<b>STOL: Herr Nicolussi-Leck, wie sind Sie zum Pilger geworden? </b><BR />Heiner Nicolussi-Leck: Das war Mitte der 1990er-Jahre, ich habe damals in einem Heft vom Jakobsweg nach Santiago de Compostela gelesen. Um zu verstehen, was es damit genau auf sich hat, bin ich zunächst einmal hinübergefahren und habe den Weg abgefahren. Danach bin ich mit 3 Kollegen das Teilstück von León in Kastilien bis nach Santiago de Compostela gegangen. Da habe ich gemerkt, wie gut mir das tut und so habe ich mir gesagt, dass ich den gesamten Weg von meiner Haustüre bis nach Santiago gehen werde.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67101250_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Haben Sie das tatsächlich gemacht?</b><BR />Nicolussi-Leck: Ja, ein Jahr später bin ich mit diesem festen Ziel vor Augen von daheim gestartet. Allerdings ließ es meine Zeit nicht zu, die gesamte Strecke auf einmal zu gehen, denn das wären ja 4 Monate am Stück gewesen. Und so habe ich eben die Etappen nach meiner verfügbaren Zeit aufgeteilt – manchmal war ich einige Tage unterwegs, manchmal eine Woche oder 10 Tage am Stück. Insgesamt ist das 8 Jahre so gegangen, bis ich schließlich am Kap Finisterre in Galizien angekommen bin. Ein beeindruckender Fleck Erde, denn für Jahrhunderte war das das Ende der Welt. Jedenfalls hat mich diese Erfahrung zum Weitermachen ermutigt.<BR /><BR /><b>STOL: Somit wurde Pilgern zu einem festen Bestandteil Ihres Lebens?</b><BR />Nicolussi-Leck: Ja, nach und nach hat sich eine Vielzahl an sehr interessanten Pilgerwegen gefunden. Beispielsweise der Franziskusweg vom Süden her oder der Benediktweg von Norcia über Subiaco bis Montecassino in Rom. In der Wachau der Jakobsweg, der durch das Weinviertel führt und der Wolfgangweg von Altötting bis zum Wolfgangsee. Den bin ich mehrmals auch mit Gruppen bzw. als Begleiter gegangen. <BR /><BR /><b>STOL: Was ist die Rolle eines Pilgerbegleiters?</b><BR />Nicolussi-Leck: Der Pilgerbegleiter sollte nicht nur den organisatorischen Part übernehmen, sondern er sollte vor allem den Menschen mit ihren Fragen zuhören und ihnen in ihrer Problembewältigung weiterhelfen. Ich habe auch 2 Ausbildungen zum Pilgerbegleiter gemacht. In erster Linie handelt es sich um eine spirituelle Aufgabe. Als Pilgerbegleiter gehe ich selbst immer am Ende der Gruppe, damit zum einen niemand der Letzte ist und zum anderen immer jemand zum Reden bzw. zum Zuhören da ist. Bei Bedarf bleibt man einfach stehen und spricht sich die Dinge von der Seele. Ansonsten ist Pilgern großteils eine schweigsame Übung, jeder geht im Stillen für sich allein. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67101400_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie äußert sich dabei der spirituelle Aspekt?</b><BR />Nicolussi-Leck: Die Menschen suchen nach Möglichkeiten, um sich mit den großen Lebensfragen auseinanderzusetzen. Beim Pilgern stellt man sich diesen großen Fragen in der freien Natur und sucht nach Antworten. Man ist sich praktisch selbst ausgeliefert, kann sich also nicht ausstellen. Das wirkt befreiend, das tut Körper, Geist und Seele gut. Das ist wohl das Geheimnis, warum Pilgern so beliebt geworden ist. Auch wenn die Bindung zur Kirche abgenommen hat, so sind die spirituellen Bedürfnisse dieselben geblieben. <BR /><BR /><b>STOL: Welche Pilgerwanderungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? </b><BR />Nicolussi-Leck: Vor etwa 10 Jahren war ich als mit einer Pilgergruppe im Westjordanland unterwegs. Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten haben wir einen lokalen Begleiter hinzugezogen. Das hat sich als goldrichtig erwiesen, weil wir andernfalls in Unkenntnis der Lage große Risiken eingegangen wären, etwa wie man sich an den Checkpoints zu verhalten hat. Nachdem es an touristischen Infrastrukturen mangelt, haben wir in Privathäusern übernachtet. Wenn wir bei Moslems untergekommen sind, hat sich uns eine völlig neue Welt eröffnet.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67101401_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Eine neue Welt?</b><BR />Nicolussi-Leck: Das Leben spielt sich am Boden ab, wir bekamen keine Frauen zu Gesicht. Es waren Einblicke in eine hochinteressante Welt. Ein Abenteuer für sich war auch der Jesusweg von Nazareth nach Kafarnaum und die Pilgerwanderung von Nazareth nach Bethlehem. Aber eine völlig andere Welt offenbarte sich uns auch in Sizilien – am Pilgerweg Magna Via Francigena von Palermo nach Agrigent. Die Menschen dort sehen sich vielfach als Untertanen, nicht als Bürger. <BR /><BR /><b>STOL: Wie oft sind Sie heutzutage noch als Pilger unterwegs?</b><BR />Nicolussi-Leck: Ein- bis zweimal im Jahr mache ich eine Pilgerroute. Heuer bin ich ein Stück des Benediktweges und den Weinviertler Jakobsweg gepilgert. Zum Teil übernehme ich als Pilgerbegleiter auch die Organisation bzw. lade die Pilgergruppen ein. Für mich ist es längst zu einem Bedürfnis geworden, das gestillt werden muss und das mir richtig gut tut. <BR /><BR />Interview: Alex Zingerle