„Ich hätte nie gedacht, dass ich als Überlebende jemals mit meinen Peinigern in Verbindung gebracht werde“, erzählt die Französin mit algerischen Wurzeln im Gespräch mit s+. Doch genau so kam es wenige Minuten nach den Anschlägen – als ein Polizist ihr sagte, es sei nicht ihre Schuld. <h3> „Bei kollektivem Trauma besonders schwierig“ </h3> „Ich habe am ersten Jahrtag noch an den Gedenkveranstaltungen teilgenommen, zu Ehren der Verstorbenen. Dann war es aber zu schwierig“, erzählt Aïda Amara in einem Café im elften Arrondissement von Paris. Nur wenige Hundert Meter von den Orten entfernt, an denen dieser Tage der Opfer der Anschläge vom 13. November 2015 feierlich gedacht wird ( <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/frankreichs-blutigste-terrornacht-orte-des-gedenkens-in-paris-und-saint-denis" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Mehr dazu lesen Sie hier</a>). <BR /><BR />„Es ist besonders kompliziert bei kollektiven Traumata. Ganz besonders am Jahrtag – und noch mehr am zehnten Jahrtag – ist man überall mit der Erinnerung konfrontiert, egal, ob man den Fernseher einschaltet oder einen Blick aufs Smartphone wirft.“ <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-72317179_quote" /><BR /><BR /><BR />Dennoch habe sie sich in den Monaten und Jahren nach den Anschlägen „allein mit dieser Erfahrung gefühlt – es gibt nicht viele Menschen, die in Paris plötzlich angeschossen werden“, erzählt die gebürtige Französin mit algerischen Eltern. Erst als sie sich mit der Geschichte ihrer Familie befasste, wurde ihr klar: „Ich bin bei weitem nicht die einzige in meiner Familie, die Waffengewalt erlebt hat.“<BR /><BR />In ihrem jüngst erschienen Familienroman geht es um diese Form von Gewalt, aber auch um eine andere, der sie und viele andere Menschen nicht nur in Frankreich täglich ausgesetzt sind. Wegen ihres Aussehens, ihrer Herkunft: Rassismus. Bereits der Titel von Amaras Buch – <i>Avec ma tête d'Arabe</i> – ist eine Provokation mit der Verwendung eines Begriffs, um stereotyp arabische Menschen zu bezeichnen. <BR /><BR /><BR />Nachdem drei andere „têtes d'Arabe“ das Feuer auf das Café Le Petit Cambodge eröffnet hatten, war Amara im Spital gelandet. Sie hatte noch Glück – im Unterschied zu dem Freund, mit dem sie sich im Lokal aufgehalten hatte und der zu dem Zeitpunkt einer Notoperation unterzogen wurde. Im Unterschied zu den 13 Menschen, die an jenem Abend im Café Le Petit Cambodge und im gegenüberliegenden Lokal Le Carillon vor ihren Augen starben. <BR /><BR />Die junge Frau steht noch unter Schock, will aber helfen. Sie meldet sich bei den Polizisten, die im Krankenhaus Zeugen vernehmen. Als sie gefragt wird, ob sie das Aussehen der Täter beschreiben kann, sagt die junge Frau, ohne lange nachzudenken: „Il avait une tête d'Arabe“ („er hatte einen Araberkopf“, gemeint ist das Aussehen eines Arabers, Anm. d. Red). Den Polizisten scheint die Aussage in Verlegenheit zu bringen, er fragt gezielt nach bestimmten Körpermerkmalen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-72317847_quote" /><BR /><BR />„Ein Araber, eben!“, antwortet Amara. „Für mich war das einfach eine Beschreibung körperlicher Eigenschaften“, schreibt sie in ihrem Roman. Was der Beamte dann sagt, setzt eine ganze Reihe von Überlegungen im Kopf der Journalistin in Gang: „Es ist nicht Ihre Schuld.“<BR /><BR />„Warum sollte ich mich verantwortlich fühlen für die Handlungen von Personen, die zu ,meiner' Kategorie gehören?“, fragte sich Amara damals. Auch das sei Ausdruck von Rassismus, weiß sie heute. „Klischees und Stereotype lassen die Individualität hinter die Gruppenmerkmale rücken. Der andere weiß nicht, wer ich wirklich bin, sondern nur, zu welcher Kategorie sie gehöre.