Warum tun wir das? Wir sammeln Gigabyte um Gigabyte an Bildmaterial, um den Beweis zu liefern: „Ich war dabei.“ Und verpassen das Geschehen umso mehr. Inzwischen bestätigt das auch die Wissenschaft. Psychologen nennen es den „Photo-Taking-Impairment-Effect“. <BR /><BR />Die Forscherin Linda Henkel wies bereits 2014 nach, dass wir uns an Details von Objekten deutlich schlechter erinnern, wenn wir sie fotografieren. Das Gehirn signalisiert: „Die Kamera hat es gespeichert, ich muss es mir nicht merken.“ Wir delegieren unser Erleben an ein Gerät und schalten innerlich ab – eine kognitive Entlastung, die uns um unsere eigene Biografie betrügt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268280_image" /></div> <BR /><BR />Die bittere Ironie ist: Wer nur filmt, war eben gerade nicht wirklich dabei. Studien der University of Pennsylvania zeigen, dass die bloße Absicht, ein Foto zu machen, zu einem „Attentional Disengagement“ führt. Unser Fokus verschiebt sich. Anstatt in den Moment einzutauchen, scannt das Gehirn die Umgebung nur noch nach dem besten Bildausschnitt.<BR /><BR /> Wir werden vom emotionalen Teilnehmer zum distanzierten Beobachter. Die visuelle Jagd nach dem perfekten Shot blockiert dabei unsere anderen Sinne. Wir haben dann zwar die Datei auf dem Handy, aber das Gefühl des Jubels, das Zittern der Flamme oder das Geräusch der Schritte hat unser Gehirn nie tiefenwirksam abgespeichert.<BR /><BR />Verschärft wird dieses Dilemma durch den Drang zur Selbstdarstellung. In der Psychologie spricht man von „Self-Presentational Concerns“: Anstatt Freude oder Ehrfurcht zu empfinden, bewertet unser Gehirn den Moment unter Stress nach seiner „Post-Würdigkeit“ für Social Media. Das Erlebnis wird zum bloßen Konsumgut für Dritte degradiert.<BR /><BR /> Die Likes und Kommentare von Menschen, die gar nicht anwesend sind, werden wichtiger als die unmittelbare Energie derer, die neben uns stehen. Dieser Zwang zur Inszenierung verwandelt uns in Regisseure unseres eigenen Lebens, anstatt uns einfach nur die Hauptrolle darin spielen zu lassen. Wir berauben den Moment seiner Magie, indem wir ihn zur Datei machen.<BR /><BR />Wie wär’s, das Handy einfach mal in der Tasche zu lassen. Den Moment mit den eigenen Augen aufzusaugen, die Umgebung zu spüren und die Emotionen ohne Umweg über eine Linse zuzulassen. Das schönste Archiv ist nicht die Cloud, sondern unsere eigenen Erinnerungen.