„Leider Gottes habe die Beherrschung verloren und bin so vom Recht ins Unrecht geraten“, sagt der Busfahrer im Interview mit s+. Er ist selbst Vater 3er Töchter, einer Ärztin (26), einer Hebamme (24) und einer Lehramtsstudentin (20). „Alle 3 machen ihren Weg. Also sage ich mir: Alles habe ich wohl nicht falsch gemacht. Und anderen Respekt entgegenbringen, ist für mich etwas Grundsätzliches“, sagt Vechiu. <BR /><BR /><b>Herr Vechiu, was ist am vergangenen Sonntagabend an der Haltestelle im Rennweg passiert?</b><BR />Sorin Vechiu: Es war um 17.10 Uhr, als ich dort anhielt. Weil niemand aussteigen musste, habe ich nur die vorderen Türen zum Einsteigen geöffnet. Plötzlich näherte sich eine Gruppe von 9, 10 Buben, die mit Händen und Fäusten begannen, auf die hinteren, geschlossenen Türen zu hämmern. Ich kann sie aber nicht öffnen, weil ich als Busfahrer auch eine Art Kontrolleur bin und achten muss, wer in den Bus einsteigt. In der Zwischenzeit stiegen vorne 3 Erwachsene ein. Plötzlich kommen 3 der Burschen zum Vordereingang, schubsen und stoßen die 3 Fahrgäste zur Seite, um an ihnen vorbei in den Bus einzusteigen. Also habe ich ihnen unmissverständlich gesagt, sie sollen aussteigen und warten, bis die 3 anderen Fahrgäste vor ihnen eingestiegen sind. Gleichzeitig habe ich mit meinem rechten Arm den Weg in den Bus versperrt.<BR /><BR /><b>Und dann?</b><BR />Vechiu: Dann packte der Anführer meinen Arm und versuchte ihn wegzudrücken und meinte: „che vuoi coglione che non sei altro“, du weißt, gar nicht wer ich bin, „ti faccio la pelle (ich bring’ dich um, Anm. d. Red.)“. Ein Mafia-Jargon, dabei sind das Buben. Daraufhin habe ich die Bremse gezogen, und bin aufgestanden, aber der Bub hat mich Richtung Fahrersitz gestoßen. Da habe ich die Kontrolle verloren und habe ihn mit den Händen an den Schultern gepackt und ihn nach draußen gebracht und auf die Bank der Fahrgäste gesetzt. Dort habe ich ihn mit beiden Handflächen an seinen Wangen festgehalten – nicht am Hals – und ihm gesagt, dass ich 57 Jahre alt bin, 3 Kinder großgezogen habe und mir Respekt erwarte. Ich weiß, dass man das nicht tut, aber ich stand unter Schock. Ich muss ihnen noch etwas erzählen, was meine Reaktion erklärt.<BR /><BR /><b>Erzählen Sie.</b><BR />Vechiu: Eine der 3 Fahrgäste, die von den Burschen weggestoßen wurde, war eine ältere Dame. Sie wurde kreidebleich und griff sich mit beiden Händen an die Brust. Ich hatte Angst, dass sie zusammenbricht. Und genau dies erinnerte mich an meine jüngste Tochter, die, als sie 10 Jahre alt war, genau von so einem „Bullo“ (Halbstarken, Anm. d. Red.) in der Schule über eine Treppe gestoßen wurde und sich einen Fuß brach. 3 Jahre lang wurde sie von diesem Burschen tyrannisiert. Nachts kam sie zu mir, packte mich am Arm und sagte: Papà, ich kann nicht schlafen, ich habe Angst. Die Angst in den Augen meiner Tochter sah ich in den Augen dieser älteren Frau. <BR /><BR /><b>Wo waren die anderen Kumpel des Buben?</b><BR />Vechiu: Die beobachteten das Ganze aus gehörigem Abstand. Leute, die dort standen, sagten zu mir: Lassen sie es gut sein, das hilft ja eh nichts. <BR /><BR /><b>Und Sie?</b><BR />Vechiu: Ich habe die 112 angerufen, hab dann der Polizei gesagt, dass ich gegenüber einem Buben handgreiflich geworden bin und den Dienst unterbrochen habe. Ich zitterte am ganzen Körper und war zunächst nicht imstande weiterzufahren. Die Polizei sagte mir, ich solle den Dienst wieder aufnehmen. Und so habe ich mir ein Herz gefasst und bin mit 20 Minuten Verspätung Richtung Staben weitergefahren. <BR /><BR /><b>Aber das war’s noch nicht.</b><BR />Vechiu: Nein. Als ich um 18.30 Uhr auf der Rückfahrt war und im Rennweg, diesmal auf der Seite des Geschäfts „Globus“ angehalten habe, hat mich eine Horde Burschen schon erwartet, nur der Anführer war nicht mehr dabei. Ich machte die Türen auf und ließ 2 Frauen aussteigen. In dem Moment haben sie mich mit Flaschen beworfen, mich bespuckt und erneut wüst beschimpft. Einer hat einen Regenschirm wie eine Lanze nach mir geschleudert. Ich konnte aber ausweichen und so knallte die Spitze gegen das Seitenfenster. Den Schirm hab’ ich noch. Daraufhin habe ich die Türen geschlossen und wieder die 112 gewählt. In der Zwischenzeit haben sie die gesamte Busflanke bespuckt. Diesmal kam tatsächlich ein Streifenwagen. Aber als die – ich muss fast sagen – Kinder den Carabinieri-Streifenwagen kommen hörten, machten sich alle schnell auf und davon. Am Montag erstattete ich dann Anzeige, ich habe alles auf Video. Der Bub hatte bereits am Sonntag die Behörden kontaktiert.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="945430_image" /></div> <BR /><b><BR />Sind Sie leicht reizbar?</b><BR />Vechiu: Nein, ich bin eigentlich ein absolut ruhiger Zeitgenosse. Ich fahre seit 3 Jahren Linienbusse – zuerst in Holland, dann in Frankreich und in Deutschland und nur einmal musste ich die Polizei rufen, weil ein Fahrgast im Bus alles kurz und klein geschlagen hat. Aber ich wurde nie handgreiflich.<BR /><BR /><b>Und jetzt? Rückblickend?</b><BR />Vechiu: Würde ich den Buben nicht mehr anfassen, aber ich würde ihm den Zustieg in den Bus trotzdem verwehren.<BR /><BR /><b>Sie sind vom Dienst suspendiert. Wurden Sie von der SASA kontaktiert?</b><BR />Vechiu: Ich hätte mir einen Anruf erwartet, um das Meine sagen zu dürfen, aber es hat sich niemand bei mir gemeldet. <BR /><BR /><b>Welches war Ihr Arbeitsverhältnis mit der SASA?</b><BR />Vechiu: Ich war von meinem Arbeitgeber Dibiasi an die SASA sozusagen ausgeliehen. Ich hoffe, dass ich bald wieder fahren darf.<BR /><BR /><b>Sie leben seit einem Jahr in Schenna...</b><BR />Vechiu: Südtirol ist ein sehr schönes Land, ich kenne hinterste Winkel. Ich hatte mir, ehrlich gesagt, mehr Ruhe und Beschaulichkeit, mehr Sicherheit und Ordnung als weiter südlich in Italien erwartet. Aber mit übersteigerter Toleranz werden die Regeln untergraben. Keiner achtet sie mehr, weil nichts zu befürchten ist. Und ich bin in meinem Schockzustand, in dem ich war, vom Recht ins Unrecht geraten.