Umso wichtiger sei ein Bewusstsein für diese besonders heikle Lebensphase sowie der eine oder andere Ratschlag, wie man sich vor quälenden Zukunftssorgen wappnen kann. <BR /><BR /><b>Frau Cagol, von der Prüfung einmal abgesehen stellt die Matura einen Wendepunkt im Leben der Jugendlichen dar – es ist gewissermaßen der Aufbruch ins Erwachsenenleben. Wie kommen die jungen Menschen damit zurecht?</b><BR />Sabine Cagol: Ja, die Situation lässt sich ganz gut so beschreiben. Die Schulpflicht reicht bis zum 16. Lebensjahr, die Bildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr, danach kann man wählen und es steht einem alles offen. Mehr denn je ist diese Freiheit eine große Herausforderung, denn es stellt sich allen die Frage: Wie treffe ich gute Entscheidungen, die ich später nicht bereue? Diese Sorge, eine falsche Wahl zu treffen, ist sicherlich bei vielen Schulabgängern deutlich zu vernehmen. <BR /><BR /><BR /><b>Warum ist diese Sorge heute so stark ausgeprägt?</b><BR />Cagol: Das hat mit mehreren Faktoren zu tun. Grundsätzlich wachsen die Jugendlichen heute in einer hochkomplexen Zeit auf. Ein bunter Strauß an Möglichkeiten ist zwar schön, kann uns Menschen aber auch in der Entscheidungsfindung überfordern. Und natürlich handelt es sich um maßgebliche Entscheidungen, für welchen Job man sich entscheidet, welches Studium man wählt oder wo man eine Wohnung bzw. Wohngelegenheit findet. Jede Entscheidung hat auch den Preis, etwas anderes nicht zu erleben bzw. zu tun. Jugendliche haben manchmal Angst, „die falsche Entscheidung zu treffen. Dieses Phänomen ist heute bekannt als FOMO (Englisch: fear of missing out) und meint die Angst, Informationen, Ergebnisse, Erfahrungen oder Entscheidungen, die das eigenen Leben verbessern können, zu verpassen. Außerdem fallen die gewohnten sozialen Netzwerke auseinander, die Wege trennen sich, viele Freundschaften verlieren sich. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1043940_image" /></div> <BR /><BR /><b>Somit kann die große, verheißungsvolle Freiheit nach der allerletzten Schulprüfung durchaus Gefühle der Beklemmung und Sorge hervorrufen?</b><BR />Cagol: Ja natürlich, das lässt sich häufig beobachten. Wenn man keinen Plan von der eigenen Zukunft entwickelt hat, so führt das zu einer großen Verunsicherung. Allerdings konnte man schon immer beobachten, dass manche Menschen schon als Kind genau wissen, was sie einmal werden wollen und diese Ziele dann auch tatsächlich durchziehen, während andere eben länger brauchen, um zu spüren was zu ihnen passt.<BR /><BR /><BR /><b>Wie ist es um die Selbstständigkeit der heutigen Jugend bestellt?</b><BR />Cagol: Es liegt auf der Hand, dass sich die Lebenswelten stark geändert haben. Früher galt vielfach der Spruch: Jetzt bist du volljährig, such Dir einen Beruf und verdiene dein eigenes Geld. Die Welt ist jedoch fluider geworden, das Berufsleben bleibt in Entwicklung. Den Beruf für das ganze Leben und vor allem die lebenslange Festanstellung zu finden ist heute nicht mehr ein vorrangiges Ziel. Früher mag das zugetroffen haben, heute hingegen verstehen sich Eltern oft als Coach, die ihren Kindern bei diesem Prozess beratend beiseite stehen. Viele Jugendliche suchen also nicht den Berufs fürs Leben, wenngleich die Ansprüche an sich selbst wohl hoch wie nie zuvor sind. <BR /><BR /><BR /><b>Wird das in Ihren Beratungen deutlich? Mit welchen Anliegen kommen die Schüler bzw. deren Familien zu Ihnen in die Sprechstunde?