<BR /><b>Wann sind Sie an Krebs erkrankt?</b><BR />Herlinde Reitsamer Lorenzini: Obwohl man ab 70 Jahren keine Einladung mehr zum Mammographie-Screening bekommt, bin ich regelmäßig zur Kontrolle gegangen. Als ich das Gefühl hatte, dass etwas nicht stimmt, wandte ich mich im Herbst 2017 an meine Hausärztin, die mich früher zur Untersuchung schickte. Nach dem Mammographie-Screening machten die Ärzte einen Ultraschall und entnahmen auch Gewebe. Noch während der Untersuchungen teilte man mir mit, dass es nicht gut ausschaut und ich wahrscheinlich einen Tumor habe.<BR /><BR /><embed id="dtext86-68433185_quote" /><BR /><BR /><b>Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?</b><BR />Reitsamer Lorenzini: Das kann doch nicht wahr sein. Muss das ausgerechnet mir passieren? Mein Mann ist an Lungenkrebs gestorben, 2 weitere Familienangehörige an Brustkrebs. Muss ich das jetzt auch noch erleben? Ich verließ das Krankenhaus und während ich auf den Bus wartete, rief ich meinen Neffen an. Er ist Arzt und hat mich auf das vorbereitet, was mich erwarten würde. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1125597_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was folgte dann?</b><BR />Reitsamer Lorenzini: Ich musste operiert werden und wartete darauf eineinhalb Monate. Während dieser Zeit grübelte ich oft und weinte viel. Trotzdem verzweifelte ich nicht, denn ich machte mir keine Vorwürfe. Ich war ja stets zur Kontrolle gegangen. Ich habe alles gemacht, was möglich war. Nach der Operation folgte eine Chemotherapie, danach eine Strahlentherapie. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68433231_quote" /><BR /><BR /><b>Was gab Ihnen Kraft?</b><BR />Reitsamer Lorenzini: Nach der ersten Chemotherapie ging ich in eine Buchhandlung, denn ich lese sehr gerne. Ich kaufte mir das Buch „Gezählte Tage sind kostbare Tage“ von Meinhard Feichter, der an Krebs erkrankt war. In seinem Buch rät er, sich mit Menschen zu umgeben, die einem guttun. Das habe ich versucht umzusetzen. Ich habe auch viele Reisen organisiert und unternommen. Das half mir – aktiv zu bleiben, Sachen zu machen, die mir Freude bereiten, den Tagen Leben zu geben. Wichtig sind auch Rituale, wie Beten.<BR /><BR /><b>Hadert man nach so einer Diagnose nicht mit Gott?</b><BR />Reitsamer Lorenzini: Nein, eigentlich nicht. Das Leben ist ein Auf und Ab. Es wird schon alles seinen Sinn haben. Mein Glaube veränderte sich, wurde intensiver. Während der Strahlentherapie war ich in einem sterilen, schrecklichen Raum. Das Beten hat mich beruhigt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68433234_quote" /><BR /><BR /><b>Wie geht es Ihnen heute?</b><BR />Reitsamer Lorenzini: Es geht mir gut, ich habe bisher überlebt. Man weiß ja nicht, ob der Krebs zurückkommt. Bis Juli mache ich noch eine Hormontherapie und ich muss regelmäßig zur Kontrolle. Die Krankheit hat mich im Ertragen stärker gemacht. <BR /><BR /><b>Was würden Sie jemandem raten, der die Diagnose Krebs erhält?</b><BR />Reitsamer Lorenzini: Man muss die Erkrankung annehmen. Das ist schwierig, aber ganz wichtig. Vertrauen in die Medizin, Begegnungen mit Menschen und der Natur tun gut. Und trotz allem den Humor nicht verlieren, denn Lachen befreit. <h3> Krebserkrankungen in Südtirol</h3><b>1230 Menschen</b> sind im Jahr 2023 an Krebs gestorben. Der größte Anteil entfällt auf die Gruppe der 80- bis 89-Jährigen. <BR /><BR /><b>1863 Männer, 1529 Frauen:</b> So viele Menschen erkrankten im Durchschnitt pro Jahr an Krebs (im Zeitraum 2017 bis 2021). <BR /><BR /><b>Nur knapp 40 Prozent</b> der Südtirolerinnen und Südtiroler nehmen nach einer Einladung am Darmkrebs-Screening teil – eine wichtige Vorsorgeuntersuchung.