Tatiana, Mutter einer 45-jährigen Tochter und einer Enkelin, hatte sich vor 25 Jahren von der Krim auf nach Italien gemacht. „Ich war gelernte Bankbeamtin, aber Anfang der 2000er-Jahre gab es keine Arbeit mehr und ich hatte meine Eltern, meine Tochter und Enkelin finanziell zu versorgen. Da bin ich gegangen“, erzählt sie. In der Nähe von Catanzaro arbeitete sie als „Badante“, bis ihr Schützling verstorben ist.<BR /><BR />Eine Freundin in Rom habe ihr dann geraten, die Reise nach Südtirol anzutreten, dort gebe es Arbeit genug. So kam sie 2005 nach Bozen, fand in einem Hotel nahe Bozen Arbeit. „Ich habe alles gemacht: Zimmer, Frühstück, Wäsche. Weil meine Arbeitgeberin zufrieden war, wollte sie mich weiter beschäftigen. Also musste ich mit dem Arbeitsvertrag und allen Dokumenten nach Kiew zurück, um mir in der italienischen Botschaft eine Aufenthaltsgenehmigung zu besorgen. Es dauerte vier Monate und viel Schlange stehen, bis ich in die Botschaft vorgelassen wurde. Weil mein Arbeitsvertrag nur mehr einen Monat gültig war, gab es erneut bürokratische Probleme“, erzählt sie.<BR /><BR />Wieder zurück arbeitete sie eine Saison lang in luftiger Höhe auf einer CAI-Schutzhütte im Gadertal. „Ich liebe die Berge, dort fühle ich mich wohl“, sagt sie rückblickend. Dann folgten Saisonstellen in bekannten Hotels in Bozen und schließlich in Meran. „Ich machte die Arbeit gern, aber Arbeitgeber schauen auf das Alter. Das verstehe ich“, sagt sie.<BR /><BR />Schließlich arbeitete sie neun Jahre lang in einem Lebensmittelgeschäft in Meran. „Auf dem Papier arbeitete ich vier Stunden, in Wirklichkeit waren es zwölf. Einen Arbeitsvertrag mit vollem Stundenpensum wollte mir der Arbeitgeber nicht geben. ,Das kostet mich zu viel Steuern‘, sagte er zu mir“, erzählt Tatiana.<h3>Kaputte Knie und Brusttumor</h3>Nach dem Tod ihres Arbeitgebers arbeitete sie erneut als Badante. Als dann ihre Knie den Dienst verweigerten, zuerst das rechte, dann das linke, begann der Abstieg Richtung Obdachlosigkeit. „Ich musste nach der Operation sechs Monate auf Krücken gehen. Dazu kam noch ein Brusttumor, den man mir im Meraner Spital herausoperierte“, sagt Tatiana. <BR /><BR />Ohne Einkommen kein Geld für 1.200 Euro Miete inklusive Kondominiumspesen. „Ich war zerstört, musste meinen Hausrat verschenken und bin zur Gemeinde. Da hatte ich das große Glück, dass ich hier im Obdachlosenhaus eine Bleibe bekommen habe“, sagt sie. Den rund 15 Quadratmeter großen Container teilt sie sich mit einer Frau aus Albanien. „Natürlich ist es im Winter nicht angenehm, nachts auf die Toilette zu gehen. Aber ich bin froh um diesen Platz. Denn wenn ich zurzeit Leute in Bahnhofsnähe im Freien schlafen sehe, schmerzt mich der Anblick schon, aber das Dormitorium ist voll“, sagt sie. <BR /><BR />Morgens heißt es, die Unterkunft spätestens um 8.30 Uhr zu verlassen. „Dann mache ich eine Runde in der Stadt. Es gibt einen Saal für Senioren, wo ich mich aufwärmen kann. Ich brauche höchstens drei, vier Euro untertags. Denn hier im Obdachlosenheim gibt es Frühstück und Abendessen. Ich bin ganz rund geworden. So gesehen geht es mir gut, aber ich würde gerne arbeiten. Natürlich bin ich nicht mehr so flott wie früher, aber ich arbeite gerne und suche Arbeit“, sagt sie. Heim auf die Krim wolle sie nicht mehr. „Meine Tochter höre ich per Videoanruf jeden Tag, gesehen haben wir uns seit Jahren nicht mehr.“ Tatiana hofft, eine kleine Gemeindewohnung zu bekommen.