<b>Sie haben kürzlich das Buch „Enkel ohne Gott?“ veröffentlicht. Gibt es aus Ihrer Sicht tatsächlich „Enkel ohne Gott“?</b><BR /><BR />Wunibald Müller: Nein, nach meiner Überzeugung gibt es keine Enkel ohne Gott. Mir hat sich stark die Aussage des großen Theologen Karl Rahner eingeprägt, dass auch ein ungetauftes Kind in den Himmel kommen kann. Gott hat nie angefangen, uns zu lieben, da er uns schon immer liebt, so die Mystikerin Juliana von Norwich. Gottes Liebe beginnt nicht erst mit der Taufe. Auch hört sie nicht auf, wenn wir keiner Kirche angehören, aus der Kirche austreten oder nicht an Gott glauben. Er heißt uns willkommen und ist ein Leben lang und darüber hinaus für uns da.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1338276_image" /></div> <BR /><b>Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?</b><BR /><BR />Müller: Es ist unübersehbar: Religion befindet sich in unseren Breiten auf dem Rückzug, die Kirche in einem rasanten Absturz. Die einen verlassen die Kirche, andere haben von vornherein kein Interesse an ihr oder am Glauben. Die Gruppe der Personen, denen Religion, Spiritualität, Kirche gleichgültig sind und denen nichts fehlt, wo Gott fehlt, nimmt zu. Unter ihnen befinden sich auch immer häufiger Kinder und Enkel von Großeltern, denen der Glaube und die Zugehörigkeit zu einer Kirche weiterhin wichtig sind. Dazu kommt: Das spirituelle Angebot wird nicht, wie das früher der Fall war, wie selbstverständlich mit in die Wiege gelegt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-75674553_quote" /><BR /><BR /><b>Was heißt das aber?</b><BR /><BR />Müller: Jugendliche haben heute mehr als früher die Chance, manchmal auch die Qual, selbst zu entscheiden, wie sie es mit Religion halten wollen, wenn das überhaupt eine Option für sie ist. Ist das für sie eine Option, entscheiden sie sich nicht für eine Institution, mit der man „scheiße“ aussieht, wie laut einer Shell-Jugendstudie junge Menschen ihre Vorbehalte gegenüber der Kirche auf den Punkt bringen. Denken wir zum Beispiel an den Missbrauchsskandal und die weiterhin nicht vorhandene Gleichstellung von Frauen in der Kirche. Ihre Entscheidung gegen Kirche hängt weiter damit zusammen, dass sie inzwischen Kirche nur von außen, von ihrer Außenwirkung her kennen, damit aber nicht das erleben, was ihre Eltern oder Großeltern in ihrer Jugend als spirituell heimatstiftend in ihrer Gemeinde erlebt haben. <BR /><BR /><b>Manche Großeltern machen sich Vorwürfe, wenn ihre Kinder und Enkel nicht mehr glauben. Welche Worte würden Sie ihnen mitgeben?</b><BR /><BR />Müller: Wenn Großeltern feststellen, dass sie sich schuldig gemacht haben, weil sie zum Beispiel ihre Kinder religiös zu streng oder zu fromm erzogen oder ihnen ein Gottesbild vermittelt haben, das den strafenden Gott zu sehr in den Mittelpunkt gerückt hat, sollten sie dazu stehen und nichts schönreden. Das muss aber nicht dazu führen, dass sie sich deswegen ständig heruntermachen. Wenn sie zu dem Ergebnis kommen, dass sie bei der Weitergabe des Glaubens zwar Fehler gemacht, aber nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben, sollten sie reinen Tisch machen und sich nicht länger mit etwas beschweren, was sie nicht tragen müssen. Ihre Schuldgefühle gehören dann in die Tonne und dort sollten sie sie lassen. Bei manchen Großeltern besteht nämlich die Gefahr, dass sie ihren Schuldgefühlen Hausaltäre errichten, die sie jeden Tag mit Hingabe besuchen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1338279_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie gehen Großeltern sonst noch damit um, dass ihre Enkel der Kirche fernbleiben?</b><BR /><BR />Müller: Sie bedauern das und sind traurig darüber. Bedauern und Trauer haben ihren berechtigten Platz. Bedauern verzichtet auf Schuldgefühle, die bei genauerem Hinsehen nicht berechtigt sind, aber einen lähmen und die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst verhindern. Diese Auseinandersetzung könnte aber am Ende dazu führen, sich in Demut einzugestehen, dass man nicht über den Einfluss bei den Kindern und Enkeln verfügt, den man vielleicht gerne bei ihnen hätte, und es nicht allein von ihnen abhängt, wie religiös die Enkel sind oder sein werden. Wenn Großeltern ihr Bedauern und ihre Trauer hierüber zulassen, sind sie mit der Zeit auch empfänglicher für die Dankbarkeit ihrer Kinder und Enkel. Die sind ihnen dankbar, dass sie in all den Jahren, in denen sie als Eltern und Großeltern für sie verantwortlich und da waren, vor allem ihre Zuneigung erfahren durften. Das ist für die Kinder und Enkel die tragende Erfahrung, die auch durch manches, was sie in der Vergangenheit im Zusammenhang mit der religiösen Erziehung an Negativem durch ihre Eltern und Großeltern erfahren haben mögen, nicht erschüttert worden ist.