<b>von Esther Crauser-Delbourg und Bertrand Badré</b><BR /><BR />Die vergangenen Monate haben uns die Bedeutung – und mangelnde Sicherheit – der Wasserversorgung schmerzlich vor Augen geführt. Die Entsalzungsanlagen der Länder des Golf-Kooperationsrats, die zusammen rund 62 Menschen mit fast ausschließlich aus dem Meer gewonnenem Trinkwasser versorgen, wurden im Rahmen eines nicht von diesen Ländern ausgelösten geopolitischen Konflikts zum Ziel von Drohnen- und Raketenangriffen.<BR /><BR />In Mittelamerika lässt unzureichender Niederschlag derweil seit Jahren den Wasserstand im Panamakanal sinken, was zu Spannungen zwischen dem lokalen Süßwasserbedarf und der Nachfrage nach Durchfahrt durch diese wichtige Schifffahrtsader führt. Es ist ein und dieselbe Krise, von zwei entgegengesetzten Seiten betrachtet: In Panama behindert ein Mangel an Süßwasser den Seehandel, und am Golf führt ein maritimer Konflikt zur Verknappung des Trinkwassers. Wasser ist, im strengsten Sinne, ein Sicherheitsproblem – doch die Welt regelt es bisher nicht als solches.<h3> Ein unsichtbarer Faktor in Gesundheit und Wirtschaft</h3>Die unzureichende Wasserbewirtschaftung hat weitreichende Folgen. Durch unsauberes Wasser und mangelhafte sanitäre Versorgung bedingte Krankheiten stellen ein großes Risiko für die öffentliche Gesundheit dar und sind weltweit eine der Haupttodesursachen bei Kindern unter fünf Jahren.<BR /><BR />Darüber hinaus ist Wasser ein unverzichtbarer Produktionsfaktor in Landwirtschaft und Industrie: Rund 90 Prozent der weltweiten Süßwasserentnahmen dienen der Wirtschaftstätigkeit, die restlichen 10 Prozent entfallen auf die privaten Haushalte.<BR /><BR />Hinzu kommen die wirtschaftlichen Kosten durch aufgrund des Klimawandels immer schwerwiegende und häufiger auftretende wasserbezogene Naturkatastrophen. Dürren kosten die Welt jährlich schätzungsweise 307 Milliarden US-Dollar: 15 Prozent aller katastrophenbedingten wirtschaftlichen Verluste. Überschwemmungen verursachten im Zeitraum 2000 bis 2019 Schäden in Höhe von 651 Milliarden Dollar. <BR /><BR />Zugleich untergräbt die Wasserverschmutzung weiterhin das Wirtschaftswachstum kompletter Regionen. Im Jahr 2016 prognostizierte die Weltbank, dass die Wachstumsraten der am stärksten gefährdeten Regionen bis 2050 infolge wasserbezogener Verluste um bis zu 6 Prozent vom BIP zurückgehen könnten.<h3> Nadelöhre des Welthandels im Trockendock</h3>Auch im Welthandel spielt Wasser eine entscheidende Rolle, da rund 80 Prozent des weltweiten Warenhandels (gemessen am Volumen) auf dem Seeweg abgewickelt werden. Die weltweit wichtigsten Nadelöhre – die Straße von Hormus, der Panamakanal und der Suezkanal – waren in den letzten Jahren alle von Beeinträchtigungen betroffen. Im Jahr 2023 zwang eine anhaltende Dürre Panama, den Zugang zu seiner Wasserstraße zu beschränken. <BR /><BR />Bis Anfang 2024 ging das tägliche Transportaufkommen um etwa ein Drittel zurück, und die Frachtraten im Pazifik stiegen sprunghaft. Und obwohl die diesjährige Sperrung der Straße von Hormus nicht durch eine wasserbedingte Störung ausgelöst wurde, unterstreicht sie die Erkenntnis, dass Wasser eine zentrale strategische Variable in der globalen Logistik ist.<h3> Die drohende „Wasserinsolvenz“ ganzer Regionen</h3>Wasserbezogene Risiken nehmen weiter zu. Forscher der Vereinten Nationen warnen inzwischen, dass viele Regionen auf eine „Wasserinsolvenz“ zusteuern: einen Zustand, in dem die Wassersysteme aufgrund von Erschöpfung, Verschmutzung und Schäden an wasserbezogenem Naturkapital wie Feuchtgebieten realistischerweise nicht mehr zu ihren historischen Ausgangswerten zurückkehren können.<BR /><BR /> Darüber hinaus sind die Unternehmen laut Schätzung des Carbon Disclosure Project schon jetzt mit wasserbezogenen Risiken in dreistelliger Milliardenhöhe konfrontiert – von denen man die meisten zu einem Bruchteil der potenziellen Kosten mindern könnte.