Für Thomas Egger vom Südtiroler Klima Club sind Investitionen in die Wasserstoff-Mobilität „Fehlinvestitionen“, weil Wasserstoff in der Straßenmobilität keine Rolle spielen werde. Für Wasserstoff-Papst Walter Huber ist sie Teil einer „Zukunftsvision“.<BR /><BR />Wasserstoff (chemische Formel: H2) ist ein farb- und geruchloses Gas, das gut gespeichert und transportiert und vor allen Dingen sauber „verbrannt“ werden kann. Als Nebenprodukte entstehen lediglich Wasser und Wärme. Der Haken: Man kann ihn nicht einfach „einfangen“, sondern muss ihn erst produzieren. Und dazu benötigt man Strom. Wirklich umweltfreundlich ist Wasserstoff also nur dann, wenn er mit erneuerbaren Energien wie Windenergie oder Sonnenenergie gewonnen wird (sogenannter grüner Wasserstoff). Biowasserstoff verursacht in der Nettobilanz kein Kohlendioxid, wenn Anbau und Verarbeitung der genutzten Biomasse CO2-neutral erfolgen. Erfolgt die Wasserstoff-Herstellung jedoch aus fossiler Primärenergie, ist die Klimabilanz negativ, der Wasserstoff also nicht „grün“, sondern „grau“. Weil der hierzulande hergestellte „grüne“ Wasserstoff nicht ausreicht, importiert Südtirol aktuell eben solchen „grauen“ Wasserstoff, weshalb jüngst Kilian Kier aus dem Klima-Bürgerrat der Landesregierung „absurdes Greenwashing“ vorwarf. <BR /><BR />Zweiter Nachteil von Wasserstoff: Die Wasserstoff-Herstellung benötigt mehr Energie, als die Wasserstoff-Verbrennung hinterher freisetzt. <BR />Unbestritten unter Experten ist, dass Wasserstoff – aufgrund seiner guten Speicher- und Transportierbarkeit – eine wesentliche Rolle bei der Energiewende spielen kann und wird. Doch gilt das auch für die sog. Wasserstoff-Mobilität? Das Land hat jedenfalls beschlossen, an Wasserstoff als Antriebsmittel festzuhalten und in den Ausbau von Wasserstoff-Produktionsanlagen von SASA und Alperia in Bozen Süd sowie in Tankstellen zu investieren. <h3> Pro</h3><BR /><BR />„Wasserstoff kann Energie über einen langen Zeitraum und in großen Mengen speichern – und ist damit die ideale Ergänzung zu grünen Stromquellen wie Sonne und Wind, die nicht rund um die Uhr und stets zur Verfügung stehen. Energiespeicherung mit Wasserstoff ist eine Zukunftsvision.“ Das, sagt Walter Huber, Südtirols Wasserstoff-Papst.<BR /><BR />Huber war maßgeblich am Bau des Wasserstoff-Zentrums in Bozen Süd beteiligt und ist als Mitglied im Verwaltungsrat des Institutes für Innovative Technologien weiterhin für den Bereich Wasserstoff-Technologien zuständig – und nach wie vor von diesem Energieträger „fasziniert“ und überzeugt. Und das gilt auch für die Wasserstoffmobilität. „Die Frage ist doch: Wird es eine einzige Zukunft geben oder eine vielfältige? Wenn wir von den fossilen Energieträgern wegkommen wollen, dann müssen wir vor allen Dingen das Problem der Energiespeicherung in den Griff bekommen“, sagt er. Wasserstoff sei dafür ideal, denn er habe „wenig negative Seiten“, was für den batteriebetriebenen Antrieb nicht gelte. Da sei zum einen die Reichweite zu nennen, mit einem ausreichenden Wasserstofftank komme man wesentlich weiter als mit einer Batterieaufladung. Sein Credo: „Für kleine Fahrzeuge und kurze Strecken ist das E-Auto sicher gut, für schwere Fahrzeuge und weite Strecken ist Wasserstoff eine gute Alternative.