Im Interview erklärt sie, mit welchen Herausforderungen Menschen mit Beeinträchtigung bei der Partnerschaftssuche kämpfen und wie das Thema Sexualität in den Einrichtungen behandelt wird. <BR /><BR /><b>Mit welchen Herausforderungen kämpfen Menschen mit Beeinträchtigung bei der Partnerschaftssuche?</b><BR />Silvia Clignon: Viele Menschen sind unsicher, unabhängig davon, ob sie eine Beeinträchtigung haben oder nicht. Schüchternheit, Enttäuschungen aufgrund schlechter Erfahrungen, hohe Erwartungen an einen möglichen Partner können Schwierigkeiten darstellen. Bei Menschen mit Beeinträchtigung kommt noch die großteils gelebte Abhängigkeit von ihren Bezugspersonen dazu. Themen rund um Partnerschaft oder Beziehung bekommen manchmal nur wenig, bzw. nur den Raum, der ihnen von Bezugspersonen zugestanden wird. Erfahrungen wie sie Jugendliche oder Erwachsene ohne Beeinträchtigung machen, werden oft unterbunden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-71494296_quote" /><BR /><BR /><b>Welche Möglichkeiten gibt es, um jemanden kennenzulernen?</b><BR />Clignon: Man kann sich bei der Arbeit, bei der Teilnahme an einem Kurs oder in einer Feriengruppe kennenlernen. Eigentlich immer und überall. Die Beratungsstelle LISEA organisiert auch regelmäßig das MIXOtreffen, wo es konkret darum geht, ein Übungsfeld zu haben um andere Menschen kennenzulernen. <BR /><BR /><b>Sind Datingportale ein Thema?</b><BR />Clignon: Datingportale sind eine weitere Möglichkeit. Dabei braucht es aber die Kompetenz, sie bewusst und sicher zu nutzen: Wer steckt hinter einem Profil? Wie kann ich mich darin gut bewegen? Wie kann ich mir bei Bedarf Hilfe holen? Es gibt Datingportale, die sich auf Menschen mit Beeinträchtigung spezialisiert haben, die im deutschsprachigen Raum zu finden sind. <BR /><BR /><embed id="dtext86-71494480_quote" /><BR /><BR /><b>Menschen mit Beeinträchtigung wird ein Sexualleben oft abgesprochen....</b><BR />Clignon: Sexualität, Nähe und Lust zu spüren sowie Geborgenheit zu erleben, sind Grundbedürfnisse. Aber jeder von uns entwickelt eine eigene Sexualität. Es gibt Menschen, die ihre Sexualität bewusst leben, andere haben gelernt, sie zu unterdrücken. Auch hier spielt das Umfeld eine Rolle. Wenn z. B. eine Person mit kognitiver Beeinträchtigung als ewiges Kind gesehen wird, wird sie wenig Entwicklungsmöglichkeiten spüren. Jeder Mensch hat ein Recht auf Sexualität, ob mit oder ohne Beeinträchtigung. Und jeder Mensch kann seine eigene Form des Erlebens finden. Für manche ist Händchenhalten ein Hochgefühl, Andere möchten aber viel mehr erleben. Außerdem darf man eines nicht vergessen.<BR /><BR /><b>Und das wäre?</b><BR />Clignon: Einerseits wird Menschen mit Beeinträchtigung oft Sexualität abgesprochen, andererseits belegen Studien, dass sie häufiger sexueller Gewalt ausgesetzt sind, als Menschen ohne Beeinträchtigung. <BR /><BR /><embed id="dtext86-71494484_quote" /><BR /><BR /><b>Wie wird das Thema Sexualität in Einrichtungen behandelt?