Seitdem ist die Verbindung zwischen den Familien nicht mehr abgebrochen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1266804_image" /></div> <BR />„Ein SS-Hauptmann hat 1943 meinen Großvater Fritz, damals 39 Jahre alt, angerufen und ihn gewarnt, dass er und mein Großonkel sich besser aus dem Staub machen und aus der Stadt verschwinden sollten, denn sonst würden sie abgeholt“, erzählt Enkel <b>Dr. Guido Singer</b> (Bild). Daraufhin sei sein Großvater in die Lombardei geflohen und bei einem Freund nahe Mailand untergekommen, Großonkel Hans (31) hingegen in Ulten. „Sie waren von Meraner Mitbürgern angezeigt worden, dabei waren sie gar keine Juden. Sie waren beide getauft, auch Urgroßvater Eduard, der Gründer der Zahnarztpraxis Anfang 1900, war kein Jude. Aber Singer ist eben ein typischer jüdischer Familienname“, sagt Enkel Guido Singer. <BR /><BR />Aus der blanken Angst, gefangen genommen zu werden, tauchten die beiden Singer-Brüder unter, „da ist nicht lange zu diskutieren gewesen“, sagt Enkel Singer. Warum sein Großonkel Hans gerade nach Ulten geflüchtet sei, wisse Guido Singer nicht.<BR /><BR />Laut Walter Pichler, mit Georg Gamper Autor des Buchs „Ulten und der Zweite Weltkrieg“, hätten Hans Singer und vier weitere Personen 1943 beim Oberschwoag-Hof in St. Nikolaus angeklopft und gebeten übernachten zu dürfen. Weil im kleinen Bauernhaus kein Platz war, durften sie im Stadel übernachten und Bäuerin Rosa Unterholzner-Paris stellte für die Hungrigen noch einen Kessel Brennsuppe auf. <BR /><BR />Am nächsten Tag beim Messgang hörte der Oberschwoag-Bauer, dass die Häscher bereits im Tal seien. Um einer Verhaftung zu entgehen, riet er ihnen auf Schleichwegen nach St. Gertraud und von dort übers Rabbi-Joch in den Nonsberg zu gelangen.<BR /><BR />In St. Gertraud wurden sie dann aber im Gasthaus Edelweiß, wo sie eingekehrt waren, gefangen genommen. Geistesgegenwärtig habe Hans Singer vorgegeben, aufs Klo gehen zu müssen, und ist dann übers „Haislfenster“ geflüchtet. Spät abends stand er jedenfalls wieder vor dem Stall des Oberschwoag-Hofes. Was aus seinen vier Begleitern geworden ist, konnte Singer nicht sagen.<BR /><BR />Rund eine Woche wurde Hans Singer demnach auf dem kleinen Oberschwoag-Hof versteckt gehalten – untertags in einer kleinen Kammer, wo er den kleinen Sohn der Familie „kindsen“ sollte. All das war nach Erzählungen der Familie Paris im besagten Buch für den Meraner nur schwer auszuhalten. Daraufhin habe ihm der Bauer vom größeren Unterschwoag-Hof Unterschlupf angeboten.<BR /><BR />Dort blieb Hans Singer dann länger. Adelheid Berger, Jahrgang 1920, übernahm zu Fuß die Botengänge zwischen Unterschwoag und der Hauswirtschafterin der Singers in Meran. Sie musste Briefe, Kleidung, Schuhe, Geld und Gold holen, aber nicht alles gleichzeitig, das wäre aufgefallen, heißt es im Buch von Pichler und Gamper. Diese Wertsachen, teils eingenäht in die Kleidung, brauchte Hans Singer später für die Flucht. Dass seine Tante diese gefährlichen Botengänge zwischen St. Nikolaus und Meran gemacht hat, weiß auch <b>Luis Berger</b> (Bild unten), Jahrgang 1955 und Bauer vom Unterschwoag-Hof.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1266807_image" /></div> <BR />„Mein Vater Franz Berger, Jahrgang 1913, hat Hans Singer dann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ins Rabbi-Tal begleitet. Dafür mussten sie weit oben über Flatschberg, Tufer und Weißbrunn das ganze Tal ausgehen bis auf die andere Talseite. Natürlich hat er dabei auch sein Leben riskiert. Was man mir erzählt hat, ist Hans Singer einen Sommer lang bei uns gewesen und hat sich laut meiner Nachbarin dabei abwechselnd bei uns und auf dem Oberschwoag-Hof versteckt, um nicht geschnappt zu werden“, erzählt Luis Berger. Laut Buchautor Walter Pichler wollte Hans Singer ins Rabbi-Tal, um sich dort mit seinem Bruder Fritz zu treffen.<BR /><BR />Die Familien hat diese Schicksalsgemeinschaft 1943 jedenfalls zusammengeschweißt. „Sie haben damals ihr Leben riskiert. Wir stehen immer noch in Kontakt. Sie sind bei uns Patienten“, sagt Guido Singer. „Ja“, meint auch Luis Berger, „wir sind gute Kollegen und wir gehen immer noch hin, unsere Zähne richten.“<BR /><BR /><b>Buchtipp:</b> „Ulten und der Zweite Weltkrieg – Vorgeschichte, Option, Kriegsalltag und Kriegserinnerungen 1919-1945“ von den Autoren Walter Pichler und Georg Gamper, erschienen im Eigenverlag im Dezember 2023