Sonntag, 01. Dezember 2019

Welt-Aids-Tag: Solidarität statt Stigma

Jedes Jahr am 1. Dezember zum Welt-Aids-Tag erinnern weltweit verschiedene Organisationen an das Thema Aids. Die Krankheit ist heute zwar kein Todesurteil mehr und kann gut unter Kontrolle gehalten werden, doch das Stigma bleibt. Diese Stigmatisierung und die damit einhergehende Diskriminierung stellen für Betroffene eine starke psychische Belastung dar.

Betroffene erleben häufig Zurückweisung und Diskriminierung.
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Betroffene erleben häufig Zurückweisung und Diskriminierung. - Foto: © shutterstock

Mit einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag anlässlich des Welt-Aids Tages sollte das Bewusstsein für das Thema AIDS geschärft werden. Im Zuge dessen forderten die Vertreter des Südtiroler Sanitätsbetriebes, der Caritas und des Vereins Pro Positiv mehr Solidarität und weniger Stigmatisierung für die Betroffenen. Infizierte haben in der heutigen Zeit dank moderner Behandlungsmethoden und aktueller Medikamente eine fast normale Lebenserwartung in einer nahezu gleich hohen Lebensqualität wie Nicht-Infiziertere. Allerdings erleben Menschen mit HIV immer noch Zurückweisung, Benachteiligung und oft genug auch Schuldzuweisungen.

All das kann bei den Betroffenen zu psychischen Erkrankungen führen. Für manche ist die Angst vor Zurückweisung und Diskriminierung oft genug ein Grund, sich keinem HIV-Test zu unterziehen. Diese Menschen leben dann möglicherweise lange mit einer unbehandelten HIV-Infektion, bis sie schwer erkranken.

Unbegründete Ängste vor HIV-Übertragung

Die Basis für die Diskriminierung von Menschen mit HIV sind meist unbegründete Ängste vor einer HIV-Übertragung und oft auch Vorurteile. Dabei gibt es keinen vernünftigen Grund, HIV-Infizierte zu meiden, denn der Kontakt im üblichen Rahmen ist ohne Risiko. Nicht ansteckend sind beispielsweise Zungenküsse, Hautkontakte, gemeinsame Nutzung von Geschirr, Kleidung und Wäsche oder die gemeinsame Nutzung von Schwimmbad, Sauna, Toiletten und Waschraum.

Werden die üblichen Hygieneregeln beachtet, gibt es auch bei Maniküre, Piercing, Tätowieren und dem Stechen von Ohrringen kein Risiko. Allerdings sollten stechende oder schneidende Gegenstände, die mit Blut in Kontakt kommen können, immer nur einmal benutzt oder wirksam desinfiziert werden.

Am häufigsten Übertragung durch Geschlechtsverkehr

Die Übertragung des Virus erfolgt am häufigsten durch Geschlechtsverkehr. Das Virus befindet sich in Blut, Samenflüssigkeit, Scheidensekret, Wundsekret und in der Darmschleimhaut. Ein Eindringen des Virus in den Körper ist über winzige Verletzungen möglich. Insbesondere über die empfindliche Darmschleimhaut, der Schleimhaut am Muttermund, der Scheidenhaut und der männlichen Vorhaut.

Eine Ansteckungen ist auch durch den gemeinsamen Gebrauch von Spritzbestecken, durch unsachgemäßes Piercing oder unsachgemäß durchgeführter Tätowierungen möglich.

Nach wie vor besteht das höchste Ansteckungsrisiko bei ungeschütztem Anal- und Vaginalverkehr. Ungeschützter Oralverkehr ist ebenfalls risikoreich, sofern es zum Samenerguss im Mund kommt und gleichzeitig Verletzungen oder Entzündungen der Mundschleimhaut oder des Rachens vorhanden sind. Bei Personen mit intravenösem Drogenkonsum blieb die Infektionsrate in den vergangenen Jahren stabil.