“ Und das umso mehr, als – neben dem Problem der Entsorgung und des Recyclings – auch die Produktion dieser Batterien alles andere als unproblematisch sei. Benötigt werden dafür nämlich u.a. Kobalt, Lithium, Nickel, Mangan und Graphit. Und weite Teile der Gewinnung dieser Rohstoffe seien in chinesischer Hand. Bei Kobalt, Lithium oder Nickel haben die Chinesen mittlerweile mehrheitlich die Versorgungskontrolle. <BR />So befinden sich nicht nur 41 Prozent des weltweiten Kobalt-Abbaus in chinesischem Besitz, sondern auch der größte Teil des Lithiumabbaus. Raffiniert werden sogar 71 Prozent des weltweiten Kobalts in China. Sich also in Sachen Mobilität mehr oder weniger zur Gänze von China abhängig zu machen, sind für Huber keine guten Aussichten. <BR />„Zudem sind die chinesischen Abbaumethoden an sich problematisch, und die vorwiegend afrikanischen Länder, in denen China den Abbau dieser Rohstoffe an sich gebracht hat, profitieren von ihrem Rohstoffreichtum nur wenig“, weiß Huber. <BR />Statt also in Sachen Mobilität alles auf eine Karte zu setzen, plädiert er für mehr Vielfalt – und damit auch Unabhängigkeit. <BR />Würden der benötigte Wasserstoff nebst dem dafür notwendigen Strom hierzulande produziert, „schaffen wir damit zudem eine lokale Wertschöpfung“, argumentiert er weiter. Produziert werden könnte dabei sogar über den eigenen Bedarf, denn gebraucht würde Wasserstoff in Zukunft auf jeden Fall, etwa für Flugzeuge. Doch Hubers Wasserstoff-Vision geht noch weiter: Als Speicher könne der nämlich vielfältig eingesetzt werden. <BR />„Natürlich nicht für jeden einzelnen Haushalt, hier wird der Batteriespeicher für die etwa aus der Photovoltaik gewonnene Energie weiterhin die beste Alternative sein. Aber vorstellbar wäre ein Wasserstoffspeicher etwa dann, wenn sich mehrere kleine Stromerzeuger – sagen wir zum Beispiel 100 Haushalte – zu einer größeren Einheit zusammenschließen, etwa in Form von Energiegemeinschaften“, findet Huber. <BR />Deren Bildung, merkt Huber allerdings kritisch an, werde derzeit noch nicht recht vorangetrieben.<BR /><BR />Und was ist mit der schlechten Effizienz? „Die Ingenieure arbeiten seit 150 Jahren an der Verbesserung der Verbrennermotoren, aber nur seit wenigen Jahren an der Wasserstoff-Technologie. Wir werden auch hier in den kommenden Jahren enorme Fortschritte machen“, ist er überzeugt. Alles in allem brauche es jedenfalls für eine nachhaltige „grüne“ Zukunft einen möglichst breiten Mix aus verschiedenen Energiequellen und Speichermethoden. „Wir sollten uns überlegen, wo Batterien hierfür wirklich von Vorteil sind und wo nicht“, plädiert Huber. <BR />Aber eines steht für ihn in jedem Fall fest: „So weiter wirtschaften wie bisher, können wir nicht.“<BR /><h3> Contra</h3><BR /><BR /><BR /><BR />„Es ist doch schon längst entschieden, in welche Richtung der motorisierte Individualverkehr geht – nämlich zum E-Auto. Investitionen in Wasserstoff-Mobilität sind Fehlinvestitionen“, findet Thomas Egger, Präsident des Klima Club Südtirol. <BR /><BR />Es sei dabei keineswegs so, dass Wasserstoff für den Ausstieg aus fossilen Energieträgern künftig keine Rolle spielen werde – im Gegenteil. Doch gerade eben nicht bei privaten Pkw, Lkw oder im öffentlichen Nahverkehr. „Das sagen nicht wir als Klima Club, das sagen verschiedene Studien“, erläutert Egger. Zumal sowohl Wasserstoff-Fahrzeuge als auch Wasserstoff – „der Champagner unter den Treibstoffen“ – teuer seien, sei einfach nicht davon auszugehen, dass sich die Leute solche Anschaffungen