Das Sozialbudget des Landes müsse steigen, es brauche aber auch andere Maßnahmen, um die Pflege abzusichern, sagt Prof. Tappeiner. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="772976_image" /></div> <BR /><BR /><b>Herr Tappeiner, Sie haben Landesrätin Deeg und Gewerkschaften erste Ergebnisse der Expertengruppe vorgestellt, die an der Sicherung der Pflege arbeitet. Da kommen gewaltige Kosten auf uns zu...</b><BR />Gottfried Tappeiner: Südtirol gibt schon heute rund 500 Millionen Euro für Pflege aus. Wir reden nicht nur vom Pflegegeld, sondern von Zahlungen der Sanität an Heime, Tagsätze der Privaten an Heime, Investitionsbeträge, Hauspflege, Hilfspfleger (Badanti) und Opportunitätskosten, die entstehen, wenn Leute den Job aufgeben, um Eltern zu pflegen.<BR /><BR /><b>Warum verdoppeln sich die Kosten bis 2035 schrittweise auf fast 500 Millionen Euro pro Jahr?</b><BR />Tappeiner: Bis 2035 werden wir 35 Prozent mehr Pflegefälle haben, was 170 Millionen Euro an Mehrkosten ergibt. Wir müssen Pflegekräfte besser bezahlen, wenn wir sie finden wollen. Bei einer realen Steigerung von 1,5 bis 2 Prozent schlägt das mit 150 Millionen Euro zu Buche. Drittens nimmt die kostengünstige Pflege von Angehörigen zu Hause ab. Kinder leben heute nicht mehr im Haus daneben, sondern oft weit weg. Bei vorsichtigen Minus 10 Prozent sind wir insgesamt auf gut 400 Millionen Euro, um die größten Faktoren zu nennen.<BR /><BR /><b>Rollt die Lawine unaufhaltsam auf uns zu?</b><BR />Tappeiner: Wir müssen das Abbröckeln der familiären Pflege abbremsen. Fällt diese aus, haben wir weder Geld noch Personal, sie zu ersetzen. Im Sommer startet dazu eine Befragung von Personen, die Angehörige pflegen. Es gibt nämlich kein Instrument, das allen gleich hilft. Eine Frau in Pension, die ihren Mann pflegt, wünscht sich einen Tag pro Woche frei und einmal 14 Tage Urlaub. Einer Tochter, die den Job aufgibt, um den Vater zu pflegen, fehlen hingegen Geld und Rentenabsicherung. Im Burgenland werden solche Personen zum Beispiel von den Bezirksgemeinschaften angestellt.<BR /><BR /><embed id="dtext86-54478989_quote" /><BR /><BR /><b>Kostet das nicht enorm?</b><BR />Tappeiner: Jein. Ein Platz im Pflegeheim kostet 60.000 Euro. Wenn man diese Personen um 30.000 Euro anstellt, spart man die Hälfte. Und wenn ich damit erreiche, dass der Senior 2 Jahre später ins Heim kommt, ist viel getan. Nötig wäre aber eine schnelle Pflegetruppe, die kurzfristig einspringt, wenn die Tochter einen Termin des Sohnes in der Schule hat.<BR /><BR /><b>Unterm Strich bleibt die Frage: Wer soll das alles zahlen?</b><BR />Tappeiner: Noch einmal so viel locker zu machen wie heute, wird der Landeshaushalt nicht hergeben. Man kann aber auch dem Bürger nicht alles anlasten. Das Sozialbudget muss um die Inflation plus 1 bis 1,5 Prozent steigen. Man muss aber auch über Zusatzversicherungen reden, die – sofern sich die Politik dafür entscheidet – verpflichtend sein können. Bevor wir über Geld reden, haben die Leute aber ein Recht zu wissen, was sie dafür kriegen. Wir werden 4 Optionen ausarbeiten und im Frühjahr eine große Umfrage unter den Bürgern durchführen. Es geht um sozial ausgewogene und machbare Lösungen.<BR /><BR /><b>Will konkret heißen?</b><BR />Tappeiner: Ich finde es nicht richtig, dass das Pflegegeld einkommensunabhängig an arm wie wohlhabend ausbezahlt wird. Kurzfristig ist eine Änderung die Unruhe und den Ärger nicht wert. Mittelfristig, wenn man mehr Geld braucht und zum Beispiel das Pflegegeld anheben muss, sollte dies aber nicht für alle geschehen. Es braucht aber auch praktikable Lösungen. Jedes Jahr 15.000 Einkommenserklärungen prüfen, wäre verrückt.<BR />