“<h3> Waffengewalt, Kolonialismus-Nostalgie und Rassismus </h3> In Frankreich wuchs nach den Anschlägen das Misstrauen gegenüber Muslimen – angefeuert durch scharf kritisierte Aussagen des damaligen Präsidenten, der Kritikern zufolge nicht ausreichend zwischen islamistischem Terror und Islam differenziert hätte. Hinter dieser mangelnden Differenzierung sieht Amara auch einen Grund für die Aussage des Beamten, es sei nicht ihre Schuld. „Dann sollte man ja bei jedem Frauenmord alle Männer auf der Welt genauso behandeln“, kommentiert die Journalistin. <BR /><BR />Alle „Araber“ mit Terrorismus gleichzusetzen scheine demnach ein Mechanismus zu sein, der Ängste schürt, die den Wunsch nach Wiederherstellung ungleicher Machtverhältnisse schaffen: „Es gibt Nostalgiker der Kolonialzeit Frankreichs. Sie genossen mit diesem System der Ungleichheit gewisse Vorteile und führten in den Kolonien ein besseres Leben als in Frankreich“, blickt die Autorin kritisch auf ihre Heimat. <BR /><BR />Umso schmerzvoller sei für diese Nostalgiker der „Verlust“ Algeriens – der Heimat ihrer Eltern – gewesen: „Als Kolonie bildete Algerien eine Ausnahme – das Land galt administrativ als Teil Frankreichs“, erklärt die Autorin. Algerien war sozusagen ein Überseegebiet Frankreichs. Dessen indigenen Einwohner galten als französische Bürger, hatten aber nicht dieselben Rechte wie europäische Franzosen. <BR /><BR />Die Unabhängigkeit des Landes im Jahre 1962 hätten die Nostalgiker folglich nach wie vor nicht verdaut und werde für ein Narrativ genutzt, das „eine Kontinuität zwischen der Angst vor dem Verlust der Kolonie und jener vor dem Verlust der eigenen Heimat schafft“,erklärt die Journalistin. <BR /><BR /><embed id="dtext86-72318112_quote" /><BR /><BR />Die Leichtigkeit, mit der einige Volksvertreter die Kolonialzeit heute noch verharmlosen oder gar verherrlichen, sei erschreckend, so Amara. Denn es war auch die Zeit, in der ihr Vater und ihre Großeltern als gebürtige Algerier jene Art von Gewalt erlebten, der sie selbst an einem Novemberabend in ihrer Heimatstadt ausgesetzt war. <BR /><BR />In ihrem Vater und ihrer Großmutter hat sie zwei Vorbilder gefunden. Wegen ihrer Resilienz? Auf den Begriff ist die Journalistin nicht gut anzusprechen. „Ich gehe immer sehr vorsichtig damit um. Heutzutage wird das oft mit einer Art ,Comeback' in Verbindung gebracht – mit dem Druck, stärker und besser zurückzukehren. Mein Vater und meine Großmutter haben Gewalt erlebt und konnten trotzdem Freude weitergeben: Wenn ich an meinen Vater und an sie denke, weiß ich, dass nicht alles verloren geht. Das ist Resilienz.“<BR /><BR />Heute, zehn Jahre nach den Anschlägen, ist Amara lebendiger Ausdruck dieser Resilienz als Familienerbe. Ob das Buch therapeutisch gewirkt habe nach ihrem Trauma? „Ich sage immer, nur Therapie ist therapeutisch“, scherzt die Autorin. „Das Buch enthält Elemente, die zu meiner Heilung geführt haben“, erklärt sie und bereut sogleich, von „Heilung“ gesprochen zu haben – „der Begriff wird den Opfern nicht gerecht“. Der Roman habe ihr jedenfalls geholfen „das Chaos in meinem Kopf zu Papier zu bringen.“<h3> Bemühungen um Literatur der „Kinder der Kolonien“ </h3> Amara ging aber noch einen Schritt weiter – das Schreiben half ihr persönlich, doch sie beschloss, mit ihrer persönlichen und Familiengeschichte in die Öffentlichkeit zu gehen. Weil „ich als Teenager kaum Texte fand, mit denen ich mich identifizieren konnte. Der Roman möchte ein bisschen ein Anstoß sein für eine Literatur der ,Kinder der Kolonien' sein. Auch wenn sie diese Zeit nicht selbst erlebt haben und sie, so wie ich, hier geboren sind, können sie die Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern festhalten“. <BR /><BR />Der 13. November 2015 sei in ihrem Buch nur der Ausgangspunkt, erinnert Amara. Sie spannt damit aber einen Bogen, das die Hintergründe von Traumata in verschiedenen Situationen – Terrorismus, Krieg, Rassismus – offenlegt und Möglichkeiten zeigt, diese zu überwinden.