In Südtirol 850 HIV-Infizierte

In Südtirol leben 850 Patienten mit dem HIV-Virus. Die meisten dieser Personen, etwa 500, werden im Landeskrankenhaus Bozen betreut und behandelt. Die restlichen ziehen eine Betreuung durch ein Krankenhaus außerhalb Südtirols vor. 70 Prozent der von der Infektionsabteilung des Landeskrankenhauses Bozen Betreuten HIV-Infizierten sind männlich, 30 Prozent weiblich.

In den vergangenen Jahren infizierten sich im Durchschnitt alljährlich 20 bis 25 Südtiroler mit HIV. Von Dezember 2018 bis November 2019 gab es in Südtirol 15 neue Fälle, was einer Infektionsrate von 2,8 Fälle pro Hunderttausend Einwohner entspricht. In Italien lag die Infektionsrate im Jahr 2018 bei 4,7 Fällen pro Hunderttausend Einwohnern, im gleichen Jahr betrug diese europaweit 5,1 neue Fälle pro Hunderttausend Einwohnern.

Großer Teil der Neuinfizierten betraf „Late Presenter“

Das Durchschnittsalter der Neuinfizierten in Italien liegt bei 39 Jahren, 14 Prozent sind jünger als 25 Jahre. Betroffen sind mit 85 Prozent überwiegend Männer. 41 Prozent der Neuinfizierten haben sich über ungeschützten heterosexuellen Geschlechtsverkehr angesteckt, 39 Prozent bei ungeschütztem gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr. 70 Prozent der Neuerkrankungen in Italien betrafen Italiener, 30 Prozent Personen mit einer anderen Staatszugehörigkeit.

Ein großer Teil der festgestellten Neuerkrankungen betraf 2018 die so genannten Late Presenter. Das sind Personen, die erst im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit bei den Gesundheitsdiensten vorstellig werden. In Europa lag diese Quote im vergangenen Jahr bei 49 Prozent, in Italien bei 57 Prozent der neuen Fälle.



„Wir haben in Südtirol eine gute Versorgung der HIV-Positiven, unsere Infektionsabteilung versorgt alle HIV Patienten von Südtirol. Wir sind auf HIV-Therapie und -Betreuung spezialisiert, in unseren Ambulatorien gibt es keine Wartezeiten und Notfälle werden bei uns sofort versorgt“, unterstreicht Elke Maria Erne, Primaria der Infektionsabteilung am Landeskrankenhaus Bozen.

Ein besonderes Anliegen ist der Primaria die Vorsorge: „Niemand sollte sich aus Angst vor einer eventuellen Stigmatisierung von der Durchführung eines HIV-Tests abhalten lassen. Es ist wichtig, dass so viele Menschen wie möglich den Test machen. Damit könnte die Verbreitung der Krankheit noch besser eingedämmt werden.“

Aids sei eine Krankheit, die zwar derzeit in einer begrenzten Zahl von Fällen auftritt, aber nicht zu unterschätzen sei, betont Sanitätsdirektor Pierpaolo Bertoli. Es sei weiterhin notwendig, wachsam zu sein und sich des Risikos bewusst zu sein, dies solle besonders jungen Menschen gelten.

Die Krankheit hat für junge Generation Schrecken verloren

Die an sich gute Nachricht, dass mittlerweile durch moderne Medikamente und Methoden HIV gut unter Kontrolle gehalten werden kann, hat auch ihre Schattenseite. Denn vor allem für jüngere Generationen, die die Todeswellen in den 80er- und 90-Jahren nicht miterlebt haben, hat die Krankheit ihren Schrecken verloren. Dabei ist HIV und in der Folge Aids immer noch unheilbar und potenziell tödlich.

Deshalb ist und bleibt Vorbeugung und Aufklärung in Sachen AIDS weiterhin immens wichtig. „Test ruft Test: Ein Test bleibt der erste Schritt im Kampf gegen AIDS. Testen ist wichtig für sich selbst aber auch für seinen Partner.“, so Raffaele Pristerà vom Verein Pro Positiv. Einen Test zu machen bedeute also auch, andere Menschen zu ermutigen, diesen ebenfalls durchzuführen.

