<b>In Südtirol, wie auch weltweit, setzen mehr Männer als Frauen ihrem Leben ein Ende. Wieso ist das so?</b><BR />Dr. Roger Pycha: Es gibt weltweit nur zwei Ausnahmen. Das sind China und Indien. In diesen Ländern ist die Rolle der Frau sehr prekär. Ansonsten ist das Verhältnis tatsächlich überall ungefähr eins zu drei. Die Wissenschaft kennt mittlerweile einen Zusammenhang mit dem – männlichen – Hormon Testosteron. <BR /><BR /><BR /><b>Was hat ein Hormon mit Suizid zu tun?</b><BR />Dr. Pycha: Testosteron sorgt u.a. für mehr Impulsivität, einem stärkeren Streben nach Dominanz und Status, führt zu mehr Risikobereitschaft und zu einer vermehrten Neigung, fremd- und selbstgefährdend zu sein. Das zeigt sich auch in anderen Bereichen: 85 Prozent der Morde werden von Männern verübt, 75 Prozent der Verkehrsunfälle werden von Männern verursacht – und eben auch drei von vier Suiziden. Impulsivität ist gerade in Krisensituationen nicht die beste Strategie. Sie ist – nebenbei bemerkt – auch nicht die beste Strategie in der Politik. Negatives Paradebeispiel: Donald Trump.<BR /><BR /><BR /><b>Dabei sieht die Statistik aber mehr weibliche Selbstmordversuche. Wie passt das?</b><BR />Dr. Pycha: Männer sind – bewusst zugespitzt gesagt – Einzelkämpfer, die allen Gefahren allein trotzen wollen. Schaffen sie es, fühlen sie sich als Helden. Schaffen sie es nicht, zerbrechen sie. Frauen gehen prinzipiell anders an Dinge heran. Wissen sie etwas nicht, informieren sie sich, diskutieren miteinander, machen Pläne und lassen sich begleiten. Das erleichtert es ihnen, auch in Krisensituationen Hilfe zu suchen und zu akzeptieren. In diesem Sinne haben weibliche Suizidversuche eher appellierenden Charakter sind Hilferufe. Es steht nicht unbedingt der Todeswunsch im Vordergrund, sondern das Bedürfnis nach einer Pause von der Krise. <BR /><BR /><BR /><b>Sind Männer für Präventionsarbeit also unzugänglich, gefangen in ihrer Hormonfalle?</b><BR />Dr. Pycha: Nein, keineswegs. Hormone haben ihre Auswirkungen, und ihren Sinn. Aber Kapitän unseres Handelns ist unser Gehirn. Oder sollte es sein. Ich kann lernen, kognitiv einzugreifen, gerade wenn ich weiß, ich neige zu impulsiven Entscheidungen. Und mir dann eben doch Hilfe holen. Das zeigen auch unsere Präventionsbemühungen der vergangenen 30 Jahre hier in Südtirol. Immerhin konnten wir die Suizidrate seit 1990 in Südtirol halbieren – bei Frauen und Männern. Aber es heißt auch, dass man im akuten Fall unterschiedliche Ansätze bei den Unterstützungsangeboten wählen muss. Und es ist ein gesellschaftlicher Auftrag. <BR /><BR /><BR /><b>Bleiben wir bei den unterschiedlichen Ansätzen...</b><BR />Dr. Pycha: Das fängt schon bei Begrifflichkeiten an. Wir kennen weitere Risikofaktoren für Suizide. Bei der Auswertung von Südtiroler Daten aus den Jahren 1990 bis 2000 zeigte sich, dass in 55 Prozent der Fälle dem Suizid eine Depression zugrunde lag. In weiteren 25 Prozent Alkoholsucht. Wir würden beides als Krankheiten bezeichnen. „Mann“, insbesondere in unserem kulturellen Kontext, ist aber nicht krank. Weswegen Mann ja auch prinzipiell seltener und oft genug zu spät zum Arzt geht. Will man also als Präventionsmaßnahme diese Krankheiten behandeln, tendiert Mann dazu sich zu verweigern. „Krisen“, auch „burnout“, werden hingegen anders wahrgenommen. Die gesteht Mann sich zu. Sich in einer Krisensituation unterstützen zu lassen, fällt Mann leichter. Und manchmal geht es auch über Umwege.<BR /><BR /><BR /><b>Soll heißen?</b><BR />Dr. Pycha: Das lässt sich gut und plakativ anhand der Gotland-Studie aufzeigen. Der Psychiater Wolfgang Rutz hat auf der schwedischen Insel Gotland Hausärzte im Sinne der Suizidprävention geschult, um bei ihren Patienten Depressionen erkennen und – medikamentös – behandeln zu können. Hat gut geklappt, die Suizidrate ging zurück, aber nur bei den Frauen. Daraufhin hat Rutz die Hausärzte angehalten, am Ende jeder Visite verheiratete Frauen nach dem Befinden ihrer Ehemänner zu fragen. Und so konnten Fälle von Depression sozusagen über Ferndiagnose erkannt werden. Die Frauen wurden dann gebeten, ihre Männer zur Visite zu schicken. Das hat – zumeist – funktioniert. Noch lieber nahmen die Männer einfach ein, was ihre Frauen ihnen vom Arzt mitbrachten, Hauptsache, sie mussten selbst nicht hin. Aber das waren schwedische Männer der 19780er Jahre…<BR /><BR /><BR /><b>Und was ist der gesellschaftliche Auftrag, von dem Sie sprachen?</b><BR />Dr. Pycha: Abgesehen von Präventionsarbeit auf der individuellen Ebene braucht es eine gesellschaftliche Prävention, indem an Rollenbildern gearbeitet wird. Am besten schon im schulischen Kontext. In unserer Gesellschaft ist die weibliche Strategie der Zusammenarbeit und Empathie eher die anerkannte. Bewegen wir uns als Gesellschaft in diese Richtung, nimmt das auch den Druck von uns Männern, Helden sein zu müssen. <BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/suizide-in-suedtirol-warum-maenner-so-viel-haeufiger-betroffen-sind" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier mehr zum Thema.</a>