Das Panorama ist einmalig. Wenn Elisabeth Haid (47) in der Sennerei das Käsegeschirr putzt, auf der Bank vor der Hütte die kurze Mittagspause genießt oder nach den Kühen Ausschau hält, dann hat sie König Ortler stets im Blick. Und der versetzt selbst nach fast 3 Monaten auf der Alm jeden Tag neu ins Staunen: „Jeder Sonnenaufgang und jeder Sonnenuntergang ist anders, der Berg leuchtet jedes Mal in anderen Farben“, erzählt sie. <BR /><BR />Den 16. Sommer verbringt die 47-Jährige bereits auf einer Alm, den ersten auf der Prader Alm hoch über Stilfs, einer Sennalm, wie sie im Vinschgau üblich sind. 30 solcher Gemeinschaftsalmen gibt es in der westlichen Landeshälfte. 1500 Kühe verbringen dort ihren Sommer.<h3> Für 81 Kühe, einen Stier und 31 Schweine verantwortlich</h3> Mit ihrer Milch werden der typische Vinschger Alpkäse und Almbutter hergestellt – begehrte Produkte unten im Tal. 100 Tonnen Käse und Butter werden im Schnitt auf den 30 Almen produziert, etwa ein Drittel davon wird verkauft. 15 bis 16 Euro pro Kilo beträgt heuer der Empfehlungspreis des Almkomitees, in dem Vertreter der Landwirtschaftsschule Fürstenburg, des Sennereiverbandes, des Bezirksamtes für Landwirtschaft sowie Sennen und Alpverantwortliche sitzen. <BR /><BR />Der Großteil der Almprodukte ist aber für den Eigengebrauch der Bauern bestimmt. Die lassen sich die Sommerfrische für ihr Vieh auch etwas kosten. 300 bis 600 Euro kostet der Sommer auf der Alm pro Kuh, Transportkosten extra. Mit dem Geld wird die Ausstattung der Alm und vor allem Senner und Hirten finanziert. Im Gegenzug erhalten die Bauern anteilsmäßig Butter und Käse und ersparen den Tieren warme Sommer im Stall und sich selbst Futterkosten und Arbeitszeit. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="932257_image" /></div> <BR /><BR /> Die Prader Alm auf 2051 Meter Meereshöhe gehört der Gemeinde Stilfs. Vor 700 Jahren wurde sie erstmals urkundlich erwähnt, erzählt Sennerin Elisabeth. Vor 19 Jahren hat sie einmal für 2 Tage hier ausgeholfen, heuer – mit vielen Jahren Erfahrung als Sennerin im Gepäck – ist sie wieder hier und mit den Hirten Max (16) und Lisa (17) sowie Zu-Sennerin Katja (25) verantwortlich für 81 Milchkühe, einen Stier und 31 Schweine von rund 30 Bauern. <BR /><BR />Um ihre Tiere fürchten mussten die Vier noch nie. Wölfe, die vielerorts einen Almsommer verunmöglicht haben, wurden auf der Prader Alm glücklicherweise bisher noch nicht gesichtet. <h3> Harte Arbeit statt Almhüttenromantik</h3> Nach 3 Monaten auf der Alm, am Ende des Sommers, werden sie 75.000 bis 80.000 Kilo Milch zu 7,2 Tonnen Käse und einer Tonne Butter verarbeitet haben. Wenn alles gut läuft. Und das Almteam gut zusammenspielt. Das ist heuer der Fall. „Jeder hat seine Aufgaben, aber wir helfen uns gegenseitig, wenn es nötig ist“, sagt die Sennerin. Für ein qualitativ hochwertiges Produkt muss in Stall und Sennerei sauber gearbeitet werden, die Tiere müssen gesund, die Milch von guter Qualität sein.<BR /><BR /> Und dann sind viele Stunden anstrengender Arbeit nötig. Denn mit der Almhüttenromantik in der Vorstellung vieler Städter hat die Realität wenig gemeinsam. Höchstens den herrlichen Panoramablick. <BR />Ein Sommer auf der Alm ist harte Arbeit. Das versucht die gebürtige Ötztalerin auch ihren Schülern zu vermitteln. Seit über 20 Jahren ist sie im Hauptberuf Lehrerin an der Fachschule für Landwirtschaft Fürstenburg, wo sie Nutztierhaltung und Milchverarbeitung lehrt.<BR /><BR /> „Von September bis Juni mache ich die Theorie, im Sommer die Praxis“, sagt sie. Das gilt heuer auch für Max und Lisa, 2 ihrer Schüler, die sie mit auf die Alm genommen hat. Und mit Katja eine Teilnehmerin an einem Sennkurs. