Dienstag, 19. Mai 2020

Vor 75 Jahren: Die „Dolomiten“ erscheinen nach Nazi-Verbot wieder

In der Umbruchzeit des zu Ende gehenden 2. Weltkriegs durften die Südtiroler im Mai 1945 endlich wieder ihre „Dolomiten“ lesen, die fast 2 Jahre lang verboten war. Doch welche Themen wählte die Redaktion unter der vorübergehenden Leitung von Johann Tschurtschenthaler für diese 4 Seiten umfassende besondere Erstausgabe am Pfingstsamstag, dem 19. Mai 1945? Eine Rückschau.

Die Titelseite der „Dolomiten“-Ausgabe vom 19.Mai 1945.
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Die Titelseite der „Dolomiten“-Ausgabe vom 19.Mai 1945. - Foto: © Dolomiten-Archiv
Zugegeben: Die damalige Sprache wirkt manchmal ein wenig schwulstig und pathetisch, aber die erlittenen Leiden und die Hoffnung auf eine Wende sind eine mehr als verständliche Erklärung für beherzte Formulierungen. Die Titelseite dieser „Dolomiten“-Ausgabe, die übrigens 1 Lira kostete, hatte 2 Themenschwerpunkte: den einleitenden „Zum Geleite“-Artikel des Journalisten Anton Heiß , den man heute wohl „Editorial“ nennen würde, und den Aufruf der 11 Tage zuvor, am 8. Mai 1945, gegründeten SVP.

Zum Geleite

„Es ist ein seltsames Wunder der Natur, wenn an manchen Sommerabenden die Gebirgskette des Rosengartens so märchenhaft rot aufleuchtet, ein Wunder, das in aller Welt bekannt ist. [...] So zahlreich wie die Alpenblumen, die auf den Hängen dieser schönsten Berge Europas blühen, so zahlreich sind die Grabkreuze, die den Opfertod jener decken, die für den Bestand dieses Bergvolkes ihr Blut, ihr Leben gegeben haben.“ So beginnt der Artikel von Anton Heiß, der eindrücklich die Geschichte und Schönheit unserer Heimat betonte – und mit einem Wunsch endete: „Das Glühen des Rosengartens soll nicht mehr Spiegel vergossenen Blutes im Kampf der Völker sein, das Rot des Rosengartens soll vielmehr wie ein Fanal des Friedens, der friedlichen Arbeit im Lande selbst und überall dort sein, wo Menschen wohnen, die guten Willens sind. In diesem Sinne grüßen wir alle Südtiroler und rufen sie auf zu geeinter Arbeit für Volk und Heimat!“

Aufruf der Volkspartei

Auch die neugegründete Südtiroler Volkspartei bzw. deren Obmann Erich Amonn richteten mittels „Dolomiten“ einen beherzten Appell an die Bevölkerung: „Südtiroler, erinnert Euch an alle Weissagungen und Versprechungen falscher Propheten! Vergleicht die entsetzliche Wirklichkeit mit den Trugbildern, die Euch seit Jahren vorgegaukelt wurden und Ihr werdet begreifen, dass ein neuer Weg begangen werden muss! [...] Faschismus und Nazismus müssen überwunden werden, gründlich, gänzlich, für immer! So und in diesem Sinne soll in dieser schicksalsschweren Stunde die freie Einheit und Geschlossenheit der Südtiroler zu neuem Leben erstehen. Vertrauensleute aus allen Teilen des Landes haben die Südtiroler Volkspartei gegründet“ mit einem 3-Punkte-Programm, das in der Folge im Artikel erläutert wurde.

Unter dem Beil der Gestapo

Im Hauptartikel auf Seite 2 der damaligen „Dolomiten“ drehte sich fast alles um Konzentrationslager und Berichte von Rückkehrern. „Schwer lastete der Druck jener geheimnisvollen Einrichtung Himmlers über dem deutschen Volk, die in Deutschland und darüber hinaus in aller Welt als ,Kz' bekannt war. Konzentrationslager bedeutete unter dem Regime der Gestapo ein ungewisses Schicksal, bedeutete für die Angehörigen das Verlorensein des Mannes, der Frau, des Sohnes oder der Tochter. Kein Laut, keine Nachricht drang aus diesen schwer umgitterten Lagern, niemand wusste, welche Schrecknisse dahinter vorgingen. Es war ein Regime des Terrors, wie es nur eine Diktatur schaffen kann, die weiß, dass lediglich der schärfste Terror ihr Dasein für einige Zeit verlängern kann.“

Seltsames Wiedersehen

Auf Seite 3 ging es dann mit Meldungen aus Südtirol weiter, unter denen eine hervorsticht: „Wohl jeder von uns weiß von eigenartigen Zufällen eines Wiedersehens mit Freunden und Bekannten in irgendeinem Orte dieses Planeten zu erzählen. [...] Und doch scheint folgender Vorfall, der sich in diesen Tagen im Unterland ereignete, eine Art Rekord des Zufalles darzustellen. Steht da an einer Straßenecke ein deutscher Landser, schmaucht sein Tiroler Pfeifchen und sieht dem Treiben der amerikanischen Soldaten zu. Plötzlich ziehen sich seine Augenbrauen zusammen, er reibt sich die Augen, glaubt einen Augenblick den Verstand verloren zu haben und zu träumen; ein amerikanischer Soldat hat eine verteufelte Ähnlichkeit mit seinem vor Jahren [...] nach Brasilien ausgewanderten Bruder. Wie sich zwei Menschen doch ähnlich sehen können, denkt er und will seinen Blick schon anderen Dingen zuwenden. Nun aber war es am Amerikaner, ein Gesicht zu machen, als wäre er gerade wie ein Regentropfen aus den Wolken gefallen. Auch er reibt sich die Augen, zieht die Brauen zusammen und — 2 Augenpaare bohren sich ineinander, bis schließlich die Frage des einen: ,Ja, Michl, bist es wirklich?' die Antwort des anderen auslöst: ,Jes, Sepp, und ob ich es bin...' Über die rührende Szene, die sich nun abspielte, wollen wir hinweggehen.“

Vielerlei Lesestoff

Neben aktuellen Meldungen aus Südtirol und der Welt boten die „Dolomiten“ den Lesern auch allerlei Lesestoff wie einen mehrteiligen historischen Beitrag über „Das Leben auf Tiroler Burgen“, eine kuriose Geschichte („Die gewonnene Schlacht“) aus dem Pustertal, einen Artikel zu „Pfingsten im Zeichen des Friedens“ und den Fortsetzungsroman „Wenn die Schleier fallen“.

ds