</b><BR />Clignon: Das ist ein Riesenthema. Wenn man in einer Einrichtung lebt, kann man nicht in allem selbst entscheiden, man muss sich nach vorgegebenen Regeln richten. Die Regeln in den Einrichtungen sind oft nicht ausgesprochen, aber trotzdem vorhanden. Wichtige Fragen für Menschen die in diesen Einrichtungen wohnen: Gibt es Platz für Beziehung? Kann ein Partner eingeladen werden? Vielleicht auch übernachten? Es gibt Einrichtungen, die offener sind, andere weniger. <BR /><BR /><b>Eine Möglichkeit, Menschen mit Beeinträchtigung eine selbstbestimmte Sexualität zu ermöglichen, ist die Sexualassistenz. Ist diese in Südtirol erlaubt?</b><BR />Clignon: Wir müssen zwischen aktiver und passiver Sexualassistenz unterscheiden. Zur passiven Sexualassistenz zählen Aufklärung und Sensibilisierung sowie der Kauf von Hilfsmitteln. Auch die Unterstützung körperlich beeinträchtigter Menschen dabei, sich in eine Position zu bringen, um die eigene Sexualität auszuleben, gehört dazu. Das ist hierzulande erlaubt. Verboten ist hingegen die aktive Sexualassistenz, bei der Dienstleistungen bis hin zum Geschlechtsverkehr angeboten werden. Das ist in Deutschland, den Niederlanden oder Österreich legal. <BR /><BR /><embed id="dtext86-71494488_quote" /><BR /><BR /><b>Was muss sich gesellschaftlich verändern, um Menschen mit Beeinträchtigungen ihre Lust zuzugestehen?</b><BR />Clignon: Eine Beeinträchtigung ist eine Facette von vielen. Jeder Mensch ist einzigartig. Mit diesem Bewusstsein wird klar, dass der Stempel ‚Beeinträchtigung‘ kein Grund sein kann, jemandem Sexualität nicht zuzugestehen. Auch wenn es für manche Menschen mehr Unterstützung und auch Begleitung braucht, damit sie selbst für sich entscheiden können.<BR /><BR /><b>Wie unterstützt die Beratungsstelle LISEA?</b><BR />Clignon: Wir sind eine Beratungsstelle für Liebe und Sexualität und bei der Lebenshilfe angesiedelt. Wir begleiten hauptsächlich Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Wir beraten aber auch Fachpersonen, Eltern und Bezugspersonen. Das Interesse ist groß, die Nachfrage steigt seit Jahren. <h3> Neue Selbsthilfegruppe</h3>In Bozen entsteht eine neue Austauschgruppe für Menschen mit körperlichen Behinderungen, in der Themen wie Partnerschaft und Familie im Mittelpunkt stehen. „Ich möchte sehen, ob andere Menschen mit Behinderung die gleichen Schwierigkeiten haben wie ich und mich mit ihnen darüber austauschen“, erzählt Gründerin Martina Macron (36). Bei den Treffen, die in italienischer Sprache stattfinden, kann man sich austauschen und über Beziehungen, Elternschaft und Liebe nachdenken. Ziel ist es, sich gegenseitig zu unterstützen und das Vertrauen in sich selbst und andere zu stärken. <BR /><BR /><b>Weitere Treffen geplant</b><BR /><BR />Das erste Treffen findet am 20. September von 16 bis 18 Uhr im Sitz der Lebenshilfe in Bozen statt. Weitere Treffen sind für den 4. Oktober, den 15. November und den 13. Dezember geplant. Die Teilnahme ist kostenlos. Zur Anmeldung kann man sich an Dienststelle des Dachverbands für Soziales und Gesundheit wenden (Tel. 0471/18 88 81 10). <BR /><BR />Heidi Ulm, Mitglied im Monitoringausschuss für Menschen mit Behinderungen, begrüßt die Initiative. „Auch Menschen mit Beeinträchtigung haben ein Recht darauf, Liebe und Sexualität zu erfahren. Sie kämpfen mit den gleichen Schwierigkeiten wie Menschen ohne Beeinträchtigung“, sagt sie. Da das Thema ein Tabu sei, müsse Aufklärung bereits in der Schulzeit beginnen.