Mittwoch, 03. Oktober 2018

Wenn aus Panik Wut wird: 1400 Tote nach Tsunami

Nach der Tsunami-Katastrophe in Indonesien werden immer mehr Todesopfer entdeckt. Mehr als 1400 schon. Bei den Überlebenden wächst der Zorn auf die Behörden. Mit der bisherigen Hilfe ist keiner zufrieden.

Im Fischerort Donggala, weiter oben an der Küste, näher am Zentrum des schlimmsten Bebens mit Stärke 7,4, hat der Tsunami eine große Fähre mitten in den Ort geschwemmt.
Im Fischerort Donggala, weiter oben an der Küste, näher am Zentrum des schlimmsten Bebens mit Stärke 7,4, hat der Tsunami eine große Fähre mitten in den Ort geschwemmt. - Foto: © APA/AFP

Auf ihr altes Wahrzeichen, die Ponulele-Brücke über die Bucht, mit ihren beiden gelben Bögen, waren die Menschen in Palu ziemlich stolz. Jetzt liegt sie grotesk verbogen im Meer. Die 350.000-Einwohner-Stadt an der Westküste von Sulawesi, Indonesiens viertgrößter Insel, hat nun ein neues Symbol: die Grand Mall, das Einkaufszentrum oberhalb des Strands.

Dort oben auf dem Parkdeck wurde am Freitagabend, kurz nach 18.30 Uhr, das Handy-Video gedreht, mit dem die ganze Welt sehen konnte, wie der Tsunami über die Küste hereinbrach. Was davon übrig blieb, steht jetzt inmitten eines riesigen Trümmerfelds. Und es sind keinesfalls nur Menschen unterwegs, die helfen wollen. Sondern auch Uniformierte, mit dem Gewehr im Anschlag, um Plünderungen zu verhindern.

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Wut und Verzweiflung

Das Bild fasst die Stimmung in der Stadt ganz gut zusammen. Nach der Panik, nach der ersten Trauer, nach der Fassungslosigkeit macht sich jetzt zunehmend Wut und Verzweiflung breit. Die Menschen sind erbost darüber, wie wenig Hilfe von den Behörden kommt. „Wir haben keine Hoffnung mehr“, sagt Rahmat, einer der Überlebenden, der in einer Kirche Zuflucht gefunden hat. „Wir sind müde. Und wir sind verwirrt.“

Der Ärger richtet sich in der Hauptsache nicht einmal dagegen, dass das Tsunami-Warnsystem, das von Deutschen mitentwickelt wurde, kein wirklicher Schutz war. Am Strand gab es nicht einmal eine Sirene. Die Überlebenden regen sich jetzt aber eher darüber auf, dass es an den wichtigsten Dingen fehlt: an Wasser, Essen, Strom, Benzin.

Vor der Grand Mall gibt die Polizei mehrfach Warnschüsse ab, um zu verhindern, dass die geschlossenen Geschäfte gestürmt werden. Auch Tränengas feuert sie ab. Später lässt die Polizei dann doch Menschen in die Geschäfte. Kurzzeitig brandet sogar Jubel auf. Eigentlich dürfen nur Lebensmittel mitgenommen werden, aber es wird dann doch mehr. Später werden 45 Leute festgenommen, weil sie Dinge wie Fernseher mitgehen ließen.

„Wir brauchen Essen“

Anderswo stehen jetzt Menschen mit Schildern wie „Wir brauchen Essen“ und „Wir brauchen Unterstützung“ an den Straßen. An Tankstellen gibt es riesige Schlangen. Alle haben einen Benzinkanister in der Hand oder mehrere sogar. Wie groß das Chaos inzwischen ist, zeigt sich auch am Flughafen. Dort versuchen Tausende, mit einer Militärmaschine wegzukommen. Aber nur ein paar Dutzend Verletzte werden tatsächlich in die Provinzhauptstadt Makassar ausgeflogen.

Und immer noch, auch nach fünf Tagen, weiß niemand, wie groß das Ausmaß der Katastrophe tatsächlich ist. Der Katastrophenschutz beziffert die Zahl der Toten inzwischen auf mindestens 1407. Zudem gebe es mindestens 2550 Schwerverletzte und mindestens 113 Vermisste. Auf viele hier wirkt solch ein Zahlenwerk grotesk. Allen ist klar, dass wohl noch Hunderte Tote hinzukommen werden, vielleicht sogar Tausende.

Auf dem Gelände der Joonoge-Kirche nahe Palu werden im Schlamm die Leichen von 34 Schülern entdeckt, die dort an Bibelunterricht teilgenommen hatten. Mehr als 50 weitere Bibelschüler werden noch vermisst. In den Trümmern des eingestürzten Hotels „Roa Roa“ sind etwa 30 Gäste verschüttet. Kaum jemand glaubt, dass noch jemand am Leben ist. Die Rot-Kreuz-Helferin Aulia Arriani sagt: „Das Schlimmste ist, anderthalb Stunden durch den Schlamm zu waten und Leichen zu tragen.“

Riesiges Trümmerfeld

Im Fischerort Donggala, weiter oben an der Küste, näher am Zentrum des schlimmsten Bebens mit Stärke 7,4, hat der Tsunami eine große Fähre mitten in den Ort geschwemmt. Dort liegt das Schiff jetzt auf einem riesigen Trümmerfeld, angelehnt an ein Haus. Einer der Fischer Andi Abdullah, klagt: „Wir haben überhaupt noch keine Hilfe bekommen. Alles geht nach Palu.“ Und fleht: „Wir brauchen Essen und Trinken, so schnell wie möglich. Bitte habt Gnade mit uns.“

Es gibt aber auch Erfolge. Aus den Trümmern eines Verwaltungsgebäudes in Palu ziehen die Helfer einen Mann heraus, Sapri Nusin. „Können Sie laufen?“, fragt einer. Die Antwort: „Ja, aber ich bin sehr durstig“. Dann nimmt ihn ein Krankenwagen auf. Allerdings sinken die Chancen auf solche glücklichen Momente mit jeder Stunde. Das wissen auch die Retter. Die Hoffnung wird geringer. Aber noch ist sie da.
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dpa

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stol