Es waren angespannte Zeiten, damals Anfang September 1964 im Pustertal. Am 3. September wurde in Mühlwald der Carabiniere Vittorio Tiralongo ermordet, am 9. September ein Anschlag auf einen Militärjeep in Antholz verübt, bei dem 5 Carabinieri verletzt wurden. Hinter all dem wurden die „Puschtra Buibm“ Siegfried Steger, Josef Forer, Erich Oberleiter und Heinrich Oberlechner vermutet. Fieberhaft wurde damals nach ihnen gefahndet. <BR /><BR />Am 10. September 1964 – heute vor 60 Jahren – konzentrierte sich die Suche nach den 4 Männern auf Tesselberg, den kleinen Ort am Berg oberhalb von Gais. Eine Schießerei bei einer Heuschupfe und ein fehlinterpretiertes Mittagsläuten führten zur Eskalation: 1200 Carabinieri und Soldaten fielen im Dorf ein und trieben Männer, Frauen und Kinder zusammen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1071009_image" /></div> <BR />Auch der damals 7-jährige Hermann Lahner war dabei. „Uns Kinder und die älteren Frauen brachten sie zu einer Schupfe, wo wir bis zum Abend bleiben mussten“, erinnert er sich. Seine beiden Brüder, der eine gerade ein paar Monate, der andere 3 Jahre alt, durften bei der Mutter zu Hause, in ihrem Gasthaus, bleiben. Die Männer – auch Hermanns Vater, der nicht im Dorf war, aber im Tal ausfindig gemacht und heraufgebracht wurde – und die jungen Frauen kamen zunächst nach Gais und später nach Sand in Taufers, wo sie stunden-, oft tagelang verhört wurden. „Der Letzte aus dem Dorf ist erst nach 14 Tagen wieder zurückgekommen“, erinnert sich Lahner. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66469638_quote" /><BR /><BR />Während er mit ein paar anderen Buben und den älteren Frauen vom Dorf an der Schupfe ausharrte, durchsuchte das Militär alle Häuser, Höfe und Hütten in der Gegend. „Es war ein riesen Geschrei und Gestreite, es wurde geschossen, Handgranaten geworfen“, erinnert sich Lahner. Um was es damals wirklich ging, war zumindest den Kindern nicht bewusst. „Das Militär ist öfter unterwegs gewesen, da hatten wir immer einen mords Respekt“, sagt er. An der Schupfe „ist uns aber schon der Reis gegangen“, sagt er heute und erinnert sich, dass sich einer der Buben nicht einmal zu fragen getraute, ob er aufs Klo gehen dürfe. Er saß dann in den nassen Hosen da. <h3> Als Tesselberg vor der Katastrophe stand</h3>Mitbekommen hat der 7-Jährige damals aber, wie zuvor ein Hubschrauber vor dem elterlichen Gasthaus gelandet und ein extrem aufgeregter Uniformierter ausgestiegen ist. „Ein anderer hat auf ihn eingeredet und den Piloten schließlich dazu gebracht, ihn wieder wegzufliegen“, erzählt Lahner. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1071063_image" /></div> <div class="img-embed"><embed id="1071066_image" /></div> <BR />Es war jener Moment, an dem Tesselberg vor der Katastrophe stand. Der eingeflogene Kommandant der Carabinieri-Legion Bozen, Oberst Francesco Marasco, ordnete damals an, 15 Geiseln an die Wand zu stellen und zu erschießen und dann das ganze Dorf niederzubrennen.<BR /><BR />Dass es dazu nicht kam, ist dem für die Razzia zuständigen Carabinieri-Oberstleutnant Giancarlo Giudici zu verdanken, der den Befehl verweigerte und den Piloten überredete, den Kommandanten wieder wegzubringen. Das allerdings bekam damals kaum jemand mit und wurde jahrzehntelang unter Verschluss gehalten. Giudici wurde nach Udine strafversetzt und sprach erst 1991, ein Jahr vor seinem Tod, erstmals in einem Interview darüber. Posthum wurde er dafür geehrt. <h3> Auf Matratzen im Speisesaal übernachtet</h3>Hermann Lahner erinnert sich, wie damals, als es Abend wurde, die, die zum Vieh mussten, vom Militär in den Stall begleitet, später alle von der Schupfe in das Gasthaus gebracht wurden, dem Zuhause des damals 7-Jährigen. „Wir holten aus den Zimmern die Matratzen und brachten sie in den Speisesaal, wo wir alle in der Nacht bleiben mussten“, erinnert sich Lahner. Passiert sei ihnen in all den Stunden nichts. „Die Männer, die uns bewacht haben, waren nicht ungut zu uns“, sagte er. „Das waren ja auch nur junge Leute...“ Natürlich, wer sich gewehrt habe, der wurde niedergeschlagen. Die ganze Nacht über sei geschossen und Schupfen angezündet worden, in der Hoffnung, die Gesuchten ausfindig zu machen. Erst am nächsten Tag zog der Trupp langsam ab. Und ein kleines Dorf – in Angst und Schrecken versetzt – blieb zurück. <BR /><h3> Posthum geehrt: Blutbad in Tesselberg verhindert</h3>An jenem 10. September 1964 vermuteten die Militärkräfte die „Puschtra Buibm“ in einer Heuschupfe bei Tesselberg. Es kam zu einem Schusswechsel, dessen Umstände aber bis heute ungeklärt sind – vieles deutet darauf hin, dass sich die „Puschtra Buibm“ damals tatsächlich in dieser Gegend aufgehalten haben und ihnen die Flucht gelang.<BR /><BR />Vollends eskalierte die Lage an jenem Tag hoch ober Gais um die Mittagszeit, als Luise Lercher, die Tochter des Mesners, so wie jeden Tag zur kleinen Kirche ging, um die Mittagsglocken zu läuten. Nach der Schießerei bei der Heuschupfe vermuteten die Militärs im Glockenläuten eine Warnung an die „Puschtra Buibm“. In Tesselberg war alsbald die Hölle los und 1200 Einsatzkräfte rückten von überall her an.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1071012_image" /></div> <BR />Dass es nicht noch schlimmer endete, ist dem damaligen Oberstleutnant Giancarlo Giudici zu verdanken, der sich dem Befehl widersetzte, 15 aus dem Ort zu erschießen. Erst kurz vor seinem Tod Anfang der 1990er-Jahre sprach er davon in einem Interview mit der Tageszeitung „La Repubblica“. <BR /><BR />Vor 2 Jahren kam es auf Initiative des wenig später verunglückten Josef Kaser, Ehrenmajor der Schützen und deren Kulturreferent im Bezirk Brixen, zu einer Gedenkveranstaltung in Tesselberg, wo Giudicis Tochter, Maria Elisabetta, eine Urkunde entgegennahm. <h3> „Inferno Tesselberg“ am Freitag in Gais</h3>An den 60. Jahrtag des verhinderten Blutbades in Tesselberg wird am kommenden Freitag in Gais gedacht. Um 20 Uhr findet im Pfarrsaal die szenische Erzählung „Inferno Tesselberg 10.09.1964“ statt. Diese war vor 10 Jahren zum 50. Jahrtag in Gais vor zahlreich erschienenem Publikum uraufgeführt worden und danach auch an anderen Südtiroler Orten zu sehen. Der Schützenbezirk Pustertal und die Schützenkompanie Gais laden ein.<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright>