Mittwoch, 21. Juni 2017

Was in der Todesnacht der 71 Flüchtlinge wirklich geschah

In Todesangst hämmerte sie gegen die Wände des verschlossenen Kühllasters. Vergebens. Ihre Schlepper hatten ihren Tod bereits beschlossen - in jedem Fall aber in Kauf genommen. Am Mittwoch ist der Prozess zum Tod der 71 eingepferchten Flüchtlinge losgegangen - und bereits der Auftakt lässt erschaudern. Er offenbart die Abscheulichkeit dieser Tat.

In dem auf einem Pannenstreifen auf der A4 in der Nähe von Parndorf (Bezirk Neusiedl am See) abgestellten Lastwagen sind 71 Flüchtlinge ums Leben gekommen.
In dem auf einem Pannenstreifen auf der A4 in der Nähe von Parndorf (Bezirk Neusiedl am See) abgestellten Lastwagen sind 71 Flüchtlinge ums Leben gekommen. - Foto: © APA/DPA

In der Nacht auf 26. August 2015 wurde der gebraucht gekaufte Kühl-Lkw erstmals eingesetzt. In einem Waldstück nahe der Grenze bei Morahalom warteten 71 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, dem Iran und aus Afghanistan – darunter acht Frauen und vier Kinder – , um in den Westen gebracht zu werden.

Ein 26-jähriger Bulgare fuhr den Lastwagen, begleitet von einem 39-jährigen Landsmann, der mit eigenem Auto unterwegs war, um die Lage zu sondieren. Die beiden Bandenbosse fungierten als Aufpasser und begleiteten zum Teil den Transport mit ihren eigenen Fahrzeugen. Der 26-jährige Lenker des Lkw erhielt für die Fahrt 3.500 Euro, sein 39-jähriger Komplize 1.500 Euro.

Flüchtlinge hämmerten gegen die Frachtraumwände 

Die 71 Menschen wurden auf eine 14,26 Quadratmeter große Ladefläche gepfercht, die eigentlich für Kühlware gedacht war. Es gab keine Lüftung, keine Fenster, keine Innenbeleuchtung, keine Sitzgelegenheit und keine Haltegriffe, hielt die Staatsanwaltschaft fest. Die Tür des Frachtraums konnte nur von außen geöffnet werden.
Bereits nach 40 Minuten machten die Menschen in dem Lkw auf sich aufmerksam, dass sie keine Luft mehr bekommen. Sie hämmerten gegen die Frachtraumwände und schrien lauthals.

Die beiden Männer informierten ihre Bandenbosse darüber, doch die beiden gaben die Anweisung, sich nicht um die Insassen zu kümmern, sondern weiterzufahren. Laut Staatsanwaltschaft hatten die beiden sogar verboten, die Frachtraumtür zu öffnen, obwohl der 26-jährige Fahrer mehrmals anrief und bekundete, dass die Insassen großen Lärm machen würden.

Falls sie sterben, Leichen entsorgen

Der afghanische Bandenboss (30) gab noch die Anweisung, falls die Migranten sterben sollten, sollten ihre Leichen in Deutschland entsorgt werden. Sein Stellvertreter meinte sogar: „Diese können von ihm aus auch sterben“, sagte der 30-jährige Bulgare er laut Anklage.

Die meisten erstickten nach eineinhalb, zwei Stunden. Als der Lkw die Grenze zu Österreich passierte, waren alle 71 tot. Der Fahrer stellte den Lkw bei Parndorf ab und flüchtete mit dem Begleitfahrzeug seines Komplizen zurück nach Ungarn.

Am nächsten Tag wurde das Fahrzeug mit den Leichen von österreichischen Polizisten entdeckt.

Prozess gegen Schlepper begonnen

Am Gericht in Kecskemet in Ungarn muss sich seit Mittwoch die Schlepperbande nun verantworten (STOL hat berichtet). 

apa/stol

stol