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75674557_quote" /><BR /><BR /><b>Sollten Großeltern ihre Enkel ermutigen, zu glauben, oder ihre Haltung respektieren?</b><BR /><BR />Müller: Manche Kinder und Enkel gehen bewusst den spirituellen Weg, wie sie ihn von ihren Eltern und Großeltern her kennen. In diesen Fällen ist es für die Großeltern ein Leichtes, ihre religiösen Vorstellungen und spirituellen Praktiken mit den Kindern und Enkeln zu teilen. Sind den Eltern Religion und Kirche zwar egal, haben sie aber eine neutrale und freundliche Haltung dazu, laufen die Enkel bei den Großeltern, was das religiöse Leben betrifft, einfach mit. Sie bekommen mit, wenn sie mit den Großeltern zusammen sind, was diesen der Glaube bedeutet. Sie gehen mit den Großeltern in die Kirche und beten mit ihnen. <BR /><BR /><b>Für manche Eltern haben Glaube und Kirche keine Bedeutung.</b><BR /><BR />Müller: Manche sind dem Glauben und der Kirche gegenüber aber nicht neutral, sondern dezidiert kritisch oder sogar feindlich eingestellt, und von den Großeltern wird erwartet, sich in jeder Hinsicht, was Religion und Kirche angeht, abstinent zu verhalten. In solchen Fällen müssen die Großeltern sich zurückhalten und die Regeln ihrer Kinder beachten. Das gebietet der Respekt gegenüber ihren Kindern, in deren Hoheitsgebiet sie Gäste sind. Sie dürfen nie vergessen, dass es ein Privileg ist, zum inneren Zirkel der Familie ihrer Kinder gehören zu dürfen – ein Privileg, das sie sich nicht verscherzen sollten, indem sie die Gastfreundschaft, die ihnen damit gewährt wird, verletzen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75674741_quote" /><BR /><BR /><b>Wie wichtig ist es, den Glauben innerhalb der Familie weiterzugeben – und warum?</b><BR /><BR />Müller: Bei der Weitergabe des Glaubens geht es nicht nur um eine Glaubensvermittlung. Es geht vor allem auch um eine Erfahrung. Eine Pfarrerin berichtet davon, wie viel ihr als Kind das Abendgebet mit der Mutter bedeutet habe. Sie kuschelte sich dabei an ihre Mutter und spürte in diesen Momenten eine große Geborgenheit. Es war für sie eine schöne, positive Erfahrung, die sie mit Gott in Verbindung brachte. Diese Erfahrung, auf die sie nicht verzichten möchte, hat bis heute ihr Bild von Gott und ihr Vertrauen in Gott mitgeprägt. Sie reiht sich ein in andere religiös geprägte Erfahrungen in der Familie, zu denen auch die gemeinsam begangenen religiösen Feiern zählen. Diese positive religiöse Erfahrung im Schoß der Familie hält auch dann an, wenn man die Familie verlassen hat, und kann sich im Alltag als Kraftreserve erweisen. Es ist wie ein inneres Erbe, das einem unabhängig vom Wandel der Zeiten und den Zufällen des Lebens weitergegeben wird. <BR /><BR /><BR /><b>Wie sollte man den Glauben weitergeben?</b><BR /><BR />Müller: Behutsam, immer auch darauf schauend, ob das auch erwünscht ist. Getragen von der Überzeugung: Ich will etwas, das mir in meinem Leben wichtig ist, das mich mitgetragen hat, meinen Nachkommenvermitteln. Ich fände es schade, würde ihnen eine Erfahrungsdimension vorenthalten werden, die nach den eigenen Erfahrungen zu einer Bereicherung des Lebens beiträgt. <BR /><BR /><b>Was sollte man vermeiden?</b><BR /><BR />Müller: Das nicht missionarisch angehen, nicht unbedingt die anderen überzeugen zu müssen oder gar versuchen, die anderen zu manipulieren. Dabei kann ich auch darauf vertrauen, dass mein Vorbild, wie ich meinen Glauben lebe, wie sehr er mir auch in schwierigen Situationen meines Lebens eine Hilfe ist, eine entsprechende Wirkung erzielt. Hier möchte ich Großeltern Mut machen, darauf zu vertrauen, dass ihre religiösen Einstellungen und Haltungen abfärben. Der Komiker Karl Valentin soll gesagt haben: „Man kann die Kinder nicht erziehen, sie machen einem sowieso alles nach.