<i>Interview: Johanna Prader</i><BR /><BR /><b>Auch der psychologische Dienst am Krankenhaus Brixen ist Teil des Netzwerkes Psychohilfe Covid 19. Wie sehr wird es aktuell in Anspruch genommen?</b><BR />Roland Keim: Es meldet sich mit Sicherheit nur ein Bruchteil jener, die aktuell emotional stark belastet sind. Die Allermeisten suchen aus unterschiedlichen Gründen keine Hilfe, viele kommen auch trotz der ungünstigen Umstände selbst durch die Krise. Das soll auch so sein, solange es funktioniert. Für uns ist es wichtig, für all jene Ansprechpartner zu sein, die sich eine professionelle Unterstützung wünschen. Aus der ersten Welle haben wir gelernt, dass die Anfragen erst nach Abflachen der akuten Belastungen anziehen. Die Psyche hat da so ihre eigene Inkubationszeit. Diese beträgt in diesem Fall Wochen, eher Monate.<BR /><BR /><b>Was belastet die Anrufer?</b><BR />Keim: Zumindest im Psychologischen Dienst Brixen sind es am ehesten Themen, die im weitesten Sinne mit der Pandemie zu tun haben. Die unzureichenden Möglichkeiten für Sozialkontakte machen einigen deutlich zu schaffen, vor allem wenn etwa gerade eine Trennung erfolgt ist oder eine nahestehende Person verstorben ist und gleichzeitig der Freundeskreis durch den Lockdown nicht in der gewohnten Art und Weise verfügbar ist. <BR /><BR /><b>Langsame Entwicklungen sind gefährlich</b><BR /><BR /><b>Angst scheint eines der vorherrschenden Gefühle zu sein. Ist das auch Ihr Eindruck?</b><BR />Keim: Ja, so melden sich zum Beispiel Eltern von Kindern, die sich vor diesem Coronavirus übermäßig fürchten und in der Folge Schlafschwierigkeiten haben, bei wiederum anderen vermehren sich diffuse Zukunftsängste. Die meisten wenden sich aber nicht direkt wegen Covid an uns, sondern es scheint eher so zu sein, dass durch Covid die psychischen Belastungen auch in anderen Bereichen zunehmen. <BR /><BR /><b>Wenn Sie Eltern einen Rat mit auf den Weg geben könnten, was würden Sie ihnen empfehlen? Wie können sie die Heranwachsenden begleiten?</b><BR />Keim: Glücklicherweise ist dieses Virus keine Dauereinrichtung. Die Situation wird sich auch schon bald wieder verbessern, wir werden wieder in absehbarer Zeit zu den meisten und wichtigsten gewohnten sozialen Kontakten zurückkehren können. Etwas länger werden wir alle auf Massenansammlungen in Form von Feiern, größeren Events vor allem in geschlossenen Räumen verzichten müssen. Wenn sich Jugendliche aber wieder mit einigen Freunden treffen können, dann ist das zumutbar und schaffbar. Auch hier sorgen mich weniger zeitlich begrenzte Einschränkungen. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sondern?</b><BR />Keim: Auch hier geht es eher um langdauernde und oft auch weniger sichtbare Stressoren, wie zum Beispiel Streitereien in der Familie, die Polarisierung der Gesellschaft, Emotionalisierung als Konfliktbewältigung, der Verlust an Glaubwürdigkeit den Institutionen gegenüber, Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg oder eine Flucht in die digitale Welt. Das passiert schleichend, wir passen uns daran an, so dass wir mitunter gar nichts davon bemerken. Unsere Wahrnehmung ist für diese langsamen Entwicklungen gar nicht geschaffen.<BR /><BR /><b>Viele Eltern sorgen sich, dass die Zeit der Pandemie bei ihren Kindern psychischen Spuren hinterlässt. Ist diese Befürchtung gerechtfertigt oder sind Kinder und Jugendliche krisenfester, als wir glauben?</b><BR />Keim: Die diesbezügliche Forschung steckt noch in den Kinderschuhen, diese Pandemie ist hierfür zu rezent, daher kann ich nur auf meine Meinung und Erfahrung zurückgreifen. Unter diesem wichtigen Vorbehalt würde ich folgendes dazu sagen: Wenn es uns gelingt, diese indirekten Auswirkungen der Pandemie unter Kontrolle zu haben, hätte ich keine diesbezüglichen Befürchtungen. Wir haben schon viele Krisen überstanden, die aktuelle wird auch nicht die letzte sein. Die Menschen haben ein beachtliches Potential an Resilienz. Die Allermeisten werden folglich diese Krise von sich aus gut bewältigen, für die Anderen müssen wir die nötigen Unterstützungen bereitstellen. Das gilt für Kinder genauso wie für die Eltern.<BR /><BR /><BR />