Im Interview erzählt Verber, wie er „wegen ein paar Maturapunkten“ seine Berufung gefunden hat.<BR /><BR /><BR /><b>Sie reisen bald nach Palästina – zum ersten Mal?</b><BR />Marco Verber: Nein, ich habe 6 Jahre dort verbracht und hätte eigentlich bleiben wollen. Wenn man aber für eine Nichtregierungsorganisation arbeitet, so wie ich damals, erhält man ein Visum über maximal 5 Jahre.<BR /><BR /><b>Visum hin oder her – warum sind Sie so lange in Palästina geblieben?</b><BR />Verber: Nach meinem Universitätsabschluss habe ich allen möglichen Nichtregierungsorganisationen Lebenslauf und Bewerbungsschreiben geschickt – mit einer Praktikumsstelle wäre ich auch zufrieden gewesen. Nach 8 Monaten war ich am Ende, und ich habe mir geschworen, dass ich es aufgebe – falls sich innerhalb eines Monats nichts tut. Wie es der Zufall will, suchte die Stiftung cesvi damals händeringend nach einem Koordinator für ein Hilfsprojekt in Palästina. Ich hatte keinerlei Erfahrung in diesem Bereich, mit Ausnahme meiner Jahre als Leiter der Jugendgruppe im Roten Kreuz. Ende September 2015 trafen wir uns zum Vorstellungsgespräch – und im November war ich schon in Palästina. Ich hatte anfangs einen Vertrag über 2 Monate unterschrieben und dachte, dass ich immerhin nach wenigen Wochen schon nach Hause fliegen könnte, falls es nicht gut läuft. Ich musste meine Komfort-Zone verlassen. Dann wurde mein Vertrag um 6 Monate verlängert, daraufhin um 9 weitere usw., bis ich insgesamt 6 Jahre dort verbracht habe. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="945688_image" /></div> <BR /><BR /><b>In welchen Bereichen und wo genau haben Sie gearbeitet?</b><BR />Verber: Ich habe mit kurzen, einfachen Projekten angefangen, mein Missionsleiter hat mich unterstützt und vieles gelehrt. Mit jedem neuen Projekt – sie dauern jeweils maximal ein Jahr – bin ich ein bisschen über mich hinausgewachsen. Anfangs war ich im südlichen Teil des Westjordanlands, dann in Ostjerusalem, wo ich mich hauptsächlich um Flüchtlinge und Abfallentsorgung gekümmert habe. Daraufhin habe ich im Gaza-Streifen gearbeitet, wo ich wieder angefangen habe, mich um Wasser zu kümmern. Dort sind sehr viele Menschen auf engem Raum untergebracht und es fehlen Ressourcen. Also haben wir uns überlegt, wie wir die gute Qualität von Trinkwasser gewährleisten können. Jahrelang war Grundwasser geschöpft worden, sodass Meereswasser in den Boden eindrang und das Trinkwasser ungenießbar machte. Wir haben Filtergeräte entwickelt, die das Wasser ohne Strom entsalzen, und sie in einigen Haushalten installiert. Wir konnten immer nur wenige Tage am Stück im Gaza-Streifen bleiben, die Situation ist nie stabil, es können jederzeit Bomben einschlagen. <BR /><BR /><b>Haben Sie auch Bombenangriffe erlebt?</b><BR />Verber: Ich durfte den Gaza-Streifen 2 Tage lang nicht verlassen. Als ich am Morgen aufwachte, zitterten die Fensterscheiben – ich dachte zuerst an ein Erdbeben. Aber ich sah dann Flieger und Drohnen, die in einiger Entfernung Bomben abwarfen. Nichtsdestoweniger hatte ich nie das Gefühl, in Gefahr zu sein. Alle Organisationen haben Sicherheitspläne zum Schutz der Mitarbeiter. Ich wusste, dass nichts passieren würde, solange ich im Gebäude der Organisation bleiben würde. Die Vereinten Nationen haben uns während eines kurzen Waffenstillstands die Erlaubnis erteilt, den Gaza-Streifen zu verlassen. Also haben mich einige palästinensische Kollegen zur Grenze begleitet – das war ein sehr trauriger Moment: Ich kann Gaza jederzeit verlassen, sie ihr Leben lang nicht. Man muss sich vorstellen, dass der Gaza-Streifen so groß ist wie das Etschtal zwischen Bozen und Trient – dort leben aber 2 Millionen Menschen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="945691_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was haben Sie nach Ihrer Abreise aus Palästina getan?