<b>Aufgewachsen und immer noch zu Hause im bayerischen Nördlingen, sitzen Sie seit über 15 Jahren für die CSU im Deutschen Bundestag und als Parlamentarischer Staatssekretär ganz nah an den Schaltstellen der deutschen Politik... Aber geboren sind Sie in Meran....</b><BR />Ulrich Lange: Richtig und auch meine mittlere Schwester ist in Meran geboren. Wir sind nach Nördlingen gezogen, als mein Vater dort eine Stelle als Lehrer hatte. Meine Mutter ist eine waschechte Meranerin und weite Teile der mütterlichen Familie sind immer noch in Meran. <BR /><BR /><BR /><b>Welche Kindheitserinnerungen haben Sie an Südtirol?</b><BR />Lange: Jede Menge. Denn wie gesagt, mein Vater war Lehrer – und wir waren in allen Ferien bei den Großeltern in Meran. Also Ostern, Pfingsten, Weihnachten... und natürlich im Sommer, da dann in der Sommerfrische am Vigljoch. Gerade diese Aufenthalte habe ich in bester Erinnerung, es war für uns Kinder das Paradies: Bergtouren, unbeschwert spielen in der Natur, Pilze sammeln und Blaubeeren naschen. Und die Verbindung nach Südtirol ist bis heute geblieben. Ich komme regelmäßig in unser Familiendomizil. Hier lässt sich gut abschalten. Die Zeiten der Sonnenaufgänge am Berg sind allerdings vorbei.<BR /><BR /><b>Also zweite Heimat Südtirol?</b><BR />Lange: Südtirol ist schon mehr als eine zweite Heimat, auch wenn mein Zuhause jetzt freilich in Nördlingen ist. Aber Südtirol und meine Südtiroler Mutter, das hat mich natürlich schon mitgeprägt. Und noch heute verfolge ich alles Wesentliche, was hier passiert, vom Meraner Stadtgeschehen bis zur Landespolitik...<BR /><BR /><BR /><b>Und da ist das magische P-Wort aus Ihrem Mund schon gefallen. War Politiker immer schon ein Berufswunsch?</b><BR />Lange: Nein, gar nicht. Ich war immer schon politisch interessiert, das schon – und auch kommunal/regional engagiert. Aber Berufspolitiker, das hatte ich mir nicht vorgenommen. Ich habe Jura studiert, mich als Rechtsanwalt auf Arbeitsrecht spezialisiert...<BR /><BR /><BR /><b>...und dann?</b><BR />Lange: ... kam das Jahr 2008 und die CSU erreichte bei der Landtagswahl erstmalig nicht die absolute Mehrheit. Stimmen wurden laut, die eine Erneuerung forderten, auch in meinem Wahlkreis Donau-Ries. Man hat mich gefragt, gedrängt, und ich habe mich in der Kampfabstimmung gegen zwei Kandidaten, die schon im Bundestag saßen, durchgesetzt – und wurde gewählt. Manchmal geht im Leben irgendwo unerwartet eine Tür auf, geht man durch, gut. Geht man nicht durch, schließt sie sich auch wieder. Ich habe die Chance wahrgenommen. <BR /><BR /><BR /><b>Und nie bereut?</b><BR />Lange: Nein, nie. Allerdings muss ich schon sagen, für die Familie ist es eine Belastung. Unter der Woche bin ich in Berlin – und komme seit Jahren nur am Wochenende heim...<BR /><BR /><BR /><b>Kehren wir noch einmal zu den Anfängen zurück, Sie sagten, Sie waren schon immer politisch interessiert. Gibt es dafür bestimmte Gründe?</b><BR />Lange: Politik war zu Hause immer ein Thema, auch wenn meine Eltern selber nicht politisch aktiv waren. Aber die Südtiroler Geschichte – die Familie meiner Mutter waren Dableiber, gaben aber Unterricht in einer Katakombenschule, meine Mutter hatte in ihrer Grundschulzeit Unterricht auf Italienisch, mein Großvater war in den 1970er-Jahren SVP-Gemeinderat in Meran – all das war präsent. Ich kann mich sogar an die damaligen – teils heftig geführten – Diskussionen in Meran zum Küchelbergtunnel erinnern, der jetzt Realität wird. Das ist die eine Seite meiner Familie. <BR /><BR /><BR /><b>Und die andere?</b><BR />Lange: Mein Vater war gebürtiger Berliner. Die Berliner Mauer hat die Familie in Ost und West gespalten. Auch das prägt. Wenn mein Vater zu Weihnachten seine Verwandtschaft in der DDR anrufen wollte, dann hing das davon ab, ob das „Anstöpseln„ klappte. Ich bin also groß geworden mit Eltern aus gleich zwei Sondersituationen. Vieles davon haben die jüngeren Generationen gar nicht mehr präsent, können es sich auch nicht vorstellen. <BR /><BR /><BR /><b>Was schwingt da zwischen den Zeilen mit?</b><BR />Lange: Wir haben mit und in der EU tolle Dinge geschafft: einen dauerhaften Frieden, Demokratien, wir haben offene Grenzen und eine gemeinsame Währung. Wir sind früher noch an der Grenze in der Autoschlange gestanden für die Passkontrollen, wenn es zu den Großeltern nach Südtirol ging. Heute werden all diese Errungenschaften völlig unterschätzt, sie sind so selbstverständlich, dass wir anfangen, leichtsinnig zu werden. <BR /><BR /><BR /><b>Wie meinen Sie das?