von Benedikt Mair (tt.com)<BR /><BR />Innsbruck – Es ist eine scheinbar einfache Frage, auf die es aber keine einfache Antwort gibt: warum? Ende Jänner stach eine 39-Jährige im steirischen Leoben auf ihren elfjährigen Sohn ein. Er starb. Anfang der Woche wurde ein fünf Jahre alter Bub in Kitzbühel mutmaßlich von seiner Mutter (48) ermordet. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/mutter-und-sohn-5-tot-aufgefunden-was-wir-ueber-die-tragoedie-in-kitzbuehel-wissen" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(STOL hat berichtet)</a><BR /><BR />Warum bringen Eltern ihr Kind um? Warum sehen sie keinen anderen Ausweg? Warum nur sind Menschen, die eigentlich doch lieben sollten, zu so etwas im Stande? Schnelle, kurze Erklärungen existieren nicht. Jeder Fall hat seine Eigenheiten. Gewisse Muster lassen sich bei Filiziden, wie Kindstötungen im Fachjargon heißen, allerdings erkennen.<h3> Filizid sehr selten</h3>In Österreich gibt es im Schnitt alle zwei Monate einen Filizid, global liegt die Rate unter 100.000 Kindern zwischen null und vier Jahren bei zirka fünf, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Grundsätzlich kommen solche Taten also „sehr selten vor“, sagt Adelheid Kastner. Sie leitet die Klinik für forensische Psychiatrie des Kepler-Klinikums in Linz, hat als Gerichtsgutachterin immer wieder mit solchen Themen zu tun. „Eltern töten ihre Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen“, sagt Kastner. „Fälle kommen in jedem Kindsalter vor.“<BR /><BR />Da gebe es die Neonatizide, erklärt die Psychiaterin. Diese würden sich „direkt nach der Geburt, in den ersten 24 Stunden, etwa nach verdeckten Schwangerschaften“ ereignen. Später, zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr, würden Kinder auch durch Misshandlung sterben, zum Beispiel die klassischen Schütteltraumata.<BR /><BR />„Auch passieren Kindstötungen im Rahmen eines erweiterten Suizids, der überwiegend von Frauen, aus einer schwer depressiven Stimmung heraus begangen wird“, sagt Kastner. „Je älter die Kinder werden, desto öfter werden sie von Vätern getötet. Das sind dann häufig so genannte erweiterte Morde, für die meist eine Trennung das Motiv ist. Der Täter beschließt, dem anderen das Liebste auf der Welt zu nehmen, also das Kind.“<h3> Meistens töten Mütter</h3>In den allermeisten Fällen aber werden solche Taten von den Müttern verübt, weiß die Psychiaterin Claudia Klier, die seit Kurzem Professorin an der Sigmund-Freud-Uni Wien ist. Sie hat intensiv zu dem Phänomen geforscht, umfangreiche Studien publiziert. „Kindstötungen“, sagt Klier, „sind das einzige schwere Gewaltdelikt, das häufiger von Frauen begangen wird. Was aber auch darin liegt, dass es bei den Neonatiziden ausschließlich weibliche Täterinnen gibt.“<BR /><BR />Beim Kitzbüheler Fall deutet laut Psychiaterin Adelheid Kastner einiges auf einen erweiterten Suizid hin – auch wenn sie keine Ferndiagnose stellen will. Die Ursachen für solche Taten lägen aber „häufig in einer schweren depressiven Episode – ein Zustand, der jederzeit bei jedem auftreten kann. Das Ganze spitzt sich so massiv zu, dass die Betroffenen keinen Ausweg mehr aus der von ihnen subjektiv wahrgenommenen Misere mehr sehen“, sagt Kastner. „Sie beschließen, dem Leid ein Ende zu setzen. Und jene Menschen, die sie irgendwie als abhängig von sich selbst wahrnehmen, ein kleines Kind zum Beispiel, auch in ein vermeintlich besseres Jenseits mitzunehmen.“<BR /><BR />Solche Gedanken nennt die Expertin „pseudo-altruistisch“ und „natürlich völlig realitätsfern“. Den – meist weiblichen – Tätern gehe es aber nicht darum, das Opfer „zu beschädigen“. Im Gegensatz zum erweiterten Mord, bei dem die Intention sei, „jemand anderem weh zu tun“.<BR /><BR />Neben jener nach dem Warum taucht nach solchen Ereignissen auch immer die Frage auf, wie sich Ähnliches künftig verhindern lässt. Nie ganz, meint Kastner, wobei es vor allem bei depressiven Menschen schon möglich sei. „Wenn Eltern, Geschwistern oder Freunden auffällt, dass sich jemand verändert oder beschwert wirkt, dann sollten sie das auch ansprechen“, sagt die Psychiaterin. „Die innere Hemmung, das zu tun, ist bei vielen leider immer noch zu groß. Lieber einmal zu viel reagieren als gar nicht.“<BR /><BR />Auch Claudia Klier ist der Meinung, dass „solche Tragödien verhindert werden können, nämlich mit einer psychiatrischen Behandlung. Wenn Betroffenen Hilfe angeboten wird, nehmen sie diese oft an.“