Der Mensch ist ein soziales Wesen, und Lebensfreude gibt es nicht ohne zwischenmenschliche Beziehungen: Von diesen Grundsätzen ausgehend, ergibt sich für Prof. Messner die logische Konsequenz, dass es Glück und Zufriedenheit auch im Alter – und erst recht bei Pflegebedürftigkeit – nicht ohne empathische, soziale Kontakte geben kann. Doch zwischen demografischem Wandel und veränderten Lebenswirklichkeiten gerieten, so Prof. Messner, gerade diese unter Druck.<BR /><BR />Mit der – „notwendigen und richtigen“ – Emanzipation der Frauen seit den 1960er-Jahren fielen diese als selbstverständlich Pflegende – in der Familie und im Beruf – immer häufiger weg. Und mit dem Rückgang der Geburtenzahlen bleibe die Pflege der älteren Generation, die sich früher auf zehn Geschwister aufteilte, heutzutage oftmals an einem Kind hängen. Veränderte Lebensrealitäten führten zudem immer öfter dazu, dass die Lebensmittelpunkte von Kindern und Eltern weit auseinanderliegen: Der ungeschriebene Generationenvertrag kann so nicht eingehalten werden.<BR /><BR />Die China-Expertin veranschaulichte dies auch am chinesischen Ausdruck „xiao“, oft als kindliche Pietät übersetzt – und in der chinesischen Kultur tief verankert. Doch gerade in der chinesischen Gesellschaft, in der 1979 die Ein-Kind-Politik eingeführt wurde und die damit den demografischen Wandel auf die Spitze getrieben hat, führt dies jetzt dazu, dass auf ein (erwachsenes) Kind zwei Elternteile und vier Großelternteile kommen, für die es alleine aufkommen müsste, pflegerisch wie finanziell. <h3> Lassen sich fehlende pflegende Schultern durch mehr Technologie kompensieren?</h3>„Das ist schlicht nicht möglich und ein großes Dilemma“, so Prof. Messner. Das Problem ist hierzulande nur wenig kleiner, das Dilemma ebenfalls. Lassen sich also die schlicht und einfach zunehmend fehlenden pflegenden Schultern durch mehr Technologie und Prozessoptimierung kompensieren? „Das ist zu kurz gedacht“, betonte Prof. Messner in ihrem Vortrag und erinnerte an die Auswirkungen der Covid-Maßnahmen gerade auf ältere Menschen: „Unzufriedenheit, Krankheiten und Angststörungen haben zugenommen, weil die liebevollen, sozialen Kontakte massiv eingeschränkt waren. Wie in einem Labor hat uns die Pandemie die Bedeutung dieser ,loving care' gezeigt. Das müssen wir ernst nehmen.“ <BR /><BR />Pflege bildet laut Prof. Messner die Grundlage des Lebens. Es gelte: „Ich sorge, also bin ich.“ Entgegen den jüngsten „uncare“-Tendenzen (zwischen „America first“, einem zunehmenden „Ich, ich, ich“ und der Verunglimpfung von „Gutmenschen“) sei es daher möglich und wichtig über eine innere gesellschaftliche Grundhaltung informelle Fürsorge zu etablieren. „Dafür müssen wir gemeinsam Sorge tragen als Gesellschaft“, gab sie den Tagungsteilnehmern mit auf den Weg.<BR /><BR /><b>Zur Person<BR /></b><BR />Die gebürtige Sterzingerin Angelika Messner ist Sinologin, Medizinhistorikerin und -anthropologin. Sie lehrt und forscht als Professorin an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, wo sie das Chinazentrum leitet.