<BR /><BR />Die gute Nachricht ist, dass Wasserresilienz kein technologisches Rätsel ist. Die Lösungen sind bekannt: bessere Infrastruktur, bessere Planung und bessere Steuerung. Und sie sind äußerst kosteneffizient. So generiert beispielsweise jeder in die Wasser- und Sanitärinfrastruktur investierte Dollar dank vermiedener Gesundheitskosten und höherer Produktivität einen wirtschaftlichen Ertrag von etwa 4 bis 12 Dollar.<h3> Das Problem der mangelnden Preistransparenz</h3>Was bisher fehlt, ist die strategische Aufmerksamkeit für die großflächige Umsetzung dieser Lösungen. Ein Teil des Problems ist die Sichtbarkeit. Ökonomen haben schon lange beobachtet, dass Ressourcen am effektivsten bewirtschaftet werden, wenn ihr Wert sichtbar ist. Doch im Gegensatz zu Energie und Emissionen wird der Wasserverbrauch erst seit kurzem gemessen und offengelegt.<BR /><BR />Dies erklärt zum Teil, warum Wasser trotz zunehmender Knappheit weiterhin bepreist wird, als wäre es im Überfluss vorhanden. In Frankreich kostet dieselbe Ressource zwischen 0,02 Euro pro Kubikmeter für die Bewässerung und rund 4 Euro für aufbereitetes Trinkwasser – eine 200-fache Spanne, die in keinem Verhältnis zur Knappheit oder zum wirtschaftlichen Wert steht. Dies erklärt auch, warum der Aspekt des Wassers erst allmählich in Investitionsentscheidungen, Risikobewertungen und Unternehmensstrategien sowie in die Wirtschaftspolitik und politische Entscheidungsprozesse einfließt.<h3> Der blinde Fleck des globalen Handels</h3>Diese Verzögerung lässt sich auch auf globaler Ebene beobachten. Auf dem G8-Gipfel in Évian im Jahr 2003 warnten die Staats- und Regierungschefs vor den wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen der Wasserknappheit. Doch 23 Jahre später ist Wasser eine der wenigen strategischen Ressourcen ohne eigenes „Bretton Woods“ und stützt sich stattdessen auf ein Flickwerk aus Abkommen und Institutionen.<BR /><BR /> Da etwa ein Fünftel des weltweiten Wasserverbrauchs in Gütern steckt, die außerhalb des Landes konsumiert werden, in dem sie produziert werden, stellt dies einen erheblichen blinden Fleck dar. Untersuchungen zur Globalisierung virtueller Wasserströme haben gezeigt, dass die klassischen, den Welthandel bestimmenden Muster komparativer Vorteile nicht mehr gelten, wenn Wasser angemessen als Produktionsfaktor berücksichtigt wird: Wasserarme Länder exportieren wasserintensive Güter in wasserreiche Länder, subventioniert durch ein unbepreistes und schwindendes Eingangsgut.<h3> Die Neudefinition strategischer Rohstoffe</h3>Die Regeln der Welthandelsorganisation werden bereits angepasst, um die Kohlenstoffintensität zu berücksichtigen. Man könnte also hoffen, dass die Wasserintensität als Nächstes an der Reihe ist. Doch hängen derartige Maßnahmen von der Bereitschaft ab, das seit langem bestehende Bewusstsein für wasserbezogene Risiken in Institutionen, Anreize und Investitionsentscheidungen umzumünzen, die dem Ausmaß der Abhängigkeit gerecht werden.<BR /><BR />Reichliche und verlässliche Wasservorräte haben das Wirtschaftswachstum, die Industrialisierung und den Welthandel über zwei Jahrhunderte lang gestützt. Doch die Zeiten, in denen Wasser als selbstverständlich angesehen werden konnte, sind vorbei. Wasser ist ein strategischer Rohstoff eigenen Rechts, und wir müssen es mit derselben Ernsthaftigkeit behandeln wie Energie, Handel und Finanzen.<BR /><BR />Die Frage ist nun, wie schnell Regierungen, Unternehmen, Investoren und Institutionen diese Erkenntnis in ihre täglichen Entscheidungen einbeziehen können. Die Länder und Unternehmen, die sich in den nächsten zwei Jahrzehnten besonders gut entwickeln werden, sind diejenigen, die das Wasser als die wertvolle Ressource behandeln, die es ist.<BR /><BR /><b>Über die Autoren</b><BR /><BR />Esther Crauser-Delbourg ist Mitbegründerin und CEO von Water Wiser. Sie lehrt Wasserökonomie an der HEC Paris. Bertrand Badré ist ehemaliger Geschäftsführer der Weltbank, Vorsitzender des Beirats von Project Syndicate, CEO und Gründer von Blue like an Orange Sustainable Capital sowie Verfasser des Buches Can Finance Save the World? (Berrett-Koehler, 2018).