</b><BR />Lange: Ich nenne es jetzt einmal salopp die „Magnago-Generation“: Diese Politiker haben die dunkelsten Zeiten in Europa noch selbst erlebt und aus diesen Erfahrungen heraus Politik gemacht, immer eingedenk, was geschehen war und nie wieder geschehen sollte. Die Demokratie war ein unschätzbarer Wert und politische Kompromisse der Weg zum Erfolg. Denn Demokratie ist der gelebte Kompromiss. Doch heutzutage werden Kompromisse gern kleingeredet, gelten rasch als Niederlagen und das Regieren wird schwieriger, wenn starke politische Ränder vorhanden sind. <BR /><BR /><BR /><b>Die erstarkten politischen Ränder beunruhigen Sie?</b><BR />Lange: Ich will es anders sagen: Das Autonomiemodell Südtirol wäre aus den Rändern heraus nie erfolgreich gewesen, die Wiedervereinigung Deutschlands haben nicht die politischen Ränder erreicht und sie haben auch kein vereintes Europa geschaffen. Wirklich etwas bewegen, das geht nur aus einer breiten gesellschaftlichen Mitte heraus, in der die gleiche Grundidee herrscht. <BR /><BR /><BR /><b>Und heute dünnt die Mitte aus?</b><BR />Lange: Die Stimmung in der Bevölkerung ist komplexer, schwieriger. Ein Stück weit hängt das wohl auch mit den Veränderungen in der Medienlandschaft zusammen. Wir sind heute „click-getrieben“. Gelesen wird insbesondere online von vielen gerade noch der Titel und vielleicht die ersten paar Zeilen. Und das führt wiederum zu einem Hang zum Skandalisieren, zumindest bei den Schlagzeilen. Das erschwert eine sachliche Auseinandersetzung. Natürlich liegt die Erstverantwortung für eine gute Politik bei den Politikern und nicht bei den Medien, aber einen Teil Verantwortung tragen sie eben auch. Und so zeigt sich aktuell, dass die Koalition in Berlin deutlich besser arbeitet, als dies in der Wahrnehmung der Bevölkerung ankommt. <BR /><BR /><BR /><b>Kommen wir zu einem anderen Thema, nämlich zu einem Ihrer politischen Zuständigkeitsbereiche: dem Verkehr, speziell dem Schienenverkehr. (Nicht nur) das deutsche Schienennetz braucht dringend eine Verjüngungskur, der Ausbau der internationalen Achsen zieht sich und aus Südtiroler und Tiroler Sicht schaut man besorgt auf die noch inexistente nördliche Zulaufstrecke zum Jahrhundertbauwerk Brennerbasistunnel...</b><BR />Lange: Wir sind beim Schienenverkehr und speziell beim Güterschienenverkehr noch nicht da, wo wir hinwollen. Das ist definitiv richtig. Innerhalb Europas haben die Länder in den vergangenen Jahrzehnten unterschiedliche Ansätze verfolgt und die österreichische Bahnpolitik war sicher eine andere als die deutsche. Es ist aber auch die geostrategische Lage Deutschlands eine andere, denn europaweit betrachtet sind wir das größte Transitland. Ob Nord/Süd oder West/Ost – alle Streckenverläufe führen durch Deutschland. Und das ist eine enorme Herausforderung, die gerne unterschätzt wird. Deutschland hat also nicht nur die nördliche Zulaufstrecke zu realisieren – und mit dem ungelösten Problem des Eisenbahnknotens München auch zunächst eine weitere große Aufgabe zu lösen. <BR /><BR /><BR /><b>Dennoch knirscht es ein wenig zwischen den beteiligten Ländern und Regionen. Und besonders sauer scheint man in Nordtirol...</b><BR />Lange: Das Schwarze-Peter-Spiel fortzusetzen, wer wann was hätte tun müssen, hilft nicht. Eine solche Diskussion ist nicht zukunftsgerichtet. Wichtig ist bei der TEN-Strecke Scan-Med, von der der Brennerbasistunnel mit seinen Zuläufen ein Teilstück ist: Sie muss als Ganzes funktionieren. Dass man so schnell wie möglich durch das Inntal kommt, ist nicht die allein entscheidende Frage für den Knoten München. Und an dem hängt nicht nur diese eine verbindende Strecke, sondern weitere. Hinzu kommen das innerdeutsche Schienennetz bis hinunter zum regionalen S-Bahn-Verkehr. Und hier bedarf es jeweils jeder Menge Sanierungsarbeiten, die im Moment ebenfalls Priorität haben. Was die Probleme im innerdeutschen Bahnverkehr angeht, haben wir mit dem Wechsel an der Führungsspitze der DB AG einen wesentlichen Schritt gesetzt. Die neue Bahnchefin Evelyn Palla weiß, wo sie hinwill und kann sich durchsetzen, Wunder wirken kann sie aber nicht. <BR /><BR /><BR /><b>In Nord- und Südtirol setzt man aber bei der Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene alle Hoffnungen auf den BBT..</b><BR />Lange: Der Güterverkehr muss stärker auf die Schiene, dieses Ziel haben alle drei hier beteiligten Länder gemeinsam. In diesem Sinne ist der BBT als Herzstück dieses Abschnittes definitiv ein Wert an sich. Und der geht nicht verloren, nur weil woanders noch 20 Kilometer Strecke fehlen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir haben im Koalitionsvertrag der Bundesregierung gar kein Verlagerungsziel definiert, weil wir noch sehr lange Baustellen auf den Strecken haben werden. Die Realisierung von Infrastrukturen braucht Zeit. Aber wir arbeiten daran, etwa mit regelrechten Knoten-Workshops für den Knoten München.