</b><BR />Verber: Als man nach 6 Jahren von meiner Abreise erfuhr, kontaktierte mich die Fachhochschule Nordwestschweiz, um an einigen Forschungsprojekten zu arbeiten, u. a. zum Thema Wasser und wie man mit dieser Ressource in Gebieten umgeht, in denen sie nicht oder nur limitiert zur Verfügung steht. Beim letzten Projekt ging es darum, eine Lösung für Kliniken und Schulen zu finden, die nicht an Aquädukte angeschlossen sind. Wie kann man die wenigen Wasserressourcen so nutzen, dass die Hygiene auch gewährleistet ist? Wir haben ein System installiert, mit dem sich alle Schüler und Lehrer einen Monat lang mit nur 100 Liter Wasser die Hände waschen können. <BR /><BR /><b>Die 6-jährige Erfahrung in Palästina war aber nicht Ihre allererste im Bereich der Entwicklungshilfe…</b><BR />Verber: Tatsächlich hat alles mit dem Roten Kreuz begonnen. Ich habe mich im Jahr meiner Matura als Freiwilliger gemeldet. Damals wollte ich nur die zusätzlichen Punkte für die Matura – ich dachte mir: „Sobald ich die habe, sehen sie mich nicht mehr beim Roten Kreuz.“ Dort habe ich aber nette Menschen und viele Freunde kennengelernt sowie Erfahrungen im sanitären Bereich und in der Zivilschutzsektion gesammelt. 2005 hatten wir dann die Möglichkeit, in den Flutgebieten auf Sri Lanka zu arbeiten. Dort habe ich im Feldkrankenhaus an meiner eigenen Haut erlebt, was es bedeutet, zusammenzuarbeiten und mit anderen Organisationen zu interagieren – es war sehr interessant. <BR />Dort habe ich auch Menschen einer Gruppe kennengelernt, die sich um das Entsalzen des Wassers kümmerte. Zu jener Zeit hatte ich mein Studium in Umweltingenieurwesen in Trient begonnen und befasste mich mit Aquädukten sowie mit den Fragen, wie man sauberes Wasser in eine Stadt transportiert und wie man Abwasser und Abfälle loswird. So habe ich mich dem Bereich „WASH“ genähert, das ist ein eigener, sehr wichtiger Bereich der Entwicklungsarbeit in Katastrophengebieten: Das Akronym steht für „Water, Sanitation and Hygiene“ (Wasser, Sanitätsversorgung und Hygiene, Übers. d. Red.). <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="945694_image" /></div> <BR /><b>Wie lange haben Sie sich auf Sri Lanka aufgehalten?</b><BR />Verber: Insgesamt 40 Tage. Das Rote Kreuz war von Anfang an vor Ort, ich arbeitete ab Mai 2005 in einem Feldkrankenhaus nahe der Ostküste – dort war das ganze Ausmaß der Zerstörung immer noch sichtbar. Man konnte die Angst der Bevölkerung vor dem Ozean förmlich spüren. Erst 5 Monate nach dem Tsunami trauten sich einzelne Fischer wieder auf die See. Die Erzählungen der Einheimischen waren furchterregend: Vor einem Tsunami zieht sich das Meer einige Meter zurück – das hatte man noch nie gesehen, also näherten sich die Menschen noch mehr der Küste. Um dann mit voller Wucht von den Wellen erfasst zu werden. Hinzu kam auch noch, dass dort zu jener Zeit Bürgerkrieg herrschte. Damals wurde mir klar, wie mächtig das Emblem der Rot-Kreuz-Bewegung ist: Die Milizen ließen uns stets passieren. Die Organisationen, die vor uns dort gewesen waren, hatten das Vertrauen aller Kriegsparteien für sich gewonnen. „Falls ich das Studium überhaupt abschließe, will ich unbedingt in diesem Bereich arbeiten“, sagte ich mir. <BR /><BR /><b>Und nun kehren Sie wieder nach Palästina zurück.</b><BR />Verber: Ich habe das Angebot der Fachhochschule Nordwestschweiz auch deshalb angenommen, weil sie mit der Organisation zusammenarbeitet, für die ich 6 Jahre lang gearbeitet hatte – dadurch konnte ich auch mit Freunden aus Palästina in Kontakt bleiben. Mehr als 5 Jahre in Palästina bleiben kann man eben nur, wenn man für die Vereinten Nationen, eine Botschaft oder für eine staatliche Institution arbeitet. Letztere habe ich gefunden: Die italienische Agentur für Entwicklungszusammenarbeit hat mir eine Stelle angeboten. Ich werde nun die Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen beaufsichtigen und freue mich, meine Freunde in Palästina wiederzusehen. <BR />