„Was eine vierte Impfung angeht, das sollte künftig eine individuelle Entscheidung sein – und bevor man impft, sollte man eine Kontrolle seines Immunitätszustandes machen“, meint der Osttiroler Mediziner. <BR /><BR /><b>Werfen wir einen Blick in die Kristallkugel: Was erwartet uns in Sachen Corona – heuer und in weiterer Zukunft?</b><BR />Dr. Gernot Walder: Der Adaptionsprozess des Virus an den Menschen geht weiter. Allerdings verzeichnen wir derzeit keine spektakulären Veränderungen am Virus mehr. Für die Zukunft ist davon auszugehen, dass Mutationen in größeren Abständen auftreten werden. <BR /><BR /><b>Aber eine Sommerwelle wie jetzt hatten wir die vergangenen Jahre nicht...</b><BR />Dr. Walder: In der Tat befinden wir uns wieder in einer Welle und die Fälle werden weiter ansteigen – und dann abflachen. Dies Welle wird ähnlich wie die letzte verlaufen und möglicherweise steht uns im Herbst die nächste bevor. <BR /><BR /><b>Beunruhigt Sie das?</b><BR />Dr. Walder: Ich sehe auf unsere Gesundheitssysteme keine Überlastung zukommen, die Immunitätslage der Bevölkerung ist insgesamt nicht schlecht. Die Beanspruchung der Gesundheitsdienste wird vergleichbar stark sein, wie bei der letzten Welle.<BR /><BR /><b>Ist das Coronavirus also weniger gefährlich geworden? Oder steht uns doch eine vierte Impfung bevor?</b><BR />Dr. Walder: Die Gefahr für den einzelnen hängt vom Zustand seines Immunsystems ab. Bei einem gut funktionierenden Immunsystem wurden durch die Impfungen und/oder Erkrankungen Antikörper aufgebaut, die vor schweren invasiven Verläufen gut schützen, im besten Fall geht eine Corona-Infektion sogar ohne Symptome ab. Trotzdem bleibt jeder Infizierte weiterhin Erregerträger und kann den Virus weitergeben. Was eine vierte Impfung angeht: Solange keine Impfstoffe vorliegen, die spezifisch auf die neuen Varianten ausgerichtet sind, macht eine Auffrischungsimpfung nur Sinn, wenn kein ausreichender Antikörperschutz mehr gegeben ist. Das ist ähnlich wie bei Hepatitis B oder FSME.<BR /><BR /><embed id="dtext86-55086866_quote" /><BR /><BR /><b>Dann sehen Sie also die weitgehende Aufhebung aller Schutzmaßnahmen trotz Sommerwelle gelassen?</b><BR />Dr. Walder: Ich betrachte das in der Tat relativ entspannt – auch wenn weiterhin Wachsamkeit angebracht ist. Aber großen Anlass zur Besorgnis sehe ich nicht. Wir können also den Sommer genießen. <BR /><BR /><b>Und den Herbst auch?</b><BR />Dr. Walder: Der Herbst bringt immer einen Anstieg respiratorischer Infekte. Wenn nicht unerwartete Volten eintreten wird das einer starken Grippewelle entsprechen. Ich fürchte allerdings, bis dahin haben wir noch ganz andere Probleme als das Coronavirus.<BR /><BR /><b>In Deutschland läuft gerade eine heftige Diskussion über die Wirksamkeit der verschiedenen Maßnahmen. Insbesondere über Sinn und Unsinn der Schulschließungen.</b><BR />Dr. Walder: Also nach derzeitiger Datenlage scheint es so, als hätten Schulschließungen in der ersten Coronawelle nicht wesentlich zur Eindämmung beigetragen. Im Herbst 2020 könnte es etwas gebracht haben. Die Auswertung der Daten und die Bewertung einzelner Maßnahmen ist schwierig, auch weil sie unterschiedlich gut und konsequent umgesetzt wurden. Wie wirksam eine Maskenpflicht ist, hängt auch von der Qualität der Masken und der Durchführung ab: Eine Maske, die nicht sitzt und dicht schließt, ist nicht effizient. Aber das Problem ist ein ganz anderes<BR /><BR /><b>Nämlich?</b><BR />Dr. Walder: Wir haben noch immer relativ wenig Ahnung, wie sich ein aerogener Erreger verbreitet. Wir haben keine guten Modelle, um das Übertragungsrisiko abzubilden und zu quantifizieren. Wir können also einzelne Maßnahmen nicht empirisch überprüfen. Hier müsste mehr geforscht werden. Ich sehe aber auch, und das ist das eigentlich beunruhigende, keinerlei langfristigen Konsequenzen aus der Pandemie. Infektionskrankheiten sind das Berufsrisiko aller medizinischen Berufe und wir haben bisher keine nachhaltigen Maßnahmen ergriffen, um damit besser umzugehen. Das ist nicht nur im Hinblick auf das Coronavirus fahrlässig, sondern vor allen Dingen in Hinblick auf multiresistente oder neue Erreger, die früher oder später auftauchen werden. Die Politik ist hier völlig untätig, das ist unverständlich.<BR /><BR /><embed id="dtext86-55087880_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was bräuchte es denn?</b><BR />Dr. Walder: Der territoriale Bereich – Arztpraxen, kleinere Therapieeinrichtungen, Hauskrankenpflege, Altenheime etc. braucht Zugang zu einer fachlich fundierten Hygiene, ähnlich der Krankenhaushygiene im intramuralen Bereich. Hier gab es keine tragfähigen Strukturen, sie entstehen auch nicht. Im Gegenteil: Wir hatten Corona-Landeskrisenstäbe ohne Hygiene-Fachärzte, Diagnostik wurde an nicht fachärztlich verantwortete Unternehmen ausgelagert, etc. Manche Maßnahmen wirkten entsprechend wenig durchdacht bzw. fachlich fundiert. Das fasziniert mich: Spätestens wenn ein Ort einmal abgebrannt ist, hat man früher eine Feuerwehr eingerichtet. Hier passiert gar nichts. Wir haben schlicht nichts gelernt aus der Sache.<BR /><BR /><b>Wo sollen denn die Fachleute alle herkommen, wir haben ja nicht einmal genug Hausärzte...</b><BR />Dr. Walder: Solange die Gesellschaft erwartet, dass die Ärzte von heute mit den Rahmenbedingungen von vorgestern die Versorgung der Zukunft ermöglichen und gleichzeitig die Zugangshürden zum Studium möglichst hoch macht, braucht sie sich nicht zu wundern, dass es an ärztlicher Versorgung mangelt. Verstehen sie mich recht: Was uns fehlt, ist nicht in erster Linie Geld sondern Wertschätzung und Respekt. Niemand sendet die Botschaft aus: Wir brauchen Euch. Und niemand hört uns zu. <BR /><BR />