“ Das gilt auch für die Enkel und da auch für den religiösen Bereich. Auch sollten Großeltern bedenken, dass es außer ihnen andere Personen gibt – Bekannte, Freunde, Paten, Seelsorgende –, die Einfluss darauf haben, ob ihre Enkel dem Religiösen eine Bedeutung beimessen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1338282_image" /></div> <BR /><b>Welche Chancen entstehen, wenn Großeltern ihre Erwartungen an die Glaubensweitergabe loslassen?</b><BR /><BR />Müller: Gelingt den Großeltern dieser achtsame Umgang mit der Weitergabe des Glaubens, können sie genießen, was sie jetzt, in der Gegenwart, an den Enkeln haben. Statt lange zu bedauern, was sie von dem, was sie sich von ihren Enkeln erwarten, nicht bekommen, freuen sie sich an dem, was diese ihnen trotzdem geben können. Sie verlassen ihr selbst geschaffenes Gefängnis, in das sie sich selbst einsperren, solange sie an dem festhalten, was ihrer Überzeugung nach ihre Enkel tun und lassen sollten. Sie eröffnen einen Raum für das, was möglich ist oder jetzt erst überhaupt möglich ist. Sie nutzen die Zeit, die sie – noch – haben, einfach mit ihren Enkeln zu sein. Darum aber geht es doch im Letzten. Dabei verkenne ich nicht, dass vieles an religiösen Angeboten untergehen, unbeachtet bleiben wird, wenn es im Alltag einer Familie keine Rolle mehr spielt. <BR /><BR /><b>Können Sie ein Beispiel nennen?</b><BR /><BR />Müller: Es ist offensichtlich, dass es die Ausnahme sein wird, dass Jugendliche, die nicht als Kleinkinder getauft wurden, sich später für eine Taufe entscheiden. Zugleich wird an dieser Stelle auch deutlich, wie problematisch im Grunde eine Kindertaufe ist. Wenn man sich als Eltern tatsächlich für die Kindertaufe entschieden hat, ist es immer auch wichtig, es zu akzeptieren, wenn Jugendliche später einmal selbst entscheiden, was für sie bezogen auf den Glauben stimmt.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75674749_quote" /><BR /><BR /><b>Sind Enkel, die nicht an Gott glauben, dennoch spirituelle Menschen?</b><BR /><BR />Müller: Wenn Großeltern gut genug hinschauen, können sie vielleicht entdecken, dass ihre Kinder genau das leben und sich dafür starkmachen, was für sie das Zentrum eines christlichen Glaubens ausmacht. Wichtig ist ihm, so ein Großvater, dass seine Kinder und seine Enkelin großherzig und rücksichtsvoll sind, mit anderen mitleiden können. Auch wenn sie die christliche Tradition nicht mitmachen, sind die Grundwerte wie Nächstenliebe und Feindesliebe, die ein wesentlicher Teil der christlichen Botschaft sind, bei ihnen angekommen. Zu erleben, dass diese durch die Enkel praktiziert werden, relativiert die Befürchtung von Großeltern, an ihren Enkeln sei da etwas ganz Entscheidendes vorbeigezogen, wenn sie sich nicht um den Glauben, wie sie ihn verstehen, und die Kirche kümmern.<BR /><BR /><b>Können Großeltern möglicherweise von ihren Kindern und Enkeln lernen?</b><BR /><BR />Müller: Wenn Großeltern das würdigen, können sie einfach stolz auf ihre Kinder und Enkel, aber auch auf sich selbst sein, hat doch ihre Erziehung – und da auch ihre religiöse Erziehung – dazu beigetragen. Weiter ist es wichtig, sich als Großeltern in Demut einzugestehen, dass man in seinen Nachkommen nicht eine Sehnsucht nach Gott wecken kann, die vielleicht so, wie sie es sich vorstellen, gar nicht da ist. Ihre Nachkommen aber machen das, was ihnen auf eine andere Weise spirituelle Erfahrungen ermöglicht. Auf die Frage „Ist ein Auftritt auf der Bühne für Sie ein Gottesdienst, dem sie beiwohnen, oder einer, den sie halten?“ antwortete der Musiker Bruce Springsteen, dass ein gelungenes Konzert für ihn eine Erfahrung von Transzendenz sei. Das trifft auch auf viele junge Leute zu, für die ein Popkonzert ein spirituelles Erlebnis sein kann. Wenn Großeltern das bedenken und würdigen, können sie erkennen, dass nicht alles, was Glaube und die Kirche betrifft, den Bach runtergeht. Ja, man kann als Großeltern vielleicht auch von den Kindern und Enkeln spirituell etwas lernen.<h3> Zur Person:</h3>Wunibald Müller, geb. 1950, studierte Theologie und Psychologie. Langjähriger Leiter des Recollectiohauses der Benediktinerabtei Münsterschwarzach (Bayern). Bekannt wurde er als Autor zahlreicher Bücher und Beiträge zu Themen der Spiritualität und Psychotherapie. Wunibald Müller lebt in Würzburg. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.