Montag, 09. November 2020

Von der Disco ans Pflegebett

Fast 30 Jahre war Markus Tscholl aus Lana hauptberuflicher Deejay. Nun lässt er sich zum Pflegehelfer umschulen. Corona hat seine Entscheidungsfindung begünstigt.

Markus Tscholl wechselt von der Disco ans Pflegebett.
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Markus Tscholl wechselt von der Disco ans Pflegebett.
Spricht Markus Tscholl von seinem neuen Leben, klingt das nicht nach einer radikalen Neuorientierung, sondern vielmehr nach einem logischen Schritt in seinem Berufsleben. „Ja, ich habe mich im Frühling entschieden, Pfleger zu werden, besuche nun seit Ende September die Schule für Sozialberufe in Bozen und bin absolut begeistert“, erzählt er am Telefon. Objektiv betrachtet, handelt es sich um eine sehr ungewöhnliche Entscheidung: Tscholl ist 46 und zählt zu den wenigen hauptberuflichen Deejays in Südtirol.

Die Welten zwischen den beiden Berufsbildern könnten unterschiedlicher kaum sein. „Zwischen Diskotheken, Hochzeiten und sogenannten Aperitivi-Tanzsessions in Hotels hatte ich richtig viel zu tun, dann aber war die anhaltende Coronakrise ausschlaggebend, mich nach einem neuen Job umzusehen.“ Der Après Club in Gargazon, wo er eine Festanstellung hatte, stellte während des ersten Lockdowns den Betrieb ein, er horchte in sich hinein und war sich recht bald sicher: „Ich gehe in die Pflege.“

Tscholl hatte in seinem familiären Umfeld einige einschneidende Erfahrungen gesammelt, hatte für längere Zeit seine Großmutter gepflegt und sich nach einer Herz-Operation auch um seinen Schwiegervater gekümmert. Es war ihm mehr Freude als Last, er mochte es, für die anderen da zu sein und so war dieser Schritt naheliegend.

Somit drückt er nun seit Ende September wieder die Schulbank, ergründet die Grundlagen der Anatomie, Psychologie sowie Kommunikation und setzt sich natürlich mit allen Aspekten der Pflege auseinander. „Einfach ist es nicht, weil man sich erst wieder an das Lernen gewöhnen muss und der Lernstoff richtiggehend komprimiert ist, aber ich bin sehr motiviert“, schildert er seine ersten Erfahrungen in der Schule.

Mit 16 Klassenkameradinnen bestreitet er diese 2-jährige Ausbildung zum Hilfspfleger, die meisten davon sind in seinem Alter, nur noch ein weiterer Mann findet sich in seinem Lehrgang. Dabei sind 2 Männer in einer Klasse eh schon viel, wurde ihm beteuert. Bald schon winkt das erste von mehreren Praktika in einer Pflegeeinrichtung oder in einem Südtiroler Krankenhaus, Tscholl freut sich darauf. Die Umstellung sei ihm ganz und gar nicht schwergefallen – man muss eben mit Offenheit und Neugier an die neue Aufgabe herangehen und keine Berührungsängste haben.

Doch ungewöhnlich, so muss er zugeben, ist diese Entscheidung allemal: 30 Jahre lang bespaßte er die Tanzmeute mit dem passenden Sound – mal das Partyvolk mit groovender Housemusik, mal die Hochzeitsgesellschaften mit flippigen Ohrwürmern. Ab sofort geht es 3 Nummern ruhiger zu, er wird sich Kranken, Gebrechlichen und weitaus älteren Menschen zuwenden. Man traut es ihm aber sofort zu, mit seiner seelenruhigen, zutraulichen und geduldigen Art.

Tscholl hat sich auch bereits in Pflegeeinrichtungen im Burggrafenamt beworben und gleich gemerkt, wie stark Pflegekräfte gefragt sind. Wenn alles wie geplant läuft, wird er im kommenden Frühjahr in einem neuen Meraner Pflegeheim seinen Dienst antreten und parallel die Ausbildung fertigmachen. Er möchte weiterhin gelegentlich einige DJ-Auftritte wahrnehmen, aber er trauert den alten Zeiten nicht länger nach. „Es war ganz sicher eine großartige Zeit, aber irgendwann wurde mir das Nachtleben doch auch zu viel“, meint er ganz offen.

Als Jugendlicher hatte er eine Lehre zum Schlosser gemacht, nebenbei begann er 1990 in Passeirer Clubs seine DJ-Laufbahn, legte bald schon in der Bozner Disco Okay, im Schnalserhof und im Treindlerhof in Latsch auf, ehe er im Exklusiv in Lana einen Vertrag als Resident-DJ bekam. Danach ging es im Après Club in Gargazon weiter. In der Schweiz wurde er als DJ Goodzilla bekannt, mit Firmenevents, Hochzeiten und Auftritten in Hotels war er oft und gerne zwischen 4 bis 5 Mal pro Woche gebucht. Wie es sich in der Szene gehört, produzierte er auch selbst 2 Songs (Remix von „Tu vivi nell’aria“, 2016).

„Ich weiß zwar nicht, was Pflegekräfte verdienen, bin mir aber im Klaren, dass ich in punkto Einkommen sicherlich empfindliche Abstriche in Kauf nehmen muss“, meint er und fügt schnell hinzu: „Aber das ist zweitrangig. Vielmehr geht es darum, etwas Sinnvolles und Erfüllendes zu tun.“

Von seiner Neuorientierung einmal abgesehen, ist es die positive Lebenseinstellung, die den angehenden Pflegehelfer auszeichnet. Er schimpft nicht über Corona-Maßnahmen, lässt sich nicht zu irgendwelchen negativen Äußerungen über seinen alten oder neuen Beruf hinreißen und ist überzeugt, dass man aus jeder Lebenslage auch Positives und Gewinnbringendes mitnehmen kann.

Eine derartige Haltung ist in diesen Tagen genauso wertvoll wie ein starkes Immunsystem. Damit lässt sich der Pflegealltag gewiss gut meistern. Und wer weiß, womöglich bringt der Deejay auch die passende Musik mit ins Pflegeheim.

az