Irene Pechlaner zieht eine Bilanz ihrer Zeit in Meran, sie „bewertet“ 3 Gesundheitslandesräte und erklärt, was sie in der Zeit der Pandemie besonders wurmt. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Frau Pechlaner, von 1 – leicht – bis 10 – sehr schwer – wie schwer fällt Ihnen der Abschied?</b><BR />Irene Pechlaner: 10, sehr schwer, weil es fast 15 Jahre sind und der Abschied nach der sehr schweren Corona-Zeit kommt. Das schweißt zusammen und es ist noch nicht überstanden. Aber mein Herz bleibt hier.<BR /><BR /><b>Ihre Primare haben in Bozen interveniert und wollten Sie nicht ziehen lassen. Hat Ihnen das gut getan?</b><BR />Pechlaner: Ja, logisch, weil ich genauso ungern gehe.<BR /><BR /><b>Das Bozner Spital gilt als politische Bastion der Italiener. Keine Angst, dass man Sie auflaufen lässt?</b><BR />Pechlaner: Das ist eine Sichtweise bzw. Problematik, die mir als Mensch und noch mehr als Managerin komplett fremd ist und die ich nicht an mir heran lasse. Es ist eine rein technische Ebene, auf der ich arbeite, im Blickpunkt die bestmögliche Betreuung der Menschen. Insofern sehe ich mich nicht als politischen Spielball.<BR /><BR /><b>Sie gehen für eineinhalb Jahre nach Bozen. Manche behaupten, es sei ein Weggehen ohne Wiederkehr. Kommen Sie wieder zurück?</b><BR />Pechlaner: Davon gehe ich aus, da dies mein Vertrag so vorsieht.<BR /><BR /><b>2007 bei Ihrer Ernennung meinte Landeshauptmann Luis Durnwalder: „Wir wollten auch eine Frau.“ Aber darauf haben Sie sich nicht reduzieren lassen. Warum?</b><BR />Pechlaner: Ich habe mich nie als Quotenfrau gesehen, weil ich meine Kompetenzen habe.<BR /><BR /><embed id="dtext86-51098761_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Sie haben mit 3 Landesräten gearbeitet. Mit Richard Theiner 6 Jahre, mit Martha Stocker 5 und mit Thomas Widmann seit 2018. Unterschied sich die Zusammenarbeit?</b><BR />Pechlaner: Unter Richard Theiner war es anfangs nur insofern schwierig, weil ich mich in dieser Position als erste Frau behaupten, Überzeugungsarbeit leisten und Vertrauen aufbauen musste. Aber er hat mich dabei sehr unterstützt und er war jederzeit für mich erreichbar.<BR /><BR /><b>Martha Stocker?</b><BR />Pechlaner: Wir unterschieden uns in den Plänen für die kleinen Spitäler; in meinem Fall Schlanders. Wobei ich Schlanders als kleines großes Haus sehe und Covid hat uns gelehrt, wie wichtig diese Häuser sind. <BR /><BR /><b>Und jetzt Widmann?</b><BR />Pechlaner: Der Kreis schließt sich. Widmann ist für die Aufwertung der kleinen Spitäler, etwas was ich immer gefühlt habe und wollte. Wir sind wieder im Gleichschritt. Auch wenn es derzeit sehr schwierige Zeiten sind für die kleinen Häuser wegen des Ärzte- und Pflegermangels.<BR /><BR /><b>Und da waren bzw. sind noch 3 Generaldirektoren. Sie burschikos, Andreas Fabi sehr harmoniebedürftig. Wie ging das zusammen?</b><BR />Pechlaner: Irgendwie haben wir uns irgendwo gefunden (lacht).<BR /><BR /><b>Mit General Schael, der den Bezirksdirektoren einen Maulkorb verpassen wollte, kam einer, dem die Harmonie Wurst war. Eine schwierige Beziehung?</b><BR />Pechlaner: Er ist nicht mehr da und ich habe ihn überlebt. Damit ist alles gesagt.<BR /><BR /><embed id="dtext86-51098762_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Zerzer, Ihr jetziger Chef?</b><BR />Pechlaner: Da ist große Wertschätzung, auch wenn wir nicht immer derselben Meinung sind.<BR /><BR /><b>Sie hatten sich mit Florian Zerzer um den Generaldirektorenposten beworben. Sagen Sie sich nach diesem Corona-Erdbeben „Schwein gehabt, dass ich es nicht geworden bin“?</b><BR />Pechlaner: Ich beneide Florian Zerzer grundsätzlich nicht um seine Position und schon gar nicht um diese sehr schwierige, außerordentliche Zeit. Ich habe versucht, ihn so gut es geht zu unterstützen, indem ich in Meran versucht habe, das Gleichgewicht zwischen Normal- und Covid-Betrieb zu halten, Mitarbeiter zu schützen und Betreuung zu sichern.<BR /><BR /><b>Corona scheint langsam abzuebben.</b><BR />Pechlaner: Haben Sie die Glaskugel? Ihr Wort in Gottes Ohr. Für mich ist das Problem noch lange nicht ausgestanden, weil wir jetzt mit Suspendierungen und Kündigungen zu kämpfen haben. Kürzlich hatte ich 25 Kündigungen auf dem Schreibtisch, die Hälfte gehen in Rente und die anderen haben aus anderen Gründen gekündigt und es sind großteils Krankenpfleger. Und das tut weh.