Im deutschsprachigen Raum spräche man meist von einem Gender-Pay-Gap, also einem Lohngefälle zwischen Männern und Frauen, von etwa 18 Prozent. Das allerdings seien unbereinigte Daten. Bereinige man diese mit Faktoren wie u.a. Alter, Qualifizierung und Arbeitszeit, „kommen wir auf einen Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern von 3 bis 7 Prozent“, sagt Sutter.<BR /><BR />Diese Zahlen seien aber weitaus weniger beeindruckend, weshalb mit den unbereinigten Daten argumentiert werde. Dabei seien auch 3 bis 7 Prozent ein spürbarer Unterschied. Den Gründen dafür geht Sutter in seiner aktuellen Forschungsarbeit nach.<h3> Unterschiedliche Prioritäten bei Berufswahl</h3>Zu ungefähr 50 Prozent liege es daran, dass Männer und Frauen unterschiedliche Prioritäten haben, wenn sie eine Arbeit suchen. Für Männer sei die Höhe des Gehalts entscheidend. <BR /><BR />Frauen legten mehr Wert darauf, dass sie eine für sie sinnstiftende Arbeit finden. Eine wichtige Rolle spielten aber auch Familienfreundlichkeit, die Möglichkeit der Teilzeitarbeit oder kürzere Pendelzeiten. Das hätten schon mehrere Studien gezeigt, sagt Sutter. <BR /><BR />Zu wenig berücksichtigt werde hingegen, dass Frauen im Durchschnitt risikoscheuer seien als Männer. „Männer fragen viel häufiger als Frauen nach höheren Gehältern, Frauen bieten stattdessen in Einzelfällen sogar an, für weniger Geld zu arbeiten“, sagt er und warnt: „Das ist ein Riesenfehler, weil damit die eigene Arbeit abgewertet wird.“ Frauen ließen sich auch weniger auf einen Wettbewerb ein, was sich schon in sehr jungen Jahren zeige. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67731507_quote" /><BR /><BR />Sutter erzählt von einer Studie mit Kindern zwischen 3 und 8 Jahren. Sie bekamen die Aufgabe, 30 Meter weit zu rennen. Davor mussten sie sich entscheiden, ob sie alleine laufen wollen oder im Wettbewerb gegen ein anderes Kind. In zweiterem Fall erhalte man, wenn man gewinnt, die doppelte Belohnung. Das Ergebnis: Weitaus mehr Buben hätten sich dem Wettbewerb gestellt als Mädchen – auch weil sie überzeugt gewesen seien, sowieso zu gewinnen, erzählt Sutter. <BR /><BR />Wettbewerbsgeist sei auf dem Arbeitsmarkt aber von großer Bedeutung, etwa bei Bewerbungen oder Beförderungen. Wettbewerb aus dem Weg zu gehen, bedeute weniger Optionen, erfolgreich zu sein, rät Sutter Frauen zu etwas mehr Risikofreudigkeit. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67731741_quote" /><BR /><BR />All das heiße aber keineswegs, dass Frauen nicht diskriminiert würden. „Frauen werden weniger häufiger in Vorstände berufen, selbst wenn sie bei Assessment-Centern die gleiche Qualifikation wie die Männer aufwiesen.“ Die Arbeitsleistungen von Frauen würden Untersuchungen zufolge zudem grundsätzlich geringer geschätzt als jene von Männern, was sich vor allem bei Gruppenarbeiten zeige. <h3> Homeoffice kann mehr Gerechtigkeit bringen</h3>Natürlich spiele auch die Unterbrechung der Berufstätigkeit für Familienarbeit oder Teilzeitarbeit eine gewisse Rolle, sagt der Verhaltensökonom. Mehr Gerechtigkeit könne hier übrigens Homeoffice bringen. Studien hätten zuletzt gezeigt, dass die Sorgearbeit gerechter verteilt wird, wenn Männer zu Hause arbeiten können. <BR /><BR />Dass Frauen inzwischen einen durchschnittlich höheren Bildungsgrad als Männer aufweisen und dennoch weniger verdienen, liege auch an der Berufswahl. Sie müssten verstärkt für Branchen motiviert werden, die höhere Gehälter bringen. Da seien nach wie vor Technik, Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften zu nennen. Und: Mädchen sollten wie Buben dazu animiert werden, in einen Wettbewerb zu treten. „Frauen müssen erfahren, dass es sich lohnen kann, ein Risiko einzugehen.“<BR /><BR /><b><BR />Die neue Studie</b><BR />Eine neue Erhebung aus Dänemark stellt Einkommensbußen nach der Geburt von Kindern infrage. <BR /><BR />Laut Sutter wankt die Annahme, dass durch die Geburt und Betreuung von Kindern, Frauen am Arbeitsmarkt im Durchschnitt schlechter abschneiden. Die neue Studie aus Dänemark hat Daten von Frauen untersucht, die sich künstlich befruchten ließen. „Bei der Hälfte der Fälle war die Befruchtung erfolgreich, bei der anderen Hälfe nicht. Die Frauen sind vergleichbar, weil sie alle einen Kinderwunsch haben. Sie haben also die gleichen Voraussetzungen“, erklärt Verhaltensökonom Matthias Sutter. <BR /><BR />Die Studie zeichne nach, wie sich die Arbeitsmarktkarriere dieser Frauen entwickelte. Die Ergebnisse seien erstaunlich. „Frauen mit Kindern hatten in den ersten 2 bis 3 Jahren spürbare Gehaltsunterschiede, aber nach 10 Jahren verdienten sie bereits mehr als jene ohne Kinder und über das ganze Berufsleben hinaus sogar mehr. Diese Daten zeigen eindeutig, dass man vorsichtig sein muss mit der sogenannten „child penalty“, also der Theorie, dass Frauen mit Kindern größere Einkommensbußen haben.“ <BR /><BR />Diese Daten müssten aber noch weiter durchleuchtet werden, etwa ob eine bessere Kinderbetreuung in Dänemark zu diesem Ergebnis führe.<h3> Kritik der Allianz für Familie:</h3><b>Naive Stereotypen – wie lange noch?</b><BR /><BR />Frauen seien aufgrund ihrer fehlenden Risikobereitschaft selbst schuld an ihrer schlechteren ökonomischen Lage, so Verhaltensökonom Matthias Sutter von der Universität Innsbruck im Rahmen des Mediengipfels in Lech. <BR /><BR />Die Allianz für Familie kritisiert einseitige Darstellungen wie diese zu einem sehr viel komplexeren Thema.“ Es ist beinahe schon unverschämt, dass Frauen nahegelegt wird, sie sollten so sein wie Männer und sich in der Arbeitswelt risikobereiter zeigen,“ so die Allianz für Familie. Solche Statements und systematischen Abwertungen des von Frauen Geleisteten sind nicht förderlich für den schon lange anstehenden Wertewandel in der Gesellschaft. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67731745_quote" /><BR /><BR />Die Problematik um die geschlechtergerechte Entlohnung darauf zu reduzieren, dass Frauen wagemutiger sein müssten, um finanziell erfolgreich zu sein, blendet ihre Lebensrealität völlig aus. Tätigkeiten, die traditionell als „weiblich“ gelten – wie Kindererziehung, Pflege oder emotionale Fürsorge – werden häufig unterbewertet, obwohl sie für das Funktionieren der Gesellschaft unverzichtbar sind. „<BR /><BR />Männer sollten sich die Risikobereitschaft der Frauen abschauen. Wenn das Risiko ein Ereignis mit ungewissem Ausgang ist (wie zum Beispiel <BR />mangelnde Pensionsversicherung oder kleineres Einkommen), dann sind es die Frauen, die mit großem Mut es wagen, sich diesen Risiken auszusetzen. Denn sie tragen Verantwortung für das <BR />Aufwachsen der kommenden Generationen und nehmen dafür beträchtliche Einbußen in Kauf,“ so Christa Ladurner, Sprecherin der Allianz für Familie. “Am Ende wird ihnen dann noch suggeriert, sie seien nicht erfolgreich, weil sie sich einem System nicht beugen, das rein auf ökonomischen Prinzipien funktioniert.“<BR /><BR />Eine einseitige Darstellung wie diese ist nicht nur eine bedenkliche Meinungsmache, sondern auch Ausdruck einer Gesellschaft, die nur finanziellen und beruflichen Erfolg in die Mitte stellt. Eigentlich sollte längst berücksichtigt werden, dass auch die von Frauen geleistete <BR />Fürsorgearbeit eine wichtige ökonomische und politische Bedeutung in unserer Gesellschaft hat.<BR /><BR />Frauen und Männer müssen frei von Rollenzwängen und Vorurteilen ihre beruflichen Wege gestalten können. Letztlich sollte es darum gehen, dass alle Lebensmodelle ihren Platz und ihre Wertschätzung finden – und zwar nicht nur ideell, sondern auch finanziell.