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="932260_image" /></div> <BR /><BR />Die Praxis beginnt auf der Alm früh, sehr früh. Um 4 Uhr morgens klingelt in der Hütte der Wecker. Während Lisa und Max die 81 Milchkühe von der eingezäunten Nachtweide in den Stall holen und mit dem Melken beginnen, bereiten Sennerin Elisabeth und Katja die Sennerei vor. <BR /><BR />Gut 700 Liter Milch fallen täglich auf der Prader Alm an, am Beginn des Almsommers ist es gut und gerne doppelt so viel. „Die Kühe geben im Laufe des Sommers weniger Milch“, erklärt die Sennerin. Zum einen seien die Wege, die die Tiere auf der weitläufigen Alm zurücklegen, weit und anstrengend, zum anderen wird mit den Wochen auch das Futter knapper. <BR /><BR />Auch wenn die Alm gut ausgestattet ist und Melkmaschinen, Geräte und Maschinen vieles erleichtern, es ist trotzdem schwere körperliche Arbeit, die vor allem am Vormittag in Stall und Sennerei anfällt. Während die Kühe auf die umliegenden Weiden ausschwärmen und die 31 Schweine mit der Molke, einem Nebenprodukt der Käseherstellung gefüttert werden, entstehen in der Käserei jeden Tag mindestens 12 neue Laibe typischer Vinschger Alpkäse. „Es ist ein halbfester vollfetter Schnittkäse aus Rohmilch“, führt die erfahrene Sennerin aus. <h3> Fitnessprogramm im Käsekeller</h3>Bereits das Rühren und Schneiden der eingedickten Milch mit der Käseharfe im riesigen Kessel ist körperlich anstrengend. Spätestens im Käsekeller aber wird die tägliche Arbeit zum Fitnessprogramm – „Bauch-Beine-Po“, nennt das die 47-Jährige lachend. Über 100 Käselaibe müssen täglich gewaschen, gedreht und umgelagert werden. Auch hier ist Sorgfalt wichtig und oft auch eine glückliche Hand. <BR /><BR />Das weiß auch Bertram Stecher. Der Almberater beim Sennereiverband ist für das Qualitätssicherungsprogramm Milchviehalmen zuständig und im Sommer auf den 65 teilnehmenden Almen im Land unterwegs, um Senner und Hirten zu beraten. <BR /><BR />Heute ist er auf der Prader Alm bei Elisabeth. Viel kann und muss er der erfahrenen Sennerin, die mit ihm auch die Sennkurse in der Fürstenburg leitet, nicht sagen. Immerhin ist sie eine der langgedientesten Sennerinnen im Land, die auch das theoretische Rüstzeug aus dem Effeff beherrscht. Landwirtschaft hat sie damals in Österreich studiert und sich von Beginn besonders für die Milchverarbeitung interessiert.<BR /><BR />Beides – das notwendige theoretische Wissen, aber vor allem auch die Erfahrung – macht beim Käsen viel aus. Ersteres wird den angehenden Sennern in einem 3-wöchigen Kurs vermittelt, letzteres müssen sie sich selbst erarbeiten. Zum Beispiel das Zeitmanagement. „Abläufe, Rhythmen und Zeiten sind beim Käsen sehr wichtig. Das versuchen wir beim Kurs zwar mitzugeben, wirklich lernen kann man das aber erst vor Ort“, sagt Stecher. <h3> Sommer ohne Netflix, Liegestuhl und Dorffest</h3>Elisabeth Haid hat diese Erfahrung und legt deshalb Wert auf geregelte Arbeitsabläufe, aber auch auf Erholungsphasen. „Käsen ist körperlich und geistig anstrengend“, sagt sie. „Deshalb ist es mir wichtig, dass wir nach dem Mittagessen 2 bis 3 Stunden Pause haben.“ Denn um 14.30 Uhr beginnt das „Abendprogramm“: Lisa und Max rücken aus, um das Vieh von den Weiden in den Stall zu treiben, um 17 Uhr werden die Melkmaschinen in Betrieb genommen, danach das Vieh in die Nachtweide getrieben, Abendessen, kurz zusammensitzen, Dies und Das besprechen, dann ab ins Bett. <BR /><BR />Denn um 4 Uhr morgens läutet wieder der Wecker. „Unter 6 Stunden Schlaf wird es tagsüber kritisch“, weiß die Sennerin. Das gilt erst recht für die letzten Almtage, die mit den ersten Schultagen zusammenfallen. „Dann pendle ich zwischen Alm und Schule, das muss dann noch besser organisiert sein als die anderen Sommertage“, sagt sie. Und so geht ihr „Aktiv-Urlaub“, wie sie ihre Sommerferien auf der Alm nennt, nahtlos in ihren Schulalltag über. <BR /><BR />7-Tage-Woche, 17-Stunden-Tag, ein einfaches Leben, zwar mit fließend Wasser und Strom, aber ohne Liegestuhl, Schwimmbad, Netflix und Dorffest – das muss man mögen. Selbst wenn der Verdienst als Senner gut und der Lohn höher ist als für viele unten im Tal, er ist hart erarbeitet und mit vielen Entbehrungen verbunden. Wohl auch deshalb sind Senner rar gesät – und Sennerinnen mit derart langer Erfahrung, wie sie Elisabeth Haid hat, ein Glücksfall für jede Alm. Und wenn man sie voller Stolz im Käsekeller stehen sieht, dann ahnt man, dass es wohl nicht ihr letzter „Aktiv-Urlaub“ auf der Alm gewesen sein wird.<BR />