leisten könnten und würden. <BR />„Wasserstoff wird daher auch in Zukunft für die Mobilität keine Rolle spielen“, ist er sicher. Und weil auch in Zukunft kaum einer mit Wasserstoff-Autos oder -Lkw fahren werde, „machen neue Wasserstoff-Tankstellen in Südtirol einfach keinen Sinn. <BR />Da kommt keiner zum Tanken“. <BR /><BR />Sein Appell an die Landesregierung lautet daher: Alle öffentlichen Investitionen in die Wasserstoffmobilität stoppen. Und das umso dringender, als diese Investitionen reichlich planlos erfolgten. „Was Südtirol hier betreibt, ist mehr Aktionismus als Strategie. <BR />Eine wirkliche Wasserstoff-Strategie kann ich nämlich nicht erkennen“, kritisiert Egger. Vielmehr hüpfe man von einem Projekt zum nächsten, nur um irgendwelche Fördertöpfe auszunutzen, jüngstes Beispiel die Olympiagelder. „Aber es ist langfristig gefährlich, nur deswegen in Wasserstoff zu investieren“, findet er. Zumal es dabei „um viel Geld geht“, das für andere Nachhaltigkeits-Investitionen gebraucht würde. <BR /><BR />Dass Autoindustrie und Verbraucher sich schon seit Langem für die E-Mobilität entschieden haben, ist laut Egger nicht nur eine Tatsache, sondern auch vernünftig: „Der batteriebetriebene Fahrzeugantrieb ist der effizienteste, er ist 3 bis 4 Mal effizienter als Wasserstoff“, weiß Egger. Der daher die Rechnung macht: „Zur Herstellung von Wasserstoff benötigt es Strom. Statt diesen jedoch direkt als Antriebsmittel zu verwenden, stellt man damit aufwendig Wasserstoff her – einschließlich, Speicherung und Rückverstromung – und verliert dabei sozusagen 3 Viertel der Energie. Wir nutzen also viel Strom, um damit Effizienzverluste zu produzieren. Das macht keinen Sinn.“ Zumal man sich das gerade in der „grünen“ Zukunft gar nicht leisten können werde. „Der Bedarf an Strom wird erheblich steigen. Denken wir nur daran, dass alle fossilen Heizsysteme ersetzt werden müssen. Zum Betrieb von Wärmepumpen braucht es aber Strom. Zudem steigt der Einsatz von künstlicher Intelligenz und anderer computergesteuerter Technik in allen Bereichen, auch die arbeitet mit Strom. Und dann natürlich die E-Mobilität selber, deren millionenfacher Siegeszug auch gar nicht mehr aufzuhalten ist.“ Alles in allem könne man es sich also nicht leisten, in einen ineffizienten Nischenantrieb zu investieren. <BR />Besonders absurd, so Thomas Egger, sei dabei die aktuelle Situation, denn Südtirol selber produziere bereits jetzt schon nicht genug Wasserstoff für die wenigen Fahrzeuge (Stichwort Busflotte im ÖPNV). Daher werde mit grauem Strom produzierter Wasserstoff nach Südtirol importiert, um ihn hier als „grünen“ Treibstoff zu verwenden. <BR />Egger und sein Klima Club fordern daher ein Expertengremium, das eine echte Wasserstoff-Strategie für Südtirol entwickelt. Denn gebraucht würde Wasserstoff in der „grünen“ Zukunft, nämlich insbesondere in Bereichen wie der saisonalen Energiespeicherung, der chemischen Produktion und der grünen Stahlerzeugung. Doch Industrien, die in Zukunft Wasserstoff benötigen, „gibt es in Südtirol kaum“, gibt Egger zu bedenken. Daher sollte man sich in Südtirol gut überlegen, ob eine hiesige Wasserstoff-Produktion wirklich Sinn mache oder ob das nicht besser andernorts stattfinden sollte. Sein Fazit: „Südtirol braucht keine Illusionen, sondern kluge und nachhaltige Entscheidungen. In Sachen Wasserstoff ist es daher an der Zeit, umzusteuern.“