Samstag, 05. Mai 2018

Vom Stehlen und von guten Seelen

Eine gestohlene Geldtasche, ein langes Wochenende, ein unverhoffter Anruf und der Beweis, dass es doch noch anständige Menschen gibt.

Schnell kann ein unachtsamer Moment im Diebstahl der Geldtasche enden.
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Schnell kann ein unachtsamer Moment im Diebstahl der Geldtasche enden. - Foto: © shutterstock

Die Geldtasche der Frau ist – neben der Handtasche – ein bodenloses Fass an Kleinigkeiten von großer Wichtigkeit. Ausweise, Führerschein, Geldkarten, Mitgliedskarten, Visitenkarten, Bilder von Familie und Freunden, Zeichnungen von Kindern, Nichten und Neffen… solange der Reißverschluss dichthält, wird gesammelt. Ist die Geldtasche weg, wartet nicht nur ein schier endloser Gang durch die Bürokratie, es fehlen oft auch liebe Erinnerungen, die man eigentlich immer bei sich haben wollte.

Dass es in einem Einkaufszentrum wie dem „Twenty“ in Bozen immer wieder zu Diebstählen kommen kann, ist bekannt. Strategisch positionierte Sicherheitsmänner sollen die weniger Mutigen von der Straftat abhalten, die Dreisten lassen sich davon jedoch nicht einschüchtern. Und so kam es, dass in einem achtlosen Moment am vergangenen Samstag meine Geldtasche aus der Tasche verschwand. Ein schneller Check in den letzten besuchten Geschäften machte schnell jede Hoffnung zunichte, dass die Börse nur verlegt oder abgegeben worden war. Auch der Sicherheitsmann konnte nur eines tun: Mich an die Polizei oder die Carabinieri verweisen.

„Gute Neuigkeiten“

Gesagt, getan: Glücklicherweise befand sich das Parkticket nicht in meiner Geld-, sondern in meiner Handtasche, weshalb ich mein Auto aus der Tiefgarage holen und zur Polizei fahren konnte. Der zuständige Offizier im Anzeigenbüro der Quästur war sehr hilfreich, riet mir jedoch, meine Bankomat- und Kreditkarte sperren zu lassen. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass die Geldtasche wieder auftauche. Auch der Führerschein stellte ein Problem dar: Das Motorisierungsamt war mittlerweile bereits für das Wochenende geschlossen. Mit meiner Anzeige und einem Vermerk, der mir weiterhin das Fahren erlaubte, machte ich mich auf den Weg nach Hause, ließ meine Karten sperren und trauerte um meine Geldtasche.

Einige Tage später weckte mich ein Anruf. Meine Arbeitskollegin am anderen Ende der Leitung versprach „gute Neuigkeiten“: Meine Geldtasche sei gefunden worden. Ein Mann hatte sie am Sonntagabend in der Tiefgarage des „Twenty“ gefunden, nachdem sein Sohn ihn darauf aufmerksam gemacht hatte. Sie war geöffnet in eine Ecke geworfen worden, einige Dokumente lagen auf dem Boden. Euphorisch rief ich den ehrlichen Finder an, der sich paradoxerweise sofort entschuldigte, in meiner Geldtasche nach einem Kontakt gesucht zu haben – eine Entschuldigung, die ich sofort als absolut unnötig verwarf. Nur wenige Stunden später hielt ich meine Geldtasche wieder in den Händen, immer noch voller Dokumente und Karten, Fotos und Erinnerungen. Und obwohl das Bargeld fehlte, war es eine Bereicherung zu wissen, dass es noch gute Menschen gibt, die ihre Ehrlichkeit den nächsten Generationen weitergeben.

stol/liz

stol