<BR /><BR /><b>Wie haben Sie diese eineinhalb Jahre Pandemie erlebt?</b><BR />Pechlaner: Ich habe mich selbst noch nicht davon erholt. Da möchte ich Primar Christian Wenter zitieren, der sagt: Ich habe Long Covid ohne Covid gehabt zu haben. Nie vergessen werde ich eine Fahrt mit Ingenieur Matteo Zanovello nach Schlanders. Es war ein Samstag und wir sind auf der Fahrt keinem einzigen Auto begegnet. Als wäre die Welt stehen geblieben und beim Aussterben. Antrisch.<BR /><BR /><b>Ihr Bezirk hat die meisten Impfgegner. Wurmt Sie das?</b><BR />Pechlaner: Ja, das wurmt mich, weil sich die Impfskepsis anteilsmäßig in meinem Mitarbeiterstab widerspiegelt. Wir sind der Gesundheitsbezirk mit den meisten Suspendierungen. Wenn wir bestimmte Impfquoten nicht erreichen, ist das nicht nur ein Problem für mich, sondern für uns alle. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch, lasse mir nicht den Mund verbieten, aber vor einer Pandemie muss man auch das eigene Ego zurückstellen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-51098763_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>15 Jahre Meran: Was macht Sie besonders stolz?</b><BR />Pechlaner: Ich bin total stolz auf meine Führungskräfte und den Generationswechsel, den wir erfolgreich gepackt haben. Wir sind relativ jung aufgestellt; stolz auf die Freundlichkeit meiner Mitarbeiter in beiden Häusern, die immense Geduld, die sie haben, die meine oft übersteigt.<BR /><BR /><b>Notaufnahme und Geburtshilfe ziehen sehr viele Patienten nach Meran. Aushängeschilder?</b><BR />Pechlaner: Nicht nur diese beiden Dienste. Damit ein Spital gut funktioniert, müssen auch alle anderen gut funktionieren. Es ist wie bei einem Orchester, wenn der Violinist aus der Reihe tanzt, kommt das Ganze aus dem Tritt. Jeder hat seinen Part zu leisten. Die Notaufnahme kann gut funktionieren, aber wenn Labor und Radiologie nicht mitspielen, kann das große Auswirkungen auf den Patienten haben.<BR /><BR /><b>Sie selbst haben sehr viele Leserbriefe geschrieben, in denen Sie auf Kritik von Patienten geantwortet haben. Warum?</b><BR />Pechlaner: Patienten kriegen bei uns immer eine Antwort. Aber nicht immer ist die Kritik gerechtfertigt. Dass ich mich vor meine Mitarbeiter stelle, wird von ihnen erwartet, vor allem wenn die Kritik ungerechtfertigt ist. War sie gerechtfertigt, dann haben wir nach Verbesserungen gesucht. Aber letztendlich sind wir alle Menschen, die auch Fehler machen. Nur der, der nichts tut, macht keine Fehler.<BR /><BR /><b>Von Ihnen sagt man, dass sie Ihre 2 Spitäler bis in den letzten Winkel kennen. Ist das so?</b><BR />Pechlaner: Genau das hat Primar Herbert Heidegger bei meinem Abschied auch erwähnt und das stimmt. Das ist aber nur möglich, weil ich mit vielen Menschen eine Vertrauensbasis habe. Aber so etwas geht nicht von heute auf morgen. Machen Menschen gute Erfahrungen, fassen sie Vertrauen und dann ist es möglich, dass sie sehr viel anvertrauen, weil sie wissen, dass es nicht missbraucht, sondern genutzt wird, um die Situation zu verbessern.<BR /><BR /><b>Stichwort Jerusalema Challenge: Weltweit tanzten sich Weihnachten 2020 systemrelevante Berufsgruppen, aber nicht nur, die äußerst schwierigen Corona-Zeiten aus dem Leib – auch das Meraner Krankenhaus-Personal. Das Video wurde millionenfach geklickt, löste aber bei uns im Land widersprüchliche Reaktionen aus. Hat Sie das verwundert?</b><BR />Pechlaner: Ja, schon sehr. Weil die traditionelle Weihnachtsfeier samt Weihnachtsessen wegen Corona flach gefallen sind, wollte eine Gruppe von Mitarbeitern etwas Alternatives machen. Die Idee zur Challenge kam von Dr. Patrizia Raffl, damals eine der Covid-Verantwortlichen, und die Idee fand großen Anklang. Es wurde alles außerhalb der Arbeitszeit organisiert. Eine spontane Aktion gedacht für alle Mitarbeiter und mit Pater Peter im Mittelpunkt. Wer es noch nicht verstanden hat, Jerusalema ist ein Gebet an Gott. In der Zwischenzeit ist das Video im Besitz von RAI Vaticano. Eine externe Führungskraft meinte zu mir: Andere Firmen würden viel Geld für Coachings ausgeben für so eine super Teambildung.<BR /><BR /><b>Tipp für Ihren Nachfolger?</b><BR />Pechlaner: Offen an sein Team herangehen, ohne Vorurteile. Ich beneide ihn um mein Team.