatten, die Rückoption verwehrt werden. Für einige Jahre gingen danach zwischen Rom und Wien lange „schwarze“ Listen hin und her, mit denen Leuten die Rückkehr erschwert wurde. Schließlich versandete die Sache aber relativ unspektakulär, weil schon Ende der 1940er-/Anfang 1950er-Jahre andere Dinge wichtiger wurden so der wirtschaftliche Austausch etwa. Jedenfalls konnten dann alle, die für Deutschland optiert hatten, die italienische Staatsbürgerschaft wieder beantragen. Die Ausgewanderten mussten ab November 1948 ebenso um die Wiedererlangung der italienischen Staatsbürgerschaft ansuchen, egal, ob sie zurückkehren wollten oder nicht. Da erließ die österreichische Regierung nämlich ein Gesetz, nach dem die zugewanderten Südtirolerinnen und Südtiroler die Gleichstellung mit der österreichischen Staatsbürgerschaft verloren, wenn sie das nicht taten.<BR /><BR /><b>Was beeinflusste die Entscheidungen der Menschen?</b><BR />Prof. Pfanzelter: Die Entscheidungen zur Rückkehr waren natürlich sehr individuell und tatsächlich entschieden sich immer mehr Menschen, im Ausland zu bleiben, je länger die Option zurücklag. Vor allem jüngere Menschen hatten in Österreich oder Deutschland eine neue Heimat gefunden, vielleicht eine Familie gegründet. Viele entschieden sich auch, weiterzuwandern, z.B. von Österreich nach Deutschland, in die Niederlande oder in die USA, wo in der unmittelbaren Nachkriegszeit die wirtschaftliche Situation besser war. Manche kehrten auch nach Südtirol zurück, wanderten dann aber neuerlich aus. Bei den Beweggründen, von denen uns Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichten, ist vielleicht hervorzuheben, dass die Familie und Freunde sowie die Dorfgemeinschaft in Südtirol manchmal ein wichtiger Grund waren, nach Südtirol zurückzukehren – wobei das noch nicht garantierte, dass die Aufnahme dort freundlich war.<BR /><BR /><b> Wie reagierten die Menschen im Land auf die Rückkehrer?</b>Prof. Pfanzelter: Hier lassen sich auch keine allgemeingültigen Aussagen machen, wobei sich feststellen ließ, dass die Aufnahme im ländlichen Kontext oftmals einfacher war als in der Stadt. Das heißt, in die Dörfer und in die eigenen Familien kehrte man leichter zurück und hier verstummten die kritischen Stimmen bald. Wo die Rückkehrenden in den Rücksiedlerwohnblöcken als eine neue Gruppe von Migranten die Wohnungs- und Lebensmittelsituation verschärften, war die Remigration sicherlich schwieriger. Die Vorurteile, die diesen Menschen manchmal noch jahrzehntelang entgegenschlugen, zeugen auch nicht unbedingt von einer Südtiroler Willkommenskultur gegenüber ihren eigenen Landsleuten.<BR /><b><BR />Wie viele Optanten kehrten zurück? Gibt es dazu Zahlen?</b><BR />Prof. Pfanzelter: Nein, auch dazu gibt es keine genauen Zahlen. Hier erschwert sich die Situation noch dadurch, dass die Akten, die dazu benötigt würden, um solche Zahlen zu eruieren, nicht vollständig überliefert sind – zumindest ist es uns nicht gelungen, einen solchen Bestand in Bozen oder Rom zu finden. Das bedeutet, in der Datenbank „Option digital“ finden wir nur in etwa ein Drittel der Rückoptionsgesuche: also jene Daten, die wir im Staatsarchiv Bozen als die Karteikarten der Ausgewanderten identifizieren konnten. Dabei handelt es sich um ca. 32.000 Karteikarten – wobei wir keine Angaben zur Vollständigkeit oder zum Umfang machen können. <BR /><BR /><b>Die Ereignisse rund um den Zweiten Weltkrieg waren viele Jahre ein Tabu-Thema. Sind sie mittlerweile besser aufgearbeitet?</b><BR />Prof. Pfanzelter: Viele Ereignisse der damaligen Zeit sind heute sehr gut aufgearbeitet. Andere dürften noch besser beleuchtet werden, wieder andere wurden noch gar nicht untersucht. Das gilt für die NS-Zeit, aber das gilt auch und besonders für die Zeit danach. Die doppelte Opferthese der Südtirolerinnen und Südtiroler (also Opfer des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus gewesen zu sein) hielt sich beharrlich bis in die späten 1980er-Jahre, wurde dann für ein paar Jahre auch gesamtgesellschaftlich hinterfragt, um heute umso heftiger wieder zurückzukommen – eine Art Südtiroler „Nationalismus“, der oft als Patriotismus getarnt wird. Womit das zu tun hat, das kann ich als Historikerin schwer nachvollziehen, denn die Geschichte lehrt mir jedenfalls auch: Minderheiten haben bisher bei autoritären und sehr nationalistischen Systemen immer verloren. Der Remigrationsdiskurs, der derzeit von einigen Gruppierungen instrumentalisiert wird, ist im Südtiroler Kontext besonders befremdlich – weil eben den Deutsch-/Ladinischsprachigen gerade die Rückkehrmigration der ehemals Ausgewanderten zumindest politisch ein ganz großes Anliegen war.<h3> Buchtipp</h3>Sarah Oberbichler, Eva Pfanzelter: „Endstation Heimkehr? Die Südtiroler Rückoption“; Athesia- Tappeiner Verlag (2026); 192 Seiten.<BR /><BR />Bestellen: <a href="https://www.athesiabuch.it/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.athesiabuch.it</a>