</b><BR />Cagol: Ein großer Schwerpunkt ist gerade der Umgang mit dem Leistungsdruck und den Erwartungen an sich selbst. Es sind also vielfach gar nicht die Eltern und Lehrer, die für Druck sorgen, sondern die Jugendlichen selbst. Zusammengefasst hängt das mit dem Gedanken zusammen: Wenn ich richtig gut performe, dann stehen mir alle Wege offen. Dieser Leistungsdruck spitzt sich oft gegen Ende der Oberschule zu. Das zeigen auch Patienten aus Maturaklassen mit schwerwiegenden Burn-Out-Symptomen. Da geht nichts mehr, die sind dann für einige Monate total außer Gefecht.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1043943_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Und dann? Wie können Sie diesen jungen Patienten helfen?</b><BR />Cagol: Zunächst geht nichts mehr, gerade so, als hätte jemand den Stecker gezogen. Es braucht Zeit, körperlich und psychisch wieder auf die Beine zu kommen. In der Therapie wird dann an den inneren Antreibern gearbeitet, die zum Beispiel zur Perfektion einladen und eine Freundlichkeit mit sich selbst neu erlernt. Oft fehlt das Bewusstsein, dass auf Stressphasen Erholungsmomente folgen müssen, um leistungsfähig zu bleiben. Der Mensch ist sehr wohl so gebaut, dass er Stressphasen durchstehen kann, allerdings führt Dauerstress in die Sackgasse. Es ist wie beim Autofahren, wenn man das Tanken vergisst. Dann bleibt man stehen. Tanken ist kein Akt der Faulheit, sondern notwendig, um wieder weiterfahren zu können.<BR /><BR /><BR /><b>Nun gibt es sicherlich Jugendliche, die ganz natürlich mit den an sie gestellten Herausforderungen umgehen. Was unterscheidet sie von den anderen?</b><BR />Cagol : Vielfach macht ein gutes Maß an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, eine Portion Optimismus und Flexibilität den Unterschied. Es geht ums subjektive Gefühl einer Person, genügend Ressourcen mitzubringen, um die Anforderungen des Lebens zu meistern. Grundsätzlich verfügen die neuen Generationen „Z“ und „Alpha“ über gute Fähigkeiten, die oft beschworene Work-Life-Balance hinzubekommen. Sie haben ihre Eltern erlebt, die ihre Bedürfnisse den Ansprüchen der Arbeitswelt untergeordnet haben und stellen bei Einstellungsgesprächen die Ausgewogenheit zwischen Job und Freizeitinteressen an die erste Stelle.<BR /><BR /><b><BR />Abgesehen davon will letztlich jeder aus seinem Leben etwas machen, es zu etwas bringen, oder?</b><BR />Cagol: Klar, grundsätzlich ist es so, dass Menschen in ihrem Leben weiterkommen und etwas leisten wollen. Trotzdem kann es passieren, dass den jungen Erwachsenen die Entwicklungsanforderungen hin zu einem eigenständigen Leben Schwierigkeiten bereiten. Das kann sich auch durchaus lange hinziehen oder pathologische Züge annehmen, wenn als Lösungsversuch die Vermeidung gewählt wird, man sich einkapselt, Krankheiten entwickelt oder in Scheinwelten flüchtet. Man hat Angst vor dem Neuen, will sich nicht aufs Leben einlassen. Die extreme Variante des sozialen Rückzugs wird als Hikikomori bezeichnet. Es bedeutet im Japanischen so viel wie „sich zurückziehen“. Auch in Südtirol gibt es solche Fälle.<BR /><BR /><b>Braucht es gerade in dieser Lebensphase mehr Mut zum Risiko? Wie soll man denn ohne Fehler und Rückschläge denn wachsen?</b><BR />Cagol: Absolut. Man sollte mehr mit dem Charakter eines Experiments betrachten, dabei mit Flexibilität, Leichtigkeit und Optimismus an die Sachen herangehen. Zeiten des Aufbruchs bringen naturgemäß viel Unsicherheit mit sich, allerdings sammelt man erst in dieser Lebensphase Erfahrungen für das gesamte spätere Leben. Ein bisschen lässt es sich mit der Führerscheinprüfung vergleichen, denn richtig fahren lernt man auch erst nach bestandener Prüfung.