von Elmar Pichler Rolle<BR /><BR />Das Bild wiederholt sich in Bozen jeden Sonntagabend. Drei großen Omnibussen entsteigen 150 Schülerinnen und Schüler aus Livigno, um ihre Heimplätze oder – in einigen Fällen – private Unterkünfte zu erreichen. Am frühen Freitagnachmittag holen die Busse die Oberschüler wieder ab und fahren sie über Meran, Taufers im Münstertal und den Ofen-Pass zurück in die zollfreie Zone nach Livigno. Seit weit mehr als einem Vierteljahrhundert werden Hunderte Jugendliche aus Livigno also in Südtirols Landeshauptstadt ausgebildet.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265691_image" /></div> <BR /><BR />Livigno liegt zweieinhalb „Autobus-Stunden“ von Bozen entfernt, ist aber dennoch der beliebteste Studienort vieler Familien von Livigno. Das rührt daher, dass es im knapp 7.000-Einwohner-Ort – der jetzt, in der touristischen Hochsaison, auf bis zu 45.000 Menschen anwächst – keine Oberschule gibt.<BR /><BR />Im nächstgelegenen Ort, Bormio (4.000 Bewohner), gibt es nur eine Oberschule, und die Busfahrt dorthin dauert eine gute Stunde. Manche entscheiden sich dafür, pendeln täglich zwischen den Orten und nehmen die Überquerung von gleich zwei Pässen auf sich. Auch in Tirano, 9.000 Einwohner, gibt es keine Oberschule, sondern nur eine Berufsschule. Dort werden junge Menschen aus Livigno ausgebildet, die es vorziehen, einen praktischen Beruf zu erlernen.<BR /><BR />Die Provinzhauptstadt Sondrio (22.000 Einwohner) hat zwar ein vielfältiges Angebot an Oberschulen, aber viel zu wenig Heimplätze. Hinzu kommt, dass die Busfahrt nach Sondrio ebenfalls zweieinhalb Stunden dauert und somit genauso lang ist wie jene nach Bozen. In der Talferstadt hingegen finden sich offensichtlich genügend Heimplätze. <BR /><BR />150 Schülerinnen und Schüler sind eine beachtliche und seit vielen Jahren ziemlich stabile Anzahl. Die Auswahl in Bozen ist groß und die jungen Leute aus Livigno verteilen sich in etwa gleichermaßen auf die italienischen Oberschulen. <BR /><BR />Den Mädchen und Buben aus Livigno gefällt Bozen. „Es ist für uns eine große Stadt, in der es in allen Bereichen viel mehr Angebote gibt als in Livigno oder in den Nachbarorten, das finden wir cool“, erzählt eine Schülerin, die heuer Matura macht. Auf die Frage, wie es mit dem Unterrichtsfach Deutsch aussieht, meint sie: „Das ist zu Beginn natürlich ungewohnt und vor allem schwierig, aber irgendwie geht es und zusammen mit dem Englischen nehmen wir etwas mit auf dem Lebensweg, das wir gut brauchen können.“<h3> Zur Geschichte von Livigno</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265694_image" /></div> <BR /><BR />Livigno (im Bild) ist 1.816 Meter hoch gelegen, zählt rund 6.700 Einwohner, wurde 1187 erstmals urkundlich erwähnt und ist seit 1797 eigenständige Gemeinde. Bereits ab 1538 wurden „Klein Tibet“, wie der Olympiaort von 2026 auch scherzhaft genannt wird, besondere Begünstigungen zugestanden. 1805 erklärte der französische Kaiser Napoleon III. Livigno zur zollfreien Zone. Angeblich wollte Bonaparte aus militärischen Gründen, dass Livigno ganzjährig bewohnt wird. Nach dem Sturz Napoleons bestätigte auch der österreichische Kaiser Franz I. im Jahre 1818 das Privileg. Ab der Zugehörigkeit zum Königreich Italien 1861 musste Livigno jedoch bis 1910 warten, ehe der zollfreie Status erneut bestätigt wurde. Italien bekräftigte diesen 1934, 1940, 1954 und 1973. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Vorläuferin der EU, anerkannte den Sonderstatus 1960. Ausschlaggebend für die bis heute gültige Sonderregelung war der Umstand, dass Livigno bis nach dem Zweiten Weltkrieg nur im Sommer erreichbar war. Ab 1952 ermöglichte eine neue Straße über die Pässe Foscagno und Eira – mit wetterbedingten Unterbrechungen – den Winterbetrieb. 1965 wurde der mautpflichtige Munt-La-Schera-Tunnel von Graubünden aus eröffnet (die Hin- und Rückfahrt kostet zirka 40 Euro – E-Tickets und Wochentarife sind günstiger). Seitdem ist Livigno ganzjährig erreichbar. Welche Regeln gelten in der zollfreien Zone? In Livigno werden alle Waren ohne Mehrwertsteuer verkauft, was sie günstig macht. Beliebte Artikel sind Alkoholika, Parfüms, Kosmetika, Elektrogeräte, Zucker und Treibstoff. Ein Liter Super Benzin kostet aktuell zirka 1,26 Euro, ein Liter Diesel 1,15 Euro. Das eigene Fahrzeug darf voll betankt werden, erlaubt ist zudem die Mitführung eines Zehn-Liter-Kanisters. Pro Person gilt ein Freibetrag von 300 Euro. Die Einkaufsrechnungen müssen bei Kontrollen vorgezeigt werden. Es ist nicht erlaubt, den zollfreien Betrag für eine Ware geltend zu machen, die über 300 Euro kostet, indem der Freibetrag mehreren Personen angerechnet, also aufgeteilt wird.<Rechte_Alle_Rechte_vorbehalten></Rechte_Alle_Rechte_vorbehalten>