Ganz wichtig sei auch die soziale und psychologische Betreuung jener, die bereits erkrankt sind, unterstreicht Pierpaolo Patrizi von der Caritas. „Seit 1992 begleitet die Caritas mit dem Dienst Iris Menschen mit HIV und AIDS sowie deren Familien und Freunde. Derzeit sind 3 Caritasdienste an dieser Betreuung beteiligt: Haus Emmaus, das seit 1997 bis zu 14 Personen aufnimmt und Wiedereingliederungsprojekte fördert. Bahngleis 7, ein “Zufluchtsort„, der Menschen betreut, die HIV-positiv sind und mit einem Abhängigkeitsproblem zu kämpfen haben. Schließlich der bereits erwähnte Dienst Iris, der mit 12 Freiwilligen, einem Musiktherapeuten und einem verantwortlichen Psychotherapeuten Menschen mit HIV in der Infektionsabteilung Bozen, zu Hause sowie am Caritas-Hauptsitz in der Sparkassenstraße 1 in Bozen begleitet.“

Für alle Dienste bedeute Begleitung, die betroffene Person in den Mittelpunkt der Intervention und der Beziehung zu stellen. Immer im Bewusstsein, dass die Krankheit nicht nur eine biologische Tatsache, sondern ein einschneidendes Lebensereignis sei, welches das Leben derer beeinflusst, die täglich damit leben müssen.

Betreuung in Südtirol – Wirksame Medikamente

Vom Südtiroler Sanitätsbetrieb werden die neuesten Wirkstoffe eingesetzt, die auf dem Markt erhältlich sind, um die Krankheit bei den Betroffenen unter Kontrolle zu halten. Diese Medikamente sind sehr wirksam und funktionieren bei rund 90 Prozent der Patienten sehr gut. Grundsätzlich werden bei einer HIV-Therapie immer mehrere Wirkstoffe gleichzeitig verwendet, die an verschiedenen Punkten des HIV-Vermehrungszyklus ansetzen. Diese können auch in einer einzigen Tablette enthalten sein. Eine derartige Behandlung wird als Kombinationstherapie bezeichnet.

Bei regelmäßiger Einnahme wird sichergestellt, dass das Virus sich nicht weiter vermehren kann und sich keine Resistenzen bilden. Um Therapieerfolge sicherzustellen, muss rechtzeitig mit der Einnahme der Medikamente begonnen werden. Nach heutigem Forschungsstand muss die Einnahme der Medikamente das ganze Leben lang erfolgen. Ziel der HIV-Therapie ist es, die Virusvermehrung zu hemmen, damit sich das Immunsystem erholen und lebensbedrohliche Infektionen abwehren kann.

Vollständig kann HIV nicht aus Körper entfernt werden

Ob dies mit der gewählten Kombination gelingt, lässt sich anhand von 2 Laborwerten ablesen: Viruslast, also die Anzahl der Viren im Blut und der Anzahl der T-Helferzellen. Als Therapieerfolg gilt ein Absinken der Virusmenge unter die Nachweisgrenze von 50 Viren pro Milliliter Blut. Dies sollte etwa 3 bis 4 Monate nach Therapiebeginn erreicht sein. Je höher die Viruslast, desto größer ist das Risiko, dass die Krankheit fortschreitet.

Eine Viruslast von über 100.000 Kopien/ml wird als hoch eingestuft. Parallel zur Abnahme der Viruslast sollte die Zahl der Helferzellen ansteigen. Diese Immunzellen haben eine wichtige Funktion bei der Steuerung der körpereigenen Abwehr. Als normal gelten Werte von über 500 Zellen pro Mikroliter Blut. Ganz aus dem Körper entfernen lässt sich HIV allerdings nicht. Eine Heilung ist weiterhin nicht möglich.

stol