Immer wieder brechen Bergsteiger zu einer Tour auf – und kehren nicht mehr zurück. „Das nötige Wissen und angemessener Respekt sind im Alpinismus mindestens genauso wichtig, wie körperliche Fitness“, weiß Georg Simeoni, Präsident des Alpenvereins Südtirol (AVS). Doch was, wenn es trotz aller Vorsicht zu einem tödlichen Unglück kommt? Wie verarbeitet man ein so tragisches Ereignis als Angehöriger und Hinterbliebener?<h3> Mit der Bergung ist es längst nicht getan</h3>Kommt es zu einem tödlichen Bergunglück, sind zunächst die Bergretter vor Ort. „Ein Todesopfer in den Bergen geht für uns in erster Linie mit einer Bergung einher“, erklärt Thomas Hellrigl, Landesleiter des Bergrettungsdienstes (BRD). Das heißt: Zum Einsatzort vordringen und die verunglückte Person sowie eventuelle Begleiter sicher ins Tal bringen. Mit der Bergung allein ist es allerdings längst nicht getan – was, wenn eine Begleitperson den tragischen Unfall mit ansehen musste? <h3> Betreuung in Extremsituationen</h3>„Unsere Bergretter sind speziell dafür ausgebildet, in solchen Situationen angemessen zu reagieren. In diesen Momenten versuchen wir, so gut wie möglich, einen Bezug zur betroffenen Person aufzubauen.“ Damit das gelingt, konzentrieren sich mehrere Bergretter ausschließlich darauf, sich um die Begleitperson oder die Gruppe zu kümmern – sie nicht aus den Augen zu lassen, präsent zu bleiben und Unterstützung anzubieten.<BR /><BR />„So soll verhindert werden, dass sich eine Begleitperson in einer solchen Grenzerfahrung alleingelassen fühlt.“ In diesen Momenten sei es laut Hellrigl außerdem entscheidend, dass die Nachricht über den Todesfall nicht vorschnell nach außen dringt. „In einer so vernetzten Welt ist der erste Instinkt von Begleitpersonen oft, Angehörige sofort zu informieren. Doch das ist Aufgabe der Behörden“, betont er – auch, um sicherzustellen, dass die Informationen geprüft und verlässlich sind.<h3> Der Einsatz der Bergretter endet nach Bergung – zumindest offiziell</h3>Sind der Leichnam des Verunglückten, eventuelle Begleitpersonen und die Einsatzkräfte wieder im Tal angekommen, endet der Einsatz der Bergretter offiziell – die Notfallseelsorge übernimmt. „Ich habe allerdings oft erlebt, dass sich Angehörige auch nach einem Einsatz bei uns gemeldet haben, um genauere Informationen zum Unglück zu erhalten“, erklärt Hellrigl. „Um das Geschehene besser nachvollziehen und sich damit auseinandersetzen zu können.“<BR /><BR />Was den längerfristigen Trauerprozess anbelangt, sei dieser laut dem BRD-Landesleiter sehr individuell: „Es gibt keinen allgemeingültigen Weg der Bewältigung. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, um den Verlust zu verarbeiten und allmählich wieder in den Alltag zurückzufinden.“<h3> Hilfsangebote für Trauernde</h3>Dabei wenden sich Angehörige und Hinterbliebene von Bergopfern häufig auch an Hilfsangebote und Hilfsnetzwerke. Das Trauernetzwerk Südtirol oder soziale Organisationen wie die Caritas stehen hier als Ansprechpartner zur Verfügung und können unterstützen, die Trauer langfristig zu bewältigen und mit dem besser Schmerz umzugehen.<h3> Auch Retter brauchen hin und wieder eine Auszeit</h3>Und was, wenn ein Bergretter selbst Hilfe bei der Verarbeitung eines Einsatzes braucht? „Als Bergretter werden wir immer wieder mit Todesfällen und teils stark verletzten Personen konfrontiert. Das kann emotional sehr belastend sein und fordert uns persönlich stark heraus“, schildert Hellrigl. Aus diesem Grund verfüge der Bergrettungsdienst über ein internes Hilfsnetzwerk, das speziell und ausschließlich für Bergretter vorgesehen ist, die Unterstützung bei der Verarbeitung belastender Einsätze benötigen.<BR /><BR />„Unser sogenanntes Peer-System ist landesweit aktiv und besteht aus 30 speziell ausgebildeten Bergrettern. In speziellen Ausbildungskursen, die unter der Leitung des Institutes für Psychologie der Universität Innsbruck abgehalten wurden, ist die Bergrettungsgruppe auf diese Thematik vorbereitet worden. Sie stehen rund um die Uhr zur Verfügung, bieten Nachgespräche und Treffen an. Das Netzwerk soll unter anderem dazu beitragen, das Risiko einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu verringern“, so Hellrigl. Denn auch Retter brauchen hin und wieder eine Auszeit.