Das überaus ungewöhnliche Integrationsprojekt für holländische Jugendliche läuft bereits seit 3 Jahren auf mehreren Südtiroler Bauernhöfen. Grundsätzlich verpflichten sich dabei holländische Jugendliche in problematischen Lebensumständen, für mindestens 6 Monate auf einem Südtiroler Bauernhof zu leben und mitzuarbeiten, wobei der holländische Staat vollumfänglich die Kosten übernimmt.<BR /><BR />„Es geht darum, die übliche Routine und negative Muster zu durchbrechen, indem sie in eine völlig neue Lebenswirklichkeit eintauchen“, erklärt die Initiatorin Adelheid Bonacker in wenigen Worten das Konzept. Dabei heißt es, überall dort am Hof anzupacken, wo es notwendig und gerade am dringlichsten ist – das kann auf dem Feld und im Garten genauso sein wie in der Küche oder im Stall. <h3> Struktur, Natur und das einfache Leben</h3>Zunächst einmal müsse der betroffene Jugendliche erst mal mit den völlig neuen Gegebenheiten zurechtkommen: Sprache, Umgebung, Aktivitäten, Essen, Tagesverlauf – von einem Tag auf den anderen muss er sich auf eine völlig neue Realität einstellen. <BR /><BR />„Im ersten Moment ist das fast wie ein Schock, aber sie passen sich bald an und lernen in der Regel erstaunlich schnell“, sagt die Integrationshilfe Arianne Buijsen. Das neue Umfeld wirke auf die Jugendlichen wie eine Therapie, denn sie haben nun einen strukturierten Alltag, allerlei Aufgaben zu verrichten und beginnen den Wert elementarer Tätigkeiten zu erkennen. Dazu kommt die Wertschätzung der Gastgeberfamilie, das Gefühl des Gebrauchtwerdens und bald schon werde man Teil der Familie. „Besonders wichtig sind die Faktoren Zeit und Natur“, sagt Buijsen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="909769_image" /></div> <BR /><BR />Um das alte, negative Umfeld auch tatsächlich hinter sich zu lassen, ist der Mindestzeitraum von 6 Monaten auf dem Hof vorgesehen, außerdem ist der Gebrauch des Handys untersagt. Die Jugendlichen korrespondieren tatsächlich per Brief mit ihren Bekannten und Eltern in Holland. Das Projekt sieht die Begleitung von Fachleuten vor, außerdem müssen sich die Jugendlichen selbst für diese Möglichkeit entscheiden – Zwang wäre der absolut falsche Weg. <BR /><BR />Zu den Bauern, die bereits Erfahrungen mit diesem Projekt gemacht haben, zählt Ferdinand Dorfmann vom Hitthalerhof in Hofern bei Kiens. Er hat noch sehr lebhafte und gute Erinnerungen an den 20-jährigen Björn, der ein ganzes Jahr – von Weihnachten 2021 bis Weihnachten 2022 – bei ihm mithalf. <h3> Das Leben neu ordnen</h3>„Rückblickend ist es sicherlich so, dass wir alle gewonnen haben: Der Bursche hat überall von früh bis spät mit angepackt und dabei hat sich gezeigt, dass er regelrecht aufgeblüht ist“, erzählt Ferdinand Dorfmann nicht ohne Stolz. Er ist Vollerwerbsbauer und führt einen Grundlandbetrieb mit Melkvieh; sowohl auf den Feldern, der Hofstelle und auch im Wald geht die Arbeit nie aus. Deshalb hat er auch regelmäßig Bedarf an Arbeitskräften – so hat er auf seinem Hitthalerhof auch mit Migranten gearbeitet und Freiwilligenhilfe in Anspruch genommen.<BR /><BR /> „Natürlich braucht es hierfür die nötigen Voraussetzungen und man muss die Helfer anständig begleiten“, weiß Ferdinand Dorfmann aus Erfahrung. Gerade beim holländischen Integrationsprojekt sei das sehr wichtig. <BR /><BR />Es sei einfacher, die schwierigen Lebensumstände, die auch Björn zu schaffen machten, hinter sich zu lassen, wenn man von einem intakten Umfeld aufgenommen wird. Natürlich müsse man dabei zunächst die nötige Geduld aufbringen und auf den Jugendlichen eingehen. „Er war recht schnell Teil unserer Familie, hat angesichts der körperlichen Anstrengungen auch einen ordentlichen Appetit entwickelt und den gesamten Hof und die Tiere in sein Herz geschlossen“, sagt der aufgeschlossene Bauer. Noch heute steht er mit dem Burschen, der nun in seinem Heimatland einer Arbeit nachgeht, in Kontakt. Natürlich gebe es aber keine Garantie, dass diese Art der Therapie funktioniere. <BR /><BR />„Bislang haben sich bereits mehr als 20 holländische Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren für diesen Weg entschieden, es handelt sich allemal um ein Vorzeigeprojekt“, erklärt Bonacker und verweist zugleich auf die Vorteile für die Bauern: für mehrere Monate 2 helfende Hände und eine monatliche finanzielle Unterstützung von 400 Euro vom holländischen Staat für die Beherbergung und Verpflegung. <BR />Die Beteiligten werden während des gesamten Prozesses, der auch Vorgespräche und eine weitere Phase nach dieser Auslandserfahrung vorsieht, von Fachkräften begleitet. <h3> Allianz zwischen Holland und Südtirol</h3>Adelheid Bonacker ist überzeugt, dass es sich um ein nachahmenswertes Projekt handelt, denn der Staat versuche hierbei präventiv, unheilvolle Entwicklungen zu unterbinden und den Jugendlichen neue Perspektiven im Leben zu ermöglichen. Dabei verweist sie auf ähnliche Auslandsaufenthalte in Frankreich, die bereits seit 30 Jahren laufen. „Etwa 70 Prozent schaffen es, ihr Leben neu auszurichten und selbst in die Hand zu nehmen“, beziffert sie die Erfolgsquote. <BR /><BR />Für Adelheid Bonacker ist diese ehrenamtliche Tätigkeit eine Brücke zu ihrer alten Heimat Südtirol. Vor 17 Jahren hat es sie, die in Sinich aufgewachsen ist, in das Städtchen Emmen im Norden Hollands verschlagen, nach der Geburt ihrer Tochter hat sie begonnen, im Vertrieb von Silberhütchen (Medizinprodukt für empfindliche Brustwarzen während des Stillens) Fuß zu fassen, ehe ganz nebenbei das Integrationsprojekt zu einer Herzensangelegenheit wurde. <BR /><BR />Durch eine Zeitungsannonce fand sie die aus Holland stammende Arianne Buijsen, die den umgekehrten Weg gewählt hatte und bereits 10 Jahre am Ritten lebt, über Annoncen kam sie auch zu interessierten Bauern in Südtirol. „Toll wäre eine ähnliche Initiative für Südtiroler Jugendliche“, formulieren sie einen kühnen Wunsch. Gut möglich, dass diese ungewöhnliche holländisch-südtirolerische Allianz auch das noch bewerkstelligt.<BR /><BR />Infos zum Projekt im Internet unter <a href="www.traject58.nl" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